Frieda Valent verh. Wohlfahrt (Gurk 21.9. 1902 – Lebmach 2.7.1985)

Juni 7, 2022 um 12:44 | Veröffentlicht in St.Veit | 1 Kommentar

Starkes Mutterherz in einem bewegten Jahrhundert

Friedas Eltern, Franz 1867-1951 und Helene Valent, geborene Bulfon 1870-1939 kamen aus Friaul , der Vater aus Pianis in der Pfarre Portis – heute besser bekannt als Carnia, die Mutter aus Ovedasso in der Pfarre Moggio Udinese (zu Deutsch Mosach). Ovedasso zählt heute zu den verlassenen Orten der Region. Die Angabe von Venzone als Geburtsort von Franz Valent in seinen meisten Urkunden ist eigentlich irreführend. Das entsprach einer Übung den nächst größeren, den bekannteren Ort heranzuziehen, um die Orientierung zu erleichtern. Venzone hieß übrigens zu Deutsch „Peuscheldorf“.

Wie kommt es aber, dass drei Kinder des eingangs erwähnten Elternpaares in Kärnten, noch dazu in Gurk das Licht der Welt erblickten? Der Reihe nach waren es Engelbert (1899), Aloisia (1901) und Frieda. Die Antwort darauf ist eine lange Geschichte. Man muss zeitlich sehr weit zurück blättern, am besten in jene Zeit, wo Kaiser Franz Josef, der Habsburger, Friaul bis weit nach Udine regierte und er es sich erlauben konnte, freiwillige junge Männer von dort in seine große Armee zu berufen.

Der Großvater

hieß Giovanni Batista Valent, geboren 1831, seit 1867 mit Maria Colle vlg. Moiza verehelicht. Er war es, der im Alter von 20 für 12 Jahre des Kaisers Soldat wurde, mit der Eheschließung jedoch entsprechend lange warten musste. Wohl konnte er sich mit seinem langen Dienst das Recht erwerben, sich später, wo immer im Kaiserreich frei niederzulassen. Zu der Zeit lebten noch seine Eltern, die aus ganz bestimmten Gründen hier angeführt seien: Vater Francesco Valent de Lungie, Mutter Maddalena Cucche. Weil es in Portis so viele Valent gab, wurden Großfamilien mit Sopranamen versehen. Der Großvater gehörte dem Clan der Lungie, also dem der Großgewachsenen an. Man beachte die jeweiligen Taufnamen. Sie werfen ein besonderes Licht auf die wechselnden Vorlieben und Neigungen der taufenden Priester. War der Name Francesco noch eine eindeutige Verneigung vor dem österreichischen Imperator Franz Josef, so ist bei Giovanni Batista, zumindest was die Priesterschaft betrifft, eine Schlagseite hin zur Italienischen Wiedergeburt erkennbar. Da fehlt noch ein Wort zu den slawischen Bräuten. Vermutlich hat man solche ab und zu aus dem Resia-Tal geholt. Dieses Hochtal bildet einen Übergang von Resia im Canale ostwärts hin zur Socia (Isonzo). Wir werden auf den slowenischen Einschlag der Familiengeschichte der Valent später noch zu sprechen kommen.

Weil sich die politische Großwetterlage in Friaul zwischenzeitig gegen Österreich und zu Gunsten eines möglichen eigenen Königs zu ändern schien, blieb dem kaiserlichen Veteran Giovanni Batista kaum etwas anderes übrig als vom freien Niederlassungsrecht des Kaisers Gebrauch zu machen. Er siedelte sich kurz entschlossen bei Tiffen, nahe Feldkirchen an, kaufte Ross und Wagen, was er vom Militär her scheinbar gut kannte und bot sich damit den in Feldkirchen schon seit längerem sesshaften Lands- und Geschäftsleuten an. Dortige Maurer- , Steinmetzmeister und Private brauchten viel Material wie Steine, Ziegel und, Kalk etc. auf ihren Baustellen. Das Geschäft ging gut und 1890 konnte Giovanni mit einem Darlehen von 8.000 Kronen die Edenbauer Hube in Schwambach, Gemeinde Glanegg kaufen.

Großvaters Erstgeborener Franz

war der eingangs genannte Franz, welcher seiner österreichischen Schulpflicht zwischen November 1874 und September 1882 in der einklassigen Volksschule Tiffen schon in Kärnten nachkam. Franz Lobisser, sein Lehrer war kein Geringerer als der Vater des späteren Kärntner Künstlers Suitbert Lobisser (Jg 1878). Zu Schuleintritt war Franz sieben und zum Ende fünfzehn Jahre alt. Wenn wir jetzt seinem Lebenslauf folgen wird sich das Rätsel um die Kindstaufen in Gurk von selbst lösen.

Über seine Lehrzeit als Maurer existiert ein Zeugnis des Lehrherrn Domenico Missoni, ausgestellt in Moggio am 9. Sept. 1900 (!) Demnach hätte die Lehrzeit vom 1. April 1884 bis zum 1. November 1886 gedauert, ob in Moggio oder anderswo steht nicht eindeutig fest. Das späte Datum und das perfekte Deutsch des Zeugnisses lassen anderes vermuten, weil, Maurermeister auch in Feldkirchen gegeben hat. War vielleicht der Feldkirchner Maurermeist zur Lehrlingshaltung zu so früher Zeit noch nicht befugt und so hätte man die Lehrzeit einfach nach Moggio verlegt? 1887 bis 1889 und nochmals 1892 bis 1893 war Franz Maurergehilfe bei Baumeister Albin Bulfon in Feldkirchen, wo er die dort im Haushalt beschäftigte, mit Meister Bulfon verwandte Helene kennen lernte und 1892 zur Frau nahm. Für den Anfang kamen die Jungvermählten im Elternhaus des Bräutigams in Schwambach unter. Später mieteten sie sich in Oberhaidach ein. Als noch ungeprüfter Maurermeister und Partieführer wirkte er von Ende 1896 bis Ende 1897 bei der Glan-Regulierung und war dort vor allem für Brückenbauten und betonierte Gefällstufen zuständig. Im Folgejahr nahm ihn Baumeister Johann Felice als Polier auf. Johann Felice, Althofen – wohl auch ein Friulaner – hatte den Bauauftrag für die Gurktal Schmalspurbahn Treibach-Klein Glödnitz bekommen.

Mit Sack und Pack

ging es jetzt der neuen Arbeit nach, eine sehr schwere Zeit für Gattin und Mutter Helene. Es gab noch keine Möglichkeiten regelmäßig zur Arbeitsstelle bzw. von dort zurück zu kommen. Die neuen Wohnadressen wechselten laut Geburtsbucheintragungen bei jedem Kind: dreimal in Gurk, davor einmal Althofen, Unterer Markt 47. Dort ist 1898 Maria Valent zur Welt gekommen. Sehr interessant ihre Taufpatin, diese war die Wirtstochter Ottilie Huber, aus St. Veit, später mit Leo Knaus verehelicht und daneben von Dr. Arthur Lemisch inoffiziell zweimal geschwängert. Es wurde dies erst in jüngster Zeit durch Genproben bewiesen. Auch wenn Franz wann immer Taufpatinnen suchen musste, fand er solche nicht selten unter Kellnerinnen oder Wirtstöchtern!! Das zeigt, dass er guten Wein zu schätzen wusste. Bei ihrer Geburt 1902 hatte Frieda schon vier Geschwister in rascher Folge. Das erstgeborene Brüderlein Peter (1893) hat nur wenige Tage gelebt. Mathildes (ca.1895) Geburtseintrag zu finden, war mir bislang nicht möglich. Auch Sterbetag und Sterbeort irgendwo bei den Donau-Schwaben zu eruieren ist angesichts der dort stattgefundenen Unruhen zu Kriegsende 1918 nicht gelungen. Dass Mathilde dorthin gelangte ist darauf zurückzuführen, dass die Herrin auf Gut Kraindorf, Frau Zelzer, knapp vor Ende des Ersten Weltkrieges Verwandtenbesuch mit Kindern hatte, wobei Mathilde als Kindermädchen so gut entsprach, dass sie eingeladen wurde, bei den Kindern zu bleiben und nach Ungarn mit zu kommen. Die Eltern willigten ein, aber von Mathildes weiterem Schicksal hat man nie mehr was gehört!

Glücklicher hatte es Schwester Maria (1898-1986) insofern, als sie. ebenfalls als Internierte in der Oststeiermark weilend, sehr jung Mutter und Witwe wurde. Der Vater von Sohn Willi heiratete Maria noch ehe er in den Krieg zog und er kam nicht wieder. So wurde diese Schwester zur vermutlich jüngsten Kriegswitwe und blieb es bis zu ihrem Ende 1986.

Ehe wir uns jetzt größtenteils dem Lebenslauf von Frieda Valent zuwenden, noch ein kurzer aber wichtiger zeitlicher Vorgriff zur Vita ihres Vaters Franz Valent:

Vom 18. bis 25. 2. 1904 stellte er sich der Maurermeister-Prüfung in Klagenfurt, die er bestand. Die erste Maurermeisterkonzession mit Standort Schwambach wurde ihm 1905, die zweite mit Standort Lebmach im Mai 1919 verliehen.

Über Intervention von Franz Wutte, Gutsbesitzer in Lebmach und Bürgermeister der Gemeinde Pulst wurde der Meister samt Frau vorzeitig aus der Internierung entlassen. Man bezog eine einfache Wohnung in dem von Wutte erworbenen Mulle Haus in Lebmach wofür Herrn Wutte ein E-Werk inklusive Talsperre im Lebmacher Graben und Druckrohrleitung mit Wasserturm billigst herzustellen war. Durfte Franz Valent dafür tatsächlich Rechnung legen, dann hat bei Wuttes schleppender Zahlungsweise die Inflation das meiste aufgefressen.

Einen ähnlichen, gleich unprofitablen Großauftrag erteilte ihm Sohn Kajetan Wutte am  11. Juli 1949 nachdem dessen Wirtschaftsgebäude ein Raub der Flammen geworden war. Der diesbezügliche Arbeitskontrakt, besser gesagt Knebelungsvertrag wird im Anhang gebracht werden, weil er so richtig zeigt, wie schlecht kalkuliert wurde und warum der Herr Maurermeister es nie zu einem gemauerten Eigenheim gebracht hat. Er starb 1951 in einer armseligen Holzbaracke und hat leider dort gespart, wo er nie hätte sparen dürfen, nämlich an einer guten Bürokraft, an einer Kostenstellen-Rechnung, der Grundlage jeder Kalkulation. Bei normalen Aufträgen genügte noch der gute Hausverstand, aber bei Großaufträgen wurde regelmäßig dazu gezahlt, anstatt den gerechten Unternehmerlohn durchzusetzen!

F r i e d a

Wir folgen von nun einem jungen Leben, zugleich einem neuen Jahrhundert und fragen uns was die neue Zeit Schweres der Welt im Allgemeinen und Frieda im Besonderen bringen wird. Das Aufwachsen in einem Dorf voll von Kindern und Verwandten war schön und harmonisch, nicht so schön dann die Schulzeit. Der erste Schulweg führte von Schwambach nach St. Martin. Da wurde sie regelmäßig von den Kindern der einheimischen Bauern als Wallische beschimpft. Später wurde mit dem Wohnsitzwechsel nach Oberhaidach die Volksschule in Zweikirchen für sie zuständig. Was bislang Mitschüler an Gehässigkeit lieferten, das besorgte in Zweikirchen der Lehrer höchstpersönlich, bis Frieda mit 13 Jahren vorzeitig aus der Schule gerissen und mit Eltern und Geschwistern außer Landes gebracht wurde. Wie das? Mit dem Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg auf Seiten der Achsenmächte, stand der Feind plötzlich an der Kärntner Grenze. Das österreichische Militär fürchtete Spionage der sogenannten Reichsitaliener von Kärnten aus und ordnete deren Internierung in das Hinterland an. Die Gendarmen waren nicht gut informiert und gingen von Posten zu Posten sehr unterschiedlich vor. Der Gendarmerie-Posten von Glanegg, für Schwambach zuständig, war übertrieben streng. Alle Schwambacher Männer, die einmal aus Friaul eingewandert waren oder schon in Kärnten geboren sind, wurden ohne Unterschied an einem einzigen Tage abgeholt, zur Bahn gebracht, dort dem Militär übergeben und in Richtung Burgenland/Oststermark verfrachtet. Nur der Edenbauer, Christian Evaristo Valent, war aus unbekannten Gründen im nahen St. Lambrecht interniert und kehrte als einziger vorzeitig heim. Hätte nicht der Bürgermeister von Glanegg, A. Haberl, selbst ein Veteran des Kaisers, interveniert und sich für seinen Freund verbürgt, so wäre Giovanni B. Valent trotz seines einst dem Kaiser geleisteten Eides, trotz zwölfjähriger Dienstzeit und trotz des hohen Alters von 84 Jahren auch noch verschickt worden. Einen Tag nach den Männern folgten deren Frauen und Kinder.

                                   Der Hauptbahnhof von St. Veit an der Glan

war kaum im schönsten Jugendstil vollendet und eröffnet (1912) da brach der Krieg aus und wurde danach bald zum Schauplatz der folgenden Geschichte, die mir von Christine Valent-Mitterer, Villach, im Juni 2000 anlässlich eines Begräbnisses in Schwambach erzählt wurde.

Teres Adele Valent, geborene Di Bernardo, Gattin des Christian Evaristo Valent war mit ihren 8 Kindern, und zu einem weiteren Kind schwanger, für den Abtransport in Viehwaggons eingewiesen, als sie am Bahnsteig weinend auf und ab ging, von dem Begleitoffizier gefragt was ihr Kummer sei. Mutter Courage wusste treffend zu antworten: „Sie verstehe die Welt nicht mehr, wie man so mit jemand verfahren kann, wo doch der Schwiegervater 12 Jahre treu und ohne Urlaub dem Kaiser von Österreich als Soldat gedient hat.“

Der Offizier hörte sich das geduldig und interessiert an, verfügte alsbald, dass der Zug vorerst nicht zur Abfahrt freigegeben sei, ehe er mit seiner vorgesetzten Stelle ein klärendes Wort gesprochen habe. Nach längerem Telefongespräch erreichte der mitfühlende Mann, dass die Mutter mit ihren Kindern in einen Zug Richtung Heimat gesetzt wurde. Noch am selben Tage kam die arme aber überglückliche Gruppe noch am Bahnhof Glanegg an, von wo bei strömenden Regen der gemeinsame Fußmarsch nach Schwambach erfolgte.

Nebenbei bemerkt: Auch unsere dreizehnjährige Frieda saß schon in einem der Viehwagen um mit Mutter und Geschwistern in die Oststeiermark gebracht zu werden. Sie landete für vier Jahre auf einem Bauernhof nahe Feldbach und hatte dort Haus- und Feldarbeiten zu leisten, aber auch Stall und Vieh zu versorgen.

Rückkehr nach Kärnten

Als zwölfjähriges Schulkind hat Frieda Oberhaidach bei Glanegg verlassen und als 17-jähriger Backfisch kehrt sie zurück, wohl nicht mehr nach Oberhaidach, sondern nach Lebmach ins Mulle Haus, wo die Eltern und Geschwister schon zuvor eine neue Wohnung bezogen haben.

Der schreckliche Krieg war vorbei, die Siegermächte zeichneten die Landkarte neu. Österreich-Ungarn und Deutschland waren die Verlierer. Ihre Nachbarstaaten langten mächtig zu. Italien hatte den Bund mit den Deutschen und Österreichern früh genug verlassen, sich neutral erklärt und sich dann mit den Feinden verbündet. Doch das ist nicht genug! Handfeste Versprechungen bezüglich Südtirol und Triest führten dazu, dass Italien Österreich sogar den Krieg erklärte! Kein Wunder, dass die Kärntner jener Tage keine gute Meinung von den Wallischen hatten.

Die politische Landschaft erfuhr empfindsame Veränderungen durch die Ablösung des Patriarchates einerseits durch eine ungeliebte Demokratie anderseits. Plötzlich durfte jeder kleine Mann seine eigene politische Meinung haben und kundtun. Väter und Autoritäten wurden kaum noch anerkannt: Gott Vater im Himmel, der Heilige Vater in Rom, der Landesvater in Wien wie letztlich auch Familienväter. Die politischen Leidenschaften durften frei ausgelebt werden. Bald stand jeder gegen jeden. So war das Land von außen und von innen gleichermaßen bedroht.

Es waren unsichere Zeiten für Frieda ganz persönlich und ihre Familie insgesamt. Ihr Erscheinen in Lebmach beunruhigte so manchen Junggesellen, darunter schon bald die zwei Rivalen Michel und Florian (Kersche)! Von Michel war bekannt, dass er der holden Weiblichkeit schon in jungen Jahren mehr zugeneigt war, als es seinem Leumund und Geldbeutel gut tat. Er wurde mit 17 erstmals Vater und bald danach zum zweiten Mal. Um mit Frieda bekannt zu werden, halfen ihm ihre Brüder Alois und Sepp, Michels Freunde. So erfuhr er auch, wann die Neue mit Familie auf den St. Veiter Wiesenmarkt zu gehen beabsichtigte. Wie zufällig fand sich dann auch Michel zu rechter Zeit auf der Landstraße ein. Seine Frage, ob der Herr Baumeister erlauben würde, dass er sich der Gesellschaft anschließe, wurde positiv beantwortet, weil man sich wohl schon von gemeinsamen Arbeiten gegenseitig kannte.

Jetzt war Michel recht zuversichtlich, dass ihm Charme, Erzähl- und Tanzkunst, vielleicht auch eine kleine Wiesenmarkt Aufmerksamkeit zum Ziel verhelfen würden.

                        Nach einem bekannten Kärntner Lied:

                        Ja Du liaba Michl kreuzparasol

                        Gelt die Junge Valent die g’fallat dar wohl

                        Manst wohl Du hast sie schon, brauchst sunst nix mehr

                        A b a wart, da wird da Kersch a Wort einlegn

                        Der laßt‘nit her!

Michl hatte am Wiesenmarkt wohl fleißig erzählt, aber kein Wort über seine zweimalige Vaterschaft verloren. Als Frieda später davon erfuhr, hatte Michl bei ihr keine Chance mehr. Frieda nahm die erst beste Gelegenheit wahr, bei Verwandten ihrer Mutter, den Bulfons von Feldkirchen eine Stellung anzutreten und Lebmach schnellstens zu verlassen.

Sollte Michl jetzt aufgeben? Nein, zu groß war inzwischen seine Zuneigung. Er setzte sich an Sonntagen immer öfter in den Zug nach Feldkirchen, wo er wusste dass Frieda frei hatte und, um es kurz zu machen: dort in Feldkirchen entstand Helene, die erste gemeinsame Tochter. Man ist sich also doch noch einig geworden, gemeinsam – wenn auch ohne Trauschein – durch das Leben zu gehen.

Immer noch ohne eigene Wohnung

kommen im Zwei-Jahres-Abstand drei weitere Kinder dazu. Die erste Niederkunft ereignet sich – wo sonst – bei Friedas Mutter und in deren neuem Zuhause, sehr beengt, beim Mulle in Lebmach. Rosa, Raimund und Franz kamen in Kraindorf zur Welt. In Summe ein gesunder und kräftiger Nachwuchs, doch alles unehelich, alles unter dem Namen Valent.

Jetzt drängte Frieda mit berechtigter Ungeduld auf eine Besserung der Wohnverhältnisse und Michel entsann sich seiner handwerklichen Fähigkeiten. Ein Abschnitt der Glan-Regulierung (Kraindorf-Feistritz) war gerade fertiggestellt worden und ließ eine Werkzeughütte direkt am Weg von Seidelhof nach Karlsberg ungebraucht zurück. Nach Einvernehmen mit dem Grundeigentümer und einem Darlehen von Michels Halbschwester, Tante Rosl wurde aus der Bauhütte ein zwar einfaches aber durchaus zweckmäßiges Wohnheim geschaffen, dazu noch Garten, Ziegenstall, Hühnerstall, Holztriste und Heuschober angelegt. Frieda fühlte sich wie im Paradies!

Für Isidor Valent, ein Onkel von Frieda war es 1931 selbstverständlich, dass Michel endlich auch kirchlich Ordnung machte. Die Trauung erfolgte in der Filialkirche von Lebmach. Die Hochzeitstafel richtete der Wirt Julius Gaggl derart aus, dass die Braut vom gepantschten Wein, eine schwere Alkoholvergiftung davon trug. Das sollte noch böse Folgen haben. Isidor Valent war Partieführer der Wildbachverbauung und leitete ein Baulos im Erl-Graben bei St. Veit. Dort war er behilflich, dass Michel eine Arbeit fand. Leider waren für Michel Parteitermine wichtiger als sein guter Posten. Seltene Fotos zeigen, wie Michel – voll in seinem Element – Bruchsteine für die Maurer zurichten darf, also durchaus gehobenen Dienst versieht. Er war bei jeder Arbeit bemüht, sein Bestes zu geben und Anerkennung zu finden. Nach seiner Teilnahme am Putsch von 1934 und Haft war eine Rückkehr zum Wildbach leider nicht mehr möglich. Wie groß Michels Verlangen nach Zugehörigkeit, Anhänglichkeit und Treue schon in Kindestagen war, zeigt so richtig, dass er nach Übersiedlung seiner Eltern von Schloss Gradenegg nach Hohensgein eigentlich in die Volksschule Pulst sollte. Er wollte aber Lehrer und Mitschüler in Gradenegg nicht missen und ging tagelang heimlich den sehr weiten Weg in die alte Schule (!).

Dazu passend ein späteres Zeitbild: Michels Kinder gingen Walderdbeeren suchen. Gleich über der Glan erstreckte sich damals ein großer Kahlschlag bergan. Da fand man mehr als Beeren! Rosalia war ca. 6 Jahre alt und entdeckte einen angebrannten Holzpflock umwickelt mit Kleiderstoff, der ihr sehr bekannt vorkam. Sie hatte selbst ein solches Kleidchen gehabt. Das Ganze war nicht gut genug mit Benzin getränkt und verbrannte deshalb auch nicht vollständig. Das Kind bringt diesen Fund mit heim und Frieda erschrickt zu Tode. War das doch ein Beweis dafür, dass Michel bei der von höchster Parteistelle angeordneten Aktion zum Abbrennen eines Hackenkreuzes am Nordhang des Karlsberges beteiligt war. Der zur oder von der Wiener Regierung im Sonderzug vorbeifahrende Italienische Außenminister Graf Ciano sollte wohl beeindruckt und von der Rührigkeit der Hitler Anhänger in Österreich überzeugt werden.

Die 30er Jahre

waren familiär und politisch eine hochbewegte Zeit: Hochzeitsfeier mit starker Alkoholvergiftung der Braut, weitere drei Kinder geboren, Übersiedlungen mehrmals! Teilnahme Michels am gescheiterten Putsch und anschließende Haft im Landesgericht Klagenfurt.. Über Monate ist Frieda mit der größer gewordenen Kinderschar allein unten an der Glan. Es kam zum Mord an Bundeskanzler Dolfuß. Der neuen Regierung in Berlin ist kein Mittel schäbig genug, um dem Nachbarland Österreich Schwierigkeiten zu bereiten: Neben der Tausend-Mark-Sperre – sie galt von Mai 1933 bis Juli 1936 – und bewirkte dass jeder Deutsche, der über die Grenze nach Österreich wollte, 1000 Reichsmark zu hinterlegen hatte, was den zaghaft aufblühenden Fremdenverkehr schwer traf. Aber es gab es auch Versuche, dem Außenhandel Österreichs zu schaden. Mussolini wurde von Hitler nahe gelegt, den Holzhandel mit Österreich einzustellen, was vorübergehend auch geschah.

Der Gendarmerie-Posten Feistritz (heute Liebenfels) war damals in Radelsdorf untergebracht. Dieser verzeichnete eine wachsende Zahl von Verhaftungen, Anzeigen und Strafmandaten. Die öffentlichen Ruhestörungen, Spreng-Attentate und Provokationen gegenüber Staatsmacht und Gendarmerie, auch gegen politisch Andersdenkende waren schon vor der Verbotszeit Gang und Gäbe. Die Gendarmen wussten wohl immer Bescheid welche Personen dahinter zu vermuten waren weil ja aus der Zeit davor alle Nazi, Sozi und Kommunisten namentlich bekannt waren.

Die Amnestie von 1936 brachte keine Beruhigung, im Gegenteil, die Nazis wurden noch aktiver. Es gab nächtliche Wurf-Aktionen von Propagandamaterial auf Straßen und Plätzen.

Quando eravamo povera Gente (Ginsburg)

Nach den Ereignissen von 1934 sah sich Michel schweren Vorwürfen seiner Halbschwester und Geldgeberin ausgesetzt. Sie sah die Rückzahlung nicht mehr gesichert, außer er würde seinen politischen Ambitionen total abschwören. Das wollte er aber nicht, denn er hatte im Knast mit seinem Mithäftling Kajetan Wutte neue Pläne geschmiedet! Wutte hatte ihm anvertraut, dass ihn sein Schwiegervater Planegger von St. Sebastian bald „heraushauen“ würde. Er wäre auch ganz sicher, das Holzgeschäft mit Italien würde wieder anspringen und daher entschlossen, sein Sägewerk wieder zu starten. Da würde er ohnedies einen Sagel sprich Sägemeister brauchen, Wohnung für diesen und seine Familie in der Mulle Mühle in Lebmach hätte er auch. Er solle nur kommen sobald er entlassen sei. Auch für Michels Wunsch, einen eigenen Baugrund zu erwerben, zeigte Wutte volles Verständnis und sagte zu, ein passender Grund für einen Hausbau würde sich leicht finden lassen.

Dies alles verleitete Michel zu folgenschweren Entschlüssen und diese kosteten die arme Frieda ihr Paradies an der Glan unten! Ein gewisser Simon Schumi aus Radelsdorf war nämlich bereit, die investierte Sach- und Eigenleistung bar abzulösen, womit Michel seine Schulden tilgen konnte. Das war ihm die Hauptsache. Was er damit seiner Frau und Familie antat zählte wenig. Als Mann war er schon immer gewohnt, einsame Entscheidungen zu treffen! Das Eheleben wurde davon nicht leichter, zumal auch Frieda durchaus zu eigenen Gedanken fähig war.

Nach der Alkoholvergiftung kamen vorläufig noch einmal zwei Kinder hinzu, beide ungewohnt schwach und kränklich, ein Bub rachitisch und blutarm, schulfähig erst mit sieben und ein Mädchen, das bis zu seinem frühen Tod mit neun Jahren auch nicht schulfähig war. Die Übersiedlung nach Lebmach hatte zur Folge, dass die Familie von nun an wieder in einem einzigen Zimmer zusammengepfercht leben musste, zwei Ziegen, die den Ortswechsel überstanden, sorgten für das Notwendigste. Geld war knapp, Arbeit zwar gefunden, aber der Lohn stockte von Anfang an, weil angeblich der Chef selbst auch keine flüssigen Mittel hatte. Tatsache ist: der große Besitz war total verschuldet und was im Gasthaus gesprochen wurde, stimmte auch: „Ein Wiener, namens Neumann gehe durch Wuttes Ställe und sage an, welche Ochsen zum Verkauf kommen sollen.“

In diese Zeit fiel die folgende Begebenheit: Es ging wieder einmal auf Weihnachten zu, da drängte Frieda „Michel geh doch hinunter ins Schloss, dass Dir endlich einmal der fällige Lohn ausgezahlt wird“ Michel ging tatsächlich, war aber bald wieder da mit dem Bescheid „Was soll ich Dir geben, hab doch selber nichts“ Frieda sagte „Da brauch ich gar nicht in die Stadt hinein, ohne Geld.“ Michel war aber nicht nur für das Sägewerk sondern auch für das E-Werk, den Elektro-Antrieb der Säge inklusive Lichtstrom für einige Lebmacher Häuser zuständig. Plötzlich ging im Dorf das Licht aus. Es dauert nicht lange, da erschien Herr Kajetan Wutte in der Tür und verlangte von Michel sofortige Abhilfe. Jetzt war Michel überraschend Manns genug und sagte „Wenn es schon für uns kein Weihnachten gibt, dann braucht ihr im Schloss auch kein Licht“ Wutte, der den Braten schon gerochen gehabt hatte, griff in seine Rocktasche und blätterte einige Geldscheine auf den Tisch, Michel wusste was zu tun sei und ging in die E-Zentrale. Es wurde tatsächlich wieder Licht und auch ein Weihnachtsfest.

In der Mulle-Mühle kam wieder ein Kind dazu und machte einen Wohnungswechsel in das Egger Haus notwendig. Dort gab es im Obergeschoß ein Zimmer, um einige Quadratmeter größer als bislang. Nicht leicht fiel Frieda der Abschied von lieben Wohnungsnachbarn in der Mühle, als da waren Frau Genofeva Rieser oben und die alte Liesa Meisterl ein Stock tiefer. Im Egger Haus wohnten dann im Erdgeschoß die „Schwarze Wutte“ verwitwete Schwägerin des Hausherrn und Wächterin der Spalier-Marillen, zum großen Garten hin. Aber auch die alte immer noch tätige Sefa (Klimbacher) mit Tochter Susanne und Enkel, das war der „Suse-Buahausten dort. Im Obergeschoß hatte noch die auch nicht kleine Familie des Herrn Gemeindesekretärs Hans Gaggl, sowie die des Traktorführers Schien Platz und im Halbstock ein alleinstehender Eisenbahner und Bruder von Frau Olga Bölderl. Dort einzutreten hat Frieda ihren Kindern, vor allem den Buben streng verboten!

1938 mit Anschluss an das Deutsche Reich

Was schon lange in der Luft lag, Tage, Wochen und Monate hindurch da und dort für Unruhe sorgte, wurde Gewissheit, Österreich verlor seine Eigenstaatlichkeit. Die stets knappen Schillinge werden von der plötzlich nicht so knappen Deutschen Reichsmark abgelöst, denn es gab erstmals und ab sofort KINDERBEIHILFE. Was das für Frieda mit ihren vielen Kindern bedeutete, kann man sich unschwer vorstellen. Kajetans Versprechen im “Tschumpus“ bezüglich Baugrund war jetzt, da Kajetan vom Reich großzügig entschuldet und mit einem geldreichen „Aufbau-Plan“ ausgestattet war, nicht mehr wichtig. Er versteckte sich hinter seiner Frau, die hätte auch Geld in die Ehe gebracht, könne mitreden und sei ganz dagegen, auch nur die kleinste Parzelle herzugeben.

Jetzt hat sich aber nicht nur die Zeit geändert, sondern dank der neuen Machtverhältnisse auch Michels Mut und Zuversicht gestärkt. Er war nicht mehr der ewige Verlierer, nein er konnte auch einmal Gewinner sein. Er wollte endlich, dass Wort gehalten wird und fand auch die nötige Unterstützung: Eines schönen Tages fuhr der neue Herr NS-Kreisleiter als Nachfolger des alten Bezirkshauptmannes in Lebmach vor, um eine Sache für das NS-Mitglied Michael Wohlfahrt zu klären. Frau Wutte, allein im Schloss, empfing den Kreisleiter mit übertriebener Freundlichkeit und mit der Einladung zu einer Jause. Der Besucher lehnte höflich ab und erklärte er sei eigentlich nur kurz vorbei gekommen um zu hören, warum Frau Wutte gegen den Baugrunderwerb von Wohlfahrt sei. „Aber nein“ bemühte sich die Frau „ich habe ja immer zum Kajetan gesagt, gib ihm den Grund, dass er sich was eigenes schaffen kann.“ Das genügte dem Kreisleiter und ehe er sich verabschiedete bat er noch, ihm ehestens den Kauvertrag zur Kenntnis zu bringen. Kommt Frieda damit vielleicht doch noch ins verlorene Paradies? Ja und nein!

Michel läuft ein zweites Mal zu Hochform auf: Wieder wird er zum Häuslbauer. Baugrund (nicht der beste!) wird erworben, mit der Zufuhr von Baumaterial (meist ab Bahnhof Liebenfels) begonnen und durch Protektion gestattet, sich in eine Landarbeiter Wohnbau Aktion einzuschmuggeln. Diese Maßnahme zielte eigentlich darauf ab, Landarbeiterfamilien ein eigenes Heim zu bieten. Michel hatte wohl eine große Familie aber er war kein Landarbeiter. Bei größeren Höfen der Umgebung (Mente in Latschach oder Pliemitschhof bei Hochosterwitz entstanden – allerdings auf Namen der Hofbesitzer – augengleiche Wohnhäuser und stehen dort heute noch. Jetzt wird ausgehoben, betoniert und gemauert, gezimmert, größtenteils fertiggestellt und eingezogen. Die Finanzierung all dessen kommt von einem Darlehen der Rentenbank Berlin. Gewisse Baumaßnahmen bleiben absichtlich noch offen, weil Michel auch an eine eigene Werkstätte denkt. So bleibt Friedas Wunsch nach dem geplanten Badezimmer zu ihrem größten Leidwesen bis zu ihrem Ende unerfüllt! Dafür gibt es bald einen neu bestellten Garten, eine Wiese zum Mähen und den selbst gezimmerten Stall mit Heuschuppen darüber für Kleinvieh, wo 1945 auch eine Melkkuh Aufnahme finden soll!

Frieda dolorosa

Die Welt befindet sich bald wieder in einem Krieg, schlimmer und brutaler als je einer davor. Man hätte zwar erstmals Geld gehabt, doch man konnte dafür nichts kaufen ohne Bezugsschein und Lebensmittelkarten. Jetzt war alles rationiert und der tägliche Mangel kriegsbedingt. Trotzdem war die Begeisterung immer noch riesengroß. Die Deutschen fielen in Polen ein, eroberten Frankreich und waren bald tief auf russisches Territorium vorgedrungen. Der Endsieg, auf den alle im Lande hofften, blieb aus und wurde langsam immer unwahrscheinlicher. Aber nur nicht daran zweifeln, das könnte gefährlich werden und sogar das Leben kosten. Dabei war die Übermacht der Gegner immer deutlicher. Unser schöner Kärntner Himmel gehörte auf einmal den amerikanischen und englischen Bomben-Flugzeugen. Zu Beginn flogen Sie noch über uns hinweg um ihre vernichtende Last über den Städten des sogenannten Altreiches abzuwerfen. Unsere engere Heimat kam bald später dran: Klagenfurt, St. Veit – Glandorf, der Flugplatz Annabichl, die Bahnhöfe und Bahnstecken.

Michel war inzwischen am Flugplatz in Annabichl beschäftigt und Frieda täglich in großer Sorge um ihn. Man konnte nämlich vom Glantal aus beobachten, wenn Klagenfurt bombardiert wurde und meistens ging es dabei doch um den Flugplatz. Konnte sich denn Michel, später auch mit Sohn Franz, der dort Lehrling war, rechtzeitig schützen oder wurden sie zu Opfern? Gewissheit gab es immer erst am Abend nach Ankunft des letzten Personenzuges.

Helene, die Älteste, wurde als Nachrichten-Helferin eingezogen und nach Frankreich verpflichtet, zu ihrem Glück in einen ruhigen Winkel des Landes knapp an der Schweizer Grenze. Was wird sein, wenn die Invasion der Amerikaner und Engländer in der Normandie Erfolg haben sollte? Wird Helene dort frühzeitig wegkommen. Schwester Rosi war in Wien verpflichtet, die feindlichen Bombengeschwader zu orten und ihren Weg weiter zu melden. Wird sie heim können, oder wird sie den anrückenden Russen in die Hände fallen? Fragen über Fragen, die Frieda, mit einem Ohr am Radiosender, nicht los ließen. Das größte Problem war aber wohl Raimund, der Älteste. Er konnte der fanatischen Propaganda in den Wochenschauen nicht widerstehen. Er meldete sich, ohne jemanden davon zu sagen, voll Begeisterung freiwillig zur SS-Division Hitler-Jugend. Er wusste wohl, dass er noch keine 18 Jahre alt war und die Eltern Einspruch erheben könnten. Mit einem Bein weniger kam er nach tagelangem Beschuss durch die Schiffsartillerie in den Erstverbandsplatz von Reims/Frankreich hinter der Front. Von dort gelangte er nach Marienbad in Böhmen und jetzt erst erfuhren die Eltern davon vom traurigen Geschehen. Die Russen waren nicht mehr weit von Prag entfernt und so machte sich Michel mit der gefährdeten Eisenbahn auf den Weg, seinen schwerstverwundeten Sohn heim zu holen. Nach vielen bestandenen Hindernissen landeten die beiden um Mitternacht am Bahnhof St. Veit. Wie schafft man jetzt die letzten sieben Kilometer? Der nächste Zug ginge erst wieder am Morgen! Der Lokomotivführer eines Güterzuges hatte Erbarmen. Er ließ die zwei Geplagten zu sich in den Führerstand, versprach seinen Zug in Lebmach kurz anzuhalten und so geschah es auch. Das zweite glückliche Ereignis am Hauptbahnhof St. Veit für unsere Großfamilie, wiederum dank eines mitfühlenden Herzens, diesmal das eines Lokomotivführers. Die letzten 500 Meter bis zum Wohnhaus, nahm der Vater – selbst kein Hüne – den Sohn huckepack! Elend und Sohn im Haus!

Die letzten Kriegstage gingen hin, Kummer und Leid blieben! Wie wird es weiter gehen?

Raimunds Wunde war noch zu versorgen, was in einem behelfsmäßigen Lazarett am Wörthersee geschehen konnte.

Kriegsende – Totaler Zusammenbruch

Plötzlich gehörte Michel wieder zu den Verlierern. Es wird nicht lange dauern und man wird ihn wieder einsperren. Frieda wird dann neuerlich, diesmal unter besonders erschwerten Umständen, allein für die ganze Familie sorgen müssen. Es war die englische Besatzungsmacht, die wohl wusste, dass Feistritz (das heutige Liebenfels) knapp zuvor eine Nazi-Hochburg war; ein Grund auch dafür, sich genau in diesem Ort festzusetzen. Die britischen Soldaten, besser gesagt nur die Chargen, nahmen im Mai 1945 im Hause Rieder Quartier und blieben dort lt. Gendarmerie-Chronik bis Juni 1946. Unter dem Schloss Hohenstein entstand ein Zeltlager (große englische Militärzelte) für die britischen Soldaten und auf der anderen Seite des Schlosses ein großes provisorisches Lager für rd. 10.000 gefangene reichsdeutsche Landser (unter ihren eigenen Zeltplanen!).

Knapp bevor Michel von den Tommis abgeholt wurde, gelang ihm für seine Familie noch ein sehr wichtiger Erwerb und das kam so: Die Landstraße durch das Tal war schon tagelang mit flüchtenden oder vertriebenen Zivilisten aus dem Osten verstopft. Sie saßen auf von Pferden gezogenen Planwagen. Eine junge Milchkuh, am Wagen angebunden, sollte den täglichen Bedarf decken, war aber gerade in Lebmach am Ende ihrer Kräfte, musste losgebunden und zurück gelassen werden. Was Michel als Zahlung dafür geleistet hat, ist nicht überliefert. Das erschöpfte Tier erholte sich rasch und wurde zur Lebensrettung für eine ganze Familie.

Die Stationen der neuerlichen Haft für Michel lauteten: Ebenthal bei Klagenfurt, Wolfsberg und Weißenstein. Die größeren Kinder kamen alle heim, doch der Vater fehlte. Frieda musste entscheiden, was die älteren Töchter und Söhne machen durften und was sie lieber sein ließen. Die Engländer hatten sich an das sogenannte Fraternisierungsverbot (= keinen Verkehr mit Einheimischen) zu halten, taten es aber nicht. Im Gegenteil, so schnell wie möglich veranstalteten die Tommis Tanz-Abende im Rieder Saal, wofür natürlich Musikbegabte aus dem Lager der Deutschen und heimische Tänzerinnen gebraucht wurden. Kärntner Mannsbilder waren nicht zugelassen. Schlagworte von damals lauteten „Chocolate-Girls“ für die Damen und „Organisierer“ (sprich Diebe) für die Männer. Letztere waren begehrte Gegner im Fußball. Sie wurden verwöhnt mit allen Köstlichkeiten, mit sogenannten Fressalien (Weißbrot, Dosenfleisch usw.) und natürlich mit Rum und Whisky – aber nur so lange unsere Burschen die Verlierer waren! Es ging drunter und drüber und kein Vater da! Dementsprechend harte Vorwürfe an Frieda blieben später nicht aus.

Es ging um das nackte Überleben. Der Stall musste geben, was er hatte und ebenso der eigene Garten. Zu kaufen war wieder so viel wie nichts. Zum Glück gab es unter den Bauern noch gute Freunde des Vaters, denen er zu besseren Zeiten gute Dienste zu leisten wusste und die sich auch noch daran erinnerten. Dorthin wurden jetzt die Kinder um frisch gebackenes Brot geschickt. Je weiter der Weg desto freigiebiger die Bäuerinnen! So kamen die Kleinen oft bis Sörg, Gradenegg, Freundsam und noch weit darüber hinaus.

Dazu waren natürlich etwaige Hinweise des Vaters notwendig und höchst wertvoll. Für Frieda hingegen war es unbedingt notwendig, den Vater von Zeit zu Zeit zu informieren und zu fragen. Das war nicht immer und überall möglich, wohl aber in Weißenstein im Drau Tal. Es wurde irgendwie bekannt, von wann bis wann eine Arbeits-Partie im Steinbruch nahe dem Internierungslager ihre Arbeit aufnimmt. Wenn man sich bedeckt hielt, konnte man seinen Angehörigen treffen. Man musste nur warten, bis er einmal einen unaufschiebbaren Drang verspürte oder das zumindest vorgab. Die Bewachung außerhalb des Lagers machten nicht die Engländer selbst, sondern österreichische Gendarmen, was die Sache nicht unbedingt erleichterte. Ein großes Problem zu damaliger Zeit, war natürlich der öffentliche Verkehr. Den gab es so gut wie überhaupt nicht. Da hieß es dann, Autostoppen. Zum Glück übernahmen immer öfter deutsche Gefangene Lastfuhren für die Besatzer und die hatten meist ein Einsehen. Nur wenn dann die Rückreise solcherart in Klagenfurt endete, dann hieß es Friedas Schwester Maria aufsuchen, die in der Einigkeitsstraße eine eigene Wohnung hatte. Dort konnte man schlafen und warten bis nächsten Tag zeitig am Morgen ein Zug von Annabichl nach St. Veit mit Anschluss in das Glantal ging. Eine Weltreise jedes Mal, Langeweile gab es nicht. Die jüngsten Kinder, die daheim, blieben waren damals 15, 3 und 1 Jahre alt, alle nur in der Obhut eines Älteren!

Das Jahr 1955 und danach

Zehn Jahre lang musste Österreich auf seinen Staatsvertrag und auf seine Freiheit warten. Endlich war es so weit, die Siegermächte zogen ab, das Leben normalisierte sich. Michel fand zum zweiten Mal eine Beschäftigung bei der Wildbachverbauung. Ing. Üblacher, deren Chef in Villach, erinnerte sich des Namens und dass Michel einmal, wenn auch nur kurzfristig, ein vielseitig verwendbarer Mann im Bau-Los Vitus-Graben war. Jetzt hieß es allerdings wieder, der Arbeit zu folgen und nur alle Wochen oder vierzehntägig für ein Wochenende heim zu können, außer im Winter, da wurde ja „gestempelt“, d.h. Arbeitslosengeld bezogen. Frieda war wieder einmal für Schüler, Lehrlinge, für Stall und Haus das ganze Jahr alleine zuständig. Die Sorge für ihre Jüngsten ging fast nahtlos über in jene für ihre Enkelkinder. Während die älteste Tochter ledig und kinderlos blieb, hatte die nächste Tochter, namens Rosalia. drei Ledige. Sie war einst der Stolz des Vaters: tüchtig und begabt in jeder Hinsicht. Ihr adrettes Auftreten, ihr wohl geformter Körper und ihre Sinnlichkeit waren nicht gerade ihr Glück und für den Vater ein schweres Los. Jetzt musste sie aber ihrer Arbeit nachgehen, später mit ihrem Vater gemeinsam, ebenfalls bei der Wildbachverbauung, sie als Köchin. Während die Männer der Arbeits-Partie eine Baracke bewohnten kam die Köchin privat unter. Auch sie konnte nur zeitweise für Wochenenden heim. Das bedeutet für Frieda viel zusätzliche Arbeit von früh bis spät!

Die monatelange Trennung war auch für das Eheleben nicht besonders zuträglich. Michels Gasthaus-Hocken wurde zur lieben Gewohnheit, auch dann, den arbeitslosen Winter über zu Hause! Er war ja auch ein höchst begabter Erzähler und fand immer leicht begeisterte Zuhörer, im Gasthaus, wohlgemerkt! – nicht so sehr bei den Seinen. Da glaubte jeder, die alten Geschichten schon zu kennen. Welch ein Irrtum! Heute täten alle wieder gerne zuhören oder nachlesen, sogar seine Enkel und Urenkel, wenn er nur noch das wäre! Damals war Michel schon oft enttäuscht über das Desinteresse und desto länger blieb er dann, leicht angesäuselt auch hocken. Manchmal schickte Frieda gerne eines der Kinder ins Dorf mit den Worten: „Geh und hol den Vater heim“. Da konnte Michel dann ganz schön auf sein eheliches Leid zu sprechen kommen. Der Mühlenbauer, der er eben einmal war, verglich ein gelungen Eheleben mit einer guten Mühle. Letztere bestand aus zwei besonderen Mühlsteinen, dem Lieger unten und dem Läufer darüber. Gutes Mehl war nur zu haben, wenn der Lieger aus weichem, der Läufer aber aus hartem Stein war. Mit anderen Worten, die Ehefrau muss nachgiebig sein keine eigene Meinung haben! Das war nicht drin, denn Frieda hat das Leben und das eheliche Schicksal hart gemacht. Sie wollte und konnte nicht mehr zu allem Ja und Amen sagen, was Michel und seine Männlichkeit mitunter kränkte.

-Ein andermal ging Frieda sogar selbst den Weg ins Gasthaus – ein Spaßvogel konnte sie schon auch manchmal sein – und hatte eine kleine Säge bei sich. Sie trat beim Gaggl in die Gaststube und machte ernsthafte Anstalten, ein Stück von der Holzbank abzuschneiden. Das Gezeter der Wirtin beantwortete sie damit, sie wolle nur ein Stück von jenem Holz bei sich zu Hause haben, auf dem ihr Gatte es so gern und lange aushält.

Zu allem Überfluss fing Frieda jetzt auch noch zu kränkeln an: Hausarzt Dr. Lehofer und Kräuter-Ärztin Christine Widowitsch, Völkendorf 1) stellten gleiche Diagnosen: „Gallen-Kolik weil der Gallengang nicht durchlässig sei.“ Der Hausarzt wusste, dass es dafür in Österreich erst einen einzigen Operateur gibt und der sei in Amstetten. Doch Amstetten ist weit weg und Villach viel näher. So blieb Frieda von Zeit zu Zeit eben nur der Frühzug nach Villach und vom dortigen Bahnhof der Fußmarsch mitsamt dem Morgen-Harn nach Völkendorf. Der Rat von beiden lautete: „Keine Fette und Öle, nichts Paniertes, kein Geselchtes, nichts Gebackenes.“ Beim geringsten Versehen, meldete sich prompt eine höchst schmerzhafte Gallen-Kolik.

Die Jahre gingen dahin, die Kinder wurden größer, Sohn Franz zum Automechaniker, ja sogar zum Meister. Als hätte der alte Gaggl nicht schon den Vater und dessen Fleiß genug ausgenützt, jetzt musste ihm auch noch Sohn Franz unverdienten Vorteil bringen. Das war möglich, weil Gaggl genau wusste, die neue Straße werde über das Werkstätten-Gelände führen und die Ablöse für den Abriss der Gebäude wird für ihn höher sein, wenn er nachweisen kann, dadurch einen Pächter zu verlieren. Der Pächter hingegen ging vollkommen leer aus. Gut, er war nicht der beste Rechner und Geschäftsmann, ein guter Arbeiter allemal, aber ohne seine sparsame Erika wäre er wohl nie zum eigenen Haus und zu Baugründen in Hörzendorf gekommen. Erikas Vater war als Schneider in  Weitensfeld nebenbei Versicherungsagent. Sein Geschäftstrick bestand darin, den Hauserrichten Kredite anzubieten , wenn sie bei ihm die Feuerversicherung abschließen. So hatte er im fortgeschritten Alter eine Menge Schuldscheine aber keinen Überblick mehr, wo er die Schuldner findet. Erika und Franz hatten Wochen zu tun, wenigstens einen Großteil davon aufzustöbern und abzukassieren. Bei Erika und Franz kamen bald die nächsten Enkelkinder an. Weil Frieda alle Kinder gern hatte und, nebenbei bemerkt, sogar den Erfinder der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner unterstützte – so gut sie nur konnte – machte sie jeder weitere Kinderzuwachs im Alter nur noch froher.

Schwere Schicksalsschläge blieben ihr dennoch nicht erspart. 1965 kam eine Schreckensnachricht aus Vorarlberg. Helene, ihr erstes Kind, wurde dort Opfer eines tragischen Verkehrsunfalles. Bei strömendem Regen mussten Fahrer und Beifahrerin das Auto verlassen, er um etwas zu reparieren, sie um den Regenschirm zu halten. Beide verdeckten vermutlich so die Rücklichter und ein nachkommendes Fahrzeug fuhr auf. Helene war auf der Stelle tot. Ihr Leichnam wurde heim geholt und am Lebmacher Friedhof beigesetzt.

Es dauerte nur noch wenige Jahre, bis nach unzähligen Krankenhausaufenthalten auch Michael ein unheilbares Leiden hinweg raffte. Das war 1972. Frieda lebte noch bis 1983 im Haus, liebevoll betreut von Tochter Rosalia und vorübergehend von Frau Sapper, Kurzzeit Geschäftsfrau in Pulst, und befreundet mit Giselher, Sohn von Raimund dem Ältesten. Was bislang die politische Einstellung des Mannes – z.T. durchaus von der Gattin geteilt – an Alleinsein verschuldete, erhöhte sich nun durch den elfjährigen Witwenstand.

Ü b e r  d i e  V a l e n t

Wie angekündigt, nun ein Überblick über Entstehung und Wanderschaft des Familiennamens. Dabei lässt „Alpe-Adria“ deutlich grüßen.

Zu einer frühen Zeit, waren Pfarrherren und Herrschaftsverwalter genötigt, ihren Schutzbefohlenen zur leichteren Unterscheidung statt Einzelnamen, auch noch einen Gen-Namen, also einen Familien-Namen zu geben. Was in den Städten schon üblich und früher notwendig war, dort meistens zu neuen Namen in Verbindung mit Berufen führte, war jetzt auch am flachen Land Usus. Hier gab es im kirchlichen Bereich die deutliche Vorliebe zu Taufnamen, d.h. zum Vaternamen, während bei weltlichen Grundherrschaften für Landleute eher Namens-Verbindungen üblich waren, die auf ihre Lage im Gelände hinweisen konnten: Berger, Taler, Bacher, Ober- oder Unter-Walder usw.

Die Namens-Geschichte der Valent begann im Missionsgebiet des Patriarchen von Aquileia. Dazu gehörten die Siedlungsplätze der Slowenen in Krain, im Küstenland, über Friaul bis Kärnten. Es ist erstaunlich, dass nicht der Papst sondern Kaiser Karl der Große, im Jahre 811 mit dem Drau-Fluss die Missions-Nordgrenze des Patriarchen festlegte. Da war wohl die Welt zwischen Kaisertum und Papsttum noch in Ordnung!

Nun zum Namenspatron, dem Heiligen Valentin von Terni. Dieser hieß bei den Slawen Valent, im Italienischen Valentino und bei den Deutschen Valentin. Der Gen-Name Valent muss entsprechend alt sein, sonst müsste er als Sohn des Valent nach späterer Übung im Slowenischen Valentic, wie in Italien Valentinovic oder in Kärnten Valentincic heißen.

Grabsteine in Slowenien oder Weinbauern im Collio zeigen heute noch den unveränderten Familiennamen Valent. Vom Collio wanderte der Name Richtung Udine und weiter bis Gemona und Venzone, warum wohl? aus einem gesegneten Landstrich mit guten Äckern und Weingärten in ein armes, regelmäßig von Erdbeben geschütteltes Land an Taliamento und Fella? Wohl aus Gründen der Überbevölkerung, wo die Jüngsten bei Zeiten eine neue Existenz finden mussten.

Die Namens-Wanderung von Friaul Friuli nach Kärnten hat nachweislich auch andere Ursache. In einem konkreten Fall ist belegbar, dass die vorübergehende Herrschaft der Habsburger in Venezien und in Friaul/Friuli es mit sich brachte, dass dort Soldaten für die Monarchie geworben und gefunden wurden. In der Regel verpflichteten sich junge, starke Männer für einen Dienst von zwölf Jahren in der österreichischen Armee. Dafür winkte ihnen freie Niederlassung wo immer im Reich. Jetzt kommt hinzu, dass die politische Stimmung in Friaul allmählich und ganz entschieden eine österreichfeindliche geworden ist. Österreichische Veteranen passten schlecht zum Rinascimento und zu Italia-Unitá. Wollte so ein Veteran nicht plötzlich zum Fremden in der eigenen Heimat werden, dann entschloss er sich, wie unser Giovanni Battista Valent und andere, wohl oder übel vom Niederlassungsrecht Gebrauch zu machen. So gab es eines Tages gar nicht wenige Friulaner, die sich in Kärnten niedergelassen haben und ihre Vater-Namen wie Candussi, Borghi, Vidussi oder Bulfon (einst ein Wilhelm!) mitbrachten.

1) siehe die Kärntner Landsmannschaft 0304/2021 Seite 4

Bildteil

Giovanni Battista und Moiza Valent
Giovanni Battista und Moiza Valent mit Kinder und Enkel
vlg Edenbauer in Schwambach
Familie Franz Valent (Maurermeister) mit Helen geb. Bulfon vor dem Mulle-Haus
stehend hinten von links: Tante Loisl mit Klein Martha, Michel, Frieda mit Klein Franz, Engelbert, Mitzi, Bruder N., Hugo, Willi Sittlinger, dessen Mutter Maria mit Klein Egon, Onkel Pepe, Onkel Alois
stehend Mitte von links: Helene stehend mit Großmutter Nonna, Großvater Nonno mit Maria
sitzend von links: Otto, Raimund Franz, Rosi
Entlassungs-Zeugnis 1883 des Franz Valent
Portrait Franz Valent (gemalt von Sohn Engelbert)
Portrait Helene geb. Bulfon Valent (gemalt von Sohn Engelbert)
Giovanni Battista Valent mit Schwiegertochter und acht Enkelkinder
Rosi, Mitzi, Helene, Raimund, Walter, Franz Valent Im Garten des Wohnhaus an der Glan
Gasthaus Gaggl in Lemach
Hinten stehend erster von rechts Michael Wohlfahrt mit Respektabstand zu den Gendarmen vom Posten Feistritz/Radelsdorf!
Mitte stehend von links: Freund Candussi, Franz Valent, Rest unbekannt
Sitzend vorne rechts Gastwirt Julius Gaggl mit Gattin/Familie
Isidor und Maria Valent als Goldene Hochzeiter

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