Ein Abgesang auf den Zeneggenhof

August 31, 2012 um 16:52 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das Geschlecht derer von Zenegg florierte in der Stadt St.Veit und um den Hüttenberger Erzberg so lange, bis eine unbarmherzige Zeit ihre berühmtesten Vertreter zu „Glaubensstreitern“ machte. Ein gleichnamiger Roman aus dem Jahre 1964 stammt von Emilie Zenneck.  Zwei Örtlichkeiten tragen bzw. trugen bis unlängst diesen Familiennamen, vlg. Zenegg in Kitschdorf und der Zeneggenhof in St.Veit/Glan. Des Letzteren unmittelbare Nähe zu Kloster und Klosterkirche, läßt unweigerlich an das recht umstrittene Auftreten eines Zenegg, Hans mit Namen, zusammen mit drei weiteren lutherischen Ratsmitgliedern, bei der Fronleichnamsprozession von 1596 denken. Doch nicht die alte, die neuere Zeit, jene der letzten hundert Jahre soll hier behandelt werden.

Erst jüngst brachte die Stadt St.Veit den Hof samt restlichen landwirtschaftlichen Flächen, diese etwas entfernt und größtenteils im Westen gelegen, durch Kauf in ihren Besitz. Davor kam es zu einer gesonderten Grundabgabe an die Gärtnerei Sattler. Beidemal war der Kaufschilling zur Gänze an die Banken abzuliefern!  Im Herbst 2003 folgte schließlich der komplette Abbruch des umfangreichen, historisch gewachsenen Gebäudekomplexes. Abgesehen von einem im Torbereich eingemauert gewesenen Römerstein, sowie einem gotischen Maßwerkstück aus der Stallmauer konnte nur wenig  gerettet werden, leider auch nicht die prächtigen Kellergewölbe. Die zwei Steine befinden sich jetzt in dem jüngst auf den Hauptplatz übersiedelten Stadtmuseum. Die Zeugnisse alter Handwerkskunst hingegen, die tiefen, steingewölbten Keller – einer versunkenen Kirche vergleichbar und mit Sicherheit die ältesten Bauteile – gibt es nicht mehr. Es ist kaum zu fassen, was moderne Abbruchmaschinen und heutige Stadtpolitik in kürzester Zeit zustande bringen. Ein persönlicher Versuch, wenigstens den Hauptkeller für eine allfällige spätere Nutzung bestehen zu lassen, wurde wie folgt abgetan: „Was glauben Sie, wieviel Geld uns der Ankauf gekostet hat – In der Spitalgasse (Neubau C&A!) war ein noch schönerer Keller, den haben wir auch nicht erhalten“. Dabei weiß man noch gar nicht, was an Stelle des Hofes einmal kommen soll! Geld ausgeben und Beschäftigung schaffen, alles recht und schön, daß man dabei aber so brutal zur Sache geht, ist für jeden an ehrwürdiger Bausubstanz Interessierten sehr schwer einzusehen. Aber das ist ja wohl keine St.Veiter Eigenheit, ähnliches passiert zum größten Bedauern landauf landab immer öfter! Apropos Geld ausgeben! Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß eine sozialistische Stadtverwaltung Dinge zu Geld machen kann, die vor rund 100 Jahren bürgerliche Stadtväter grundgelegt haben: Stadtsparkasse und Städtisches E-Werk, sprich Kelag-Anteile, wurden bekanntlich gut verkauft!

Lange bevor der wirtschaftliche und finanzielle Ruin über den Zeneggenhof hereinbrach, waren dort zwei tüchtige Familien am Werk. Sie verdienen es, daß man ihrer noch einmal gedenkt. Wenn auch das meiste Schriftgut in großen Papiercontainern entsorgt worden und daher nicht mehr verfügbar ist, so sind doch einige Beweise einstigen Fleißes und alten Unternehmergeistes erhalten. Sie lesen sich als eine einzige Erfolgsgeschichte der Familien Kanatschnig-Höfferer und sind nicht zuletzt ein Lehrbeispiel dafür, wie mit dem Eisenbahnbau etwa ein Funder, ein Kleinszig und manch andere durch kluge und umsichtige Gebarung, wenn auch nicht ohne Ausnützung billiger und williger Arbeitskräfte, aus bescheidensten Anfängen heraus zu Ansehen und Vermögen kommen konnten.

 Ein letzter Augenschein

Frau Grete Novak, Jahrgang 1920, war mit ihren Eltern bis 1945 im Herrenhaus in Miete. Sie hatte die Freundlichkeit, noch einmal die Hofstelle beschreibend und erzählend abzugehen. Ihr Bericht lautet in etwa wie folgt: Der gemauerte Torbogen am Hofeingang ist jüngeren Datums. Zuvor gab es dort nur einen hölzernen Torabschluß. Gleich links davon war eine Selchkammer mit eingebautem Backofen, anschließend die Mosterei mit Betontrog zum Waschen des Obstes, mit Aufzug auf die dritte Ebene zur Quetsch. Der darunter liegende Preß-Stand mit Portioniergefäßen links und rechts, zwei fahrbaren Preßgut-Wägen. Ein Dieselmotor und Transmissionen dienten zum Antrieb von Aufzug und Presse. Firmenschild: „Valentin Stossier, Pörtschach am Wörthersee/Österreich“. Es folgt der Eingang zum Rinder- und Schweinestall für zehn bis zwölf Kühe samt Kälber- und Schweineboxen. Separat ein Schlachtraum mit Arbeitstisch und Hängevorrichtung. Über dem Stall eine kleinere Tenne samt hoher Einfahrt von der Bürgergasse her – unter dem Stall ein großer Kartoffel- und Rübenkeller. Dieser diente zur Kriegszeit als Luftschutzraum für die Bewohner der Umgebung, während die Hausleute sich bei Bombengefahr lieber in den tiefen Keller des Herrenhauses zurückzogen. Es wurde auch immer wieder erzählt, es hätte vom Kartoffelkeller ausgehend einen Geheimgang zum Kloster hin gegeben! Am Ort, wo zuletzt die Garagen des Verbindungstraktes zwischen Stall und Herrenhaus zum Abbruch kamen, war einmal genug Platz für den Stallmist, genauer gesagt, für den Misthaufen.

Zurück am Eingangstor, wenden wir uns jetzt der rechten Seite zu. Da stoßen wir auf den Pferdestall für meist drei Pferde mit darüber liegender kleiner Tenne. Im nächsten Gebäudekomplex finden sich Hausmühle mit Holzdecke und gleichfalls Tenne darüber. Marstube, wo die Dienstleute ihr Essen einnahmen, Saukuchl mit Herd und Futterdämpfer sowie die Elektrozentrale trugen oben drüber eine Wohnung für den Platzmeister des Sägewerkes. Was nämlich den Ankauf in St.Veit so interessant erscheinen ließ, war die Nähe zum Obermühlbach. So hört man erstmals 1913 vom Bau einer Turbinenanlage. Fabrikatsnummer 509 der Maschinenfabrik Andritz AG. Eine Sperre im Bachbett nahe dem Brückenwirt erlaubte die unterirdische Wasserzufuhr zum Rechen vor der Turbine. Bachsperre und Rechen waren von den Knechten regelmäßig zu warten. Der Abfluß verließ die Turbine schließlich durch ein ebenfalls verdecktes Gerinne in Richtung Obstgarten und Marktwiese. Außer der Versorgung mit eigenem Lichtstrom dürfte damals nicht viel mehr herausgeschaut haben, denn der 1. Weltkrieg stand knapp bevor. Erst 1920 kommt es zu Planungen und zwischen 1921 und 1924 zum Bau des Sägewerkes mit Holz- und Bretterplatz. 1929 wurde Turbine Nr. 2224 der Leobersdorfer Maschinenfabrik AG und ein Generator der Österreichischen ASEA Elektro GesmbH Wien aufgestellt, was einer erhöhten Kraftzufuhr für das Sägewerk gleichkam . Der alte Sägestandort galt bis in die 50er Jahre, da wurde unterhalb der Marktwiese neu und modern gebaut. Der gestiegene Energiebedarf war mit dem vorhandenen Wasserrecht nicht mehr zu decken. Strom von der Kelag zu beziehen, war inzwischen zur Notwendigkeit geworden. An Stelle der alten Säge wurde ein modernes Büro- und Wohnhaus aufgeführt und dieses 2003 ebenfalls gänzlich demoliert. Auch eine eigene Hausschmiede war vorhanden. Das Herrenhaus wurde 1949 entstellend mit neuer Fassade und neuen Fensteröffnungen versehen. Von dieser Maßnahme stammen vermutlich die über gebliebenen Steinteile im Jugendstil. Im ersten Stock gab es einen schönen Saal mit Stuckdecke, von dem gesagt wurde, es sei die Hauskapelle gewesen. Noch innerhalb des Hofgeländes befand sich eine eigene Wagnerei.

Vater Novak war Eisenbahnbeamter und in seiner Freizeit für allerlei am Hofe verwendbar, ob zur Zeit des Mostmachens oder zum Schärfen der Sägeblätter. Kurzum, es gab ein sehr gutes Einvernehmen im Hause. Sogar zur Jagd ließ sich der Hausherr von ihm begleiten. Franz Höfferer war nicht bloß Waidmann, sondern auch Meisterschütze im Verein. Eines Tages brachte man einen ausgewachsenen Geier vom Pirschgang heim. Jemand kam auf die Idee, den Geierkopf zu spalten und hoch oben an der Tenne so festzunageln, daß es aussah, als hätte man ein Wundertier mit zwei Köpfen erbeutet. Dies soll sich tatsächlich rasch in der Stadt herumgesprochen und ganze Schulklassen angezogen haben..

Über die am Hof  tätigen Personen wußte Frau Grete Novak zu sagen, daß es neben den Familienmitgliedern eine Köchin, eine Stütze, je eine Kuh- und Saudirn, einen Hausknecht und zwei Unterknechte, einen Schmied und einen „Sagl“ gab. Letzterer hörte auf den Namen Christian Kulterer. Schlafplätze für Knechte und Mägde waren größtenteils in den Ställen oder in irgend welchen Kammern zu suchen, sofern nicht überhaupt Leute Beschäftigung fanden, die in der Nähe eigene Wohnung hatten. Bis 1938 standen allein im Pferdestall drei Strohbetten! Das sogenannte „Obere Haus“ oder „Stachel-Haus“  heute Glaserei Wildhaber, Villacherstraße 18 gehörte einst ebenfalls zum Zeneggenhof, und war mit Mietern besetzt.

Zu den Familien

Michael Kanatschnig (1850-1918) verehelicht mit Anna Wölbitsch (1847-1918), vorerst noch Besitzer beim Marbauer in Rasting, Post Feistritz-Pulst, betrieb schon von dort aus ein bemerkenswertes Holzgeschäft. Nahezu in allen Talschaften des Bezirkes wurde Holz gekauft, geschlägert, behauen oder gespalten. Heere von Holzknechte warteten auf  Anweisungen und Bauern der Gegend auf Fuhraufträge. Hauptsächlich ging es dabei um die Gewinnung von Eisenbahnschwellen. Fixe Kontrakte mit den k.u.k. Staatsbahnen hatten große Mengen davon zum Gegenstand. Darüber hinaus wurde alles an Holzprodukten  geboten, was in Triest – dieses war ja schließlich noch innerhalb der alten Monarchie gelegen – gefragt oder dort anzubringen war. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht an irgend einer Bahnstation verladen worden wäre.  Daneben führte man beim Marbauer auch ein Gasthaus. Guten Wein bezog man faßweise direkt aus Riva, Bozen und Görz für eigenen Bedarf und zum Weiterverhandeln. Eine Großleistung, wenn man liest, daß überall in den Wäldern Leute mit Vorschüssen und mit Lebensmittel versorgt sein wollten. Kontakte und Abrechnungen mit den, die Versorgung gewährleistenden örtlichen Kaufleuten und ein intensiver Zahlungsverkehr, dieser noch in Form von Geldbriefen standen auf der Tagesordnung. Dies alles in telefonloser Zeit! Drei Töchter hatte der Kanatschnig, doch keinen Sohn. Eine heiratete in St.Veit (Weiß), die andere nach Feldkirchen (Germann) und auch der dritten werden wir noch als Ehefrau begegnen. – Nur eines fehlte ihm, ein eigenes Sägewerk, dieses würde das Geschäft erst vollkommen machen…

Das war auch der Grund, daß Kanatschnig von Rasting weg und nach St.Veit strebte, wo man gerade den Zeneggenhof feilbot. Von Vitus Wisiak, offensichtlich  einem Spekulanten kaufte ihn Kanatschnig am 1. 7. 1903. Es verwundert, daß zeitgleich von einem Josef Kanatschnig am 10. 6. 1903 die Hube vlg Purkart  in Schaumboden (Grundbuchseinlagezahl 42) um 3.200 Kronen an Dr. Arthur Lemisch verkauft wurde. Da am Grabstein in Dreifaltigkeit Michael seines Vaters Josef gedenkt, dieser sich vlg. Raunegger nannte und nur kurz, nämlich von 1822 bis 1859 lebte, könnte es sich beim vlg. Purkart um einen Bruder des Michael gehandelt haben. War vielleicht noch ein Erbteil auszuzahlen? Noch in der ersten Jahreshälfte 1904 wird Michael Kanatschnig der Aus- und Umbau des Zeneggenhofes, Bürgergasse 5, Parzelle 133, Grundbuchseinlagezahl 178 (alte Hausbezeichnung Villacher Vorstadt 11) von Seiten der Gemeinde bewilligt, um damit sieben Zimmer und drei Küchen neu zu schaffen. Drei Küchen wohl deshalb, weil je eine für die alte und junge Familie, die dritte jedoch fürs Gesinde gedacht war. Es könnte sich dabei um den Westflügel gehandelt haben.

Schon um etwa 1898 kam es zur Eheschließung zwischen Anna Kanatschnig (1875-1942), Tochter des Michael, und Franz Höfferer sen. (1872-1943), Bauer und Sägewerker aus dem Görtschitztal, mit Sägestandort in Hüttenberg. Deren, das Erwachsenenalter erreichenden fünf Kinder kamen zwischen cirka 1899 und 1906 beim Prailinger in der Gemeinde Klein St.Paul zur Welt.  1907 wurde Prailinghof verkauft und vlg. Scheerer in Kitschdorf angekauft. Weil aber die Liegenschaftsgrößen sehr unterschiedlich waren, darf man davon ausgehen, daß das alte Bauernhaus zum Abbruch kam, an dessen Stelle hingegen das heute noch anzutreffende Gebäude, eine Art Herrenhaus, neu errichtet wurde. Erst als Michael Knappitsch 1918 mit 68 Jahren das Zeitliche segnete, zog Franz mit seiner Familie auf den Zeneggenhof in St.Veit.  Von drei Söhnen des Franz heiratete der älteste in einen Bauernhof am Krappfeld ein, während die zwei jüngeren am Zeneggenhof verblieben und dort bald die Geschäftsführung übernahmen.

Am 20. August 1930 ging ein arges Wetter über Schaumboden nieder und der Obermühlbach führte große Wassermengen sowie allerhand Treibgut heran. Durch ein Versehen hat man die Wasserwehr am Obermühlbach nicht rechtzeitig gezogen, was eine gewaltige Verklausung, des weiteren die Überflutung der Straße mit Schäden auf eigenen und fremden Grundstücken  zur Folge hatte. Zum eigenen Schaden kamen fremde Ersatzforderungen, und um solche wenigstens teilweise abzuwehren, mußte man Dr. Kittinger, Rechtsanwalt in Klagenfurt mehrere Jahre gegen hohes Honorar bemühen.

Franz Höfferer jun. (1905-1994) hatte seine Ausbildung an der Handelsschule in Klagenfurt 1921abgeschlossen. In den zunächst wirtschaftlich schwierigen zwanziger Jahren, noch mehr in den politisch zerrissenen Dreißigern konnte er schon mit Fleiß und Geschick zur Hebung des Betriebes beitragen. Der Realbesitz erfuhr nicht nur um St.Veit eine Ausweitung, auch in Zistl/Möderbrugg/Stmk. besaß man einen Säge- und Forstbetrieb. Seit 1938 war Franz Höfferer jun. mit Anna Nußhold (1908-1994) ehelich verbunden.

Leider wurde das Testament von 1943 wenig überdacht und äußerst betriebsfeindlich gestaltet. Franz Höfferer jun., zu diesem Zeitpunkt wohl verheiratet jedoch ohne leibliche Erben, mußte eine fideikommissarische Substitution zu Gunsten ehelicher Nachkommen seines älteren Bruders hinnehmen, obwohl er längst gemeinsam mit dem ehe- und kinderlos gebliebenen Bruder Leo für die Betriebe voll verantwortlich war. Galt Franz als konservativ und Heimatschützler, so war Leo national gesinnt und in die Ereignisse von 1934 verstrickt. Um sich nicht einsperren zu lassen, ging er vorsichtshalber sofort nach Mailand und gab dort einen sehr guten Verkaufsleiter ab. Das anfänglich freundliche Verhältnis zwischen den Regierungen Mussolini und Dollfuß ließ das Italien-Geschäft kurzzeitig boomen. Zwischen Juli und November 1934 stieg die Zahl der Beschäftigten in St.Veit von zehn auf vierzehn. Dann trat Adolf Hitler auf den Plan, nicht nur mit seiner Tausend-Mark-Sperre, auch auf Mussolini muß Hitler gegen Österreich gerichteten Einfluß genommen haben, denn plötzlich benötigte man für die Holzausfuhren nach dem Süden Lizenzen, die von den Italienern immer zögerlicher erteilt wurden………..

Mit der Angliederung Österreichs an Deutschland profitierten kriegswirtschaftlich wichtige Betriebe, darunter auch Sägewerke. Sie wurden rasch mechanisch verbessert und leistungsfähiger gemacht. Am 15.2.1943 meldete man der Organisation Todt, daß die Rundholzzuteilung des Forstjahres 1940/41 für St.Veit mit 16 Beschäftigten 7.800 Festmeter (ein Plus von 170% gegenüber dem Vorjahr!) – für Zistl mit 9 Beschäftigten 5.000 Festmeter Nadelholz betragen hat. Die gleichzeitig prognostizierten Einschnittmöglichkeiten für 1942 wurden vorsichtig mit 4.000 Festmeter (St.Veit) bzw. mit 3.000 Festmeter (Zistel) angegeben. Auch wurde nicht vergessen, darauf hinzuweisen, daß die Rundholzanlieferung mit drei Pferden nur zum Teil sichergestellt erscheint und die Bereitstellung eines Traktors angezeigt wäre… Franz Höfferer mußte nur gegen Schluß hin kurzzeitig zu den Soldaten, denn Betrieb und Landwirtschaft waren in den Augen der damals Verantwortlichen sehr wichtig. Man mußte nur immer frühzeitig um eine sogenannte UK-Bestätigung einkommen. UK steht für „unabkömmlich“. War es vor 1938 Franz, der die nötigen Verbindungen spielen ließ, so konnte während der NS-Zeit Bruder Leo um so besser agieren. 1945 wendete sich das Blatt neuerlich! Franz ist nämlich nie der NS-Partei beigetreten. Es gelang Franz beispielsweise der Erwerb jener Gründe bei Schloß Weyer, die Dr. Arthur Lemisch der St.Veiter Sportjugend für einen Spielplatz zum Geschenk machte und die 1945 im Eigentum des Sportreferates des Landes Kärnten standen. An einen Sportplatzbau war so bald nicht zu denken. Das Land wußte nicht, was es mit den Gründen anfangen sollte und Franz Höfferer griff zu….

Dieser Umstand hat Lemisch-Erben noch nach Jahr und Tag gewurmt. Sie empfahlen Spendensammlern des Turnvereines danach immer wieder, zum Höfferer sammeln zu gehen und nannten diesen einen Kriegsgewinnler.

Der Verlaß nach Franz sen. war vor Kriegsende nicht mehr abzuwickeln, wohl aber bald danach. Es kam zur Gründung einer Handelsgesellschaft unter den zwei Brüdern einerseits und einem Neffen anderseits. Dies ging so lange gut, bis die Auflösung des Gesellschaftsvertrages angestrebt und – nicht ganz unmotiviert – eine vermögensrechtliche Teilung verlangt wurde. Jetzt zeigte sich deutlich, daß das Testament von 1943 eine schwere Hypothek darstellte. Die Vermögensteilung entpuppte sich als ein langer, ein schmerzlicher und kostspieliger Vorgang. Wieder wurden Rechtsanwälte bemüht und wieder waren diese fürstlich zu entlohnen. Mit der Abtretung des Besitzes Zistl bei Möderbrugg – der im übrigen heute noch gut floriert – mit diesem Aderlaß allein war es keineswegs getan, es kostete noch einiges dazu. Bis einschließlich 1982 bilanzierte die OHG noch inklusive Zistl und ab 1983 bereits  o h n e  diesen Besitz. Dabei war die Zusammenarbeit der neu erbauten Säge St.Veit  mit Zistl lange Zeit sehr vorteilhaft gewesen. Anstatt das eigene und das Geld der Banken in notwendige Betriebsverbesserungen investieren zu können, wurde solcherart die St.Veiter Firma empfindlich geschwächt. Überall gab es bereits Schließungen und das Sterben kleiner Sägen einerseits, Konzentration, Rationalisierung bis hin zur Automatisierung inklusive digitaler Meßverfahren anderseits. Was macht man, wenn dann die eigene Kasse schwach oder gar leer ist?  Man wendet sich an die Banken. Wie das mit dem Geld der Banken aber schon so ist, weiß man meist erst hinterer. Schwer ist es oft, die anfallenden hohen Zinsen zu verdienen, noch schwerer fällt das Tilgen der eigentlichen Schulden. So lange das vorhandene Vermögen reichlich Deckung bietet, ist alles eitel Wonne, aber dann…….

Fortune und Tragik, Aufstieg und Fall gehörten immer schon zum Schicksal großer Familien. Heute ist in der Wirtschaft nahezu alles anonym. Wo sind die Ehrenmänner, die für ihr Tun und Lassen noch mit allen Konsequenzen eingestanden sind?  Hier darf daher kein Urteil gesprochen, sondern nur eine Erklärung dafür versucht werden, warum es den Zeneggenhof, so wie er einmal war und wie er dank seiner alten Eigentümer weitum Geltung besaß, nicht mehr gibt. Gewiß ließen sich noch andere Betrachtungen anstellen, doch für Fragen des familiären Glückes ist hier nicht der rechte Platz. Bei aller Wehmut kann man positiv sehen, daß die Geschichte des Zeneggenhofes in Wort, Schrift und Bild fortlebt. Dazu haben nicht wenige ihren Beitrag geleistet. Fürs erste hat der aufmerksame Nachbar, Direktor Karl Anetter, ein fotografisches Tagebuch über die traurigen Wochen des Abbruches angelegt. Zweitens, konnte über verständnisvolle Vermittlung von Herrn Stadtamtsleiter Mag Karl Heinz Müller und unter Mithilfe von Herrn Steinmetzmeister Kropiunik geschichtlich bedeutsames Steinmaterial im Bauhof sicher gelagert werden. Schließlich ist Herrn Harald Petersmann vom EDV-Bauamt der Stadtgemeinde für digitale Fotoaufnahmen sowie deren Archivierung verbindlich zu danken.

Walter Wohlfahrt      in Kärntner Landsmannschaft Heft 6/7 2005

St. Veiter Wiesenmarkt 1900-1950

August 29, 2012 um 18:35 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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 Ein Glück und ein Segen für jede Gemeinde, für jede Stadt, wenn ihr erster Bürger neben Eifer für Gegenwart und Zukunft auch noch tätiges Verständnis der Geschichte gegenüber an den Tag legt. So hat Bürgermeister Gerhard Mock veranlaßt, daß der reiche historische Schatz des Gemeinde-Archives digital verfügbar gemacht worden ist. Frau Mag. Bettina Steiner-Köferle  hat sich in bewundernswerter Akribie dieser monatelangen, wertvollen Aufgabe unterzogen. So ist es erstmals möglich, themenspezifisch relevante Sachverhalte aus einem großen Datenbestand mit wenig Mühe auszufiltern und diese, wie beispielsweise hier den Wiesenmarkt betreffend, darzubieten.

 Vieles ist über den historischen St.Veiter Micheli-Markt bisher schon von berufenen und weniger berufenen Leuten geschrieben, manches davon auch gedruckt worden, Stichhaltiges und Legendäres. Als Standardwerk gilt wohl die von Bürgermeister Hubert Zankl zum 600 Jahr Jubiläum in Auftrag gegebene, von Dr. Karl Dinklage verfaßte und 1962 gedruckte „Geschichte des St. Veiter Wiesenmarktes“.  Auch einmal einen nicht so fernen Zeitraum, an den sich der eine oder andere vielleicht noch selbst oder vom Hörensagen erinnern wird, auf Grundlage handfester Daten im Zeitraffer vorüber ziehen zu lassen, ist nicht ohne Reiz, zumal die hier benutzten Quellen dem obgenannten Buchautor sicher nicht zur Verfügung standen.

 Was dabei als erstes ins Auge springt, ist der Umstand, daß die jährliche Zählung der Märkte, wie diese immer wieder in den Zeitungsberichten vorkommt, streng genommen unkorrekt ist. Inzwischen ist diese Übung im offiziellen Ankündigungsplakat ganz zu Recht einer Nennung der Zeitspanne gewichen. Allein in der kurzen Betrachtungszeit von fünfzig Jahren wurde mit der Abhaltung des Ereignisses mehrmals ausgesetzt. Sei es 1910, wo sich die Maul- und Klauenseuche derart ausbreitete, daß ein Marktverbot ausgesprochen werden mußte – und man vielleicht deshalb auch noch bis ins 12er Jahr etwa von Ausschankbewilligungen nichts vernimmt – sei es die Ruhrepidemie des Jahres 1917, die es geboten erscheinen ließ, keinen Wiesenmarkt anzusetzen; oder man werfe den Blick auf einige Kriegsjahre sowohl 1914-1918 als auch 1939-1945. Zunächst sollte 1944 noch J. Hopfgartner die Marktaufsicht übernehmen, doch kam dann am 12.9. das endgültige Verbot. Der Reichsstatthalter für Kärnten begründete diese Verfügung mit dem Schutz der Bevölkerung vor der bestehenden Luftgefahr. Die älteren Leser werden sich erinnern, wie damals die englischen Jagdflugzeuge, ob Spitfire oder Lightnings, bereits unangefochten den Kärntner Himmel beherrschten. Auch gab es in jener Zeit schon lange keinen rechten Anlaß mehr für jegliche Volksbelustigung. Die einen waren an der Front, die anderen sorgten sich um sie. Bestenfalls kam es noch zu Absatzveranstaltung für Pferde und Rinder. Im Herbst des Jahres 1945 war der Krieg gottlob vorüber und der Wiesenmarkt konnte ohne weitere Unterbrechung langsam wieder in Schwung kommen!

Die Ausschankbewilligungen spielten immer eine besondere Rolle. Sie versprachen gutes Geschäft und waren dementsprechend begehrt. 1905 ersuchten die Schankwirte gar darum, vorzeitig, also  v o r  der offiziellen Eröffnung, mit dem Ausschank beginnen zu dürfen. Dagegen werden aber wohl die ortsfest gebliebenen Wirte Einspruch erhoben haben.

1913 wurde ein gewisser Johann Plöb genannt. Er gehörte der Gemeindewache an – damals eine Art gemeindeeigene Polizei – und er hatte als ernannter Marktrichter auf Einhaltung der Marktordnung zu schauen. Ebenso oblag ihm das Einnehmen der Standgelder.

1920 mußte der Wiesenmarkt mit Rücksicht auf die Kärntner Volksabstimmung verschoben werden und als man 1922 daran dachte, die im Kriege abgenommen Kirchenglocken nachzuschaffen, kam es zu einem recht krausen Gedanken. Der Festausschuß des Glockenkomitees unter Obmann Tichatschek trat allen Ernstes an die Stadtgemeinde heran, den ganzen Wiesenmarkt dem Komitee zu verpachten. So wären, nach Meinung der Bittsteller, die Standgelder einem guten Zweck zugeführt. Aus „prinzipiellen Gründen“ ist man diesem Ansinnen nicht nahegetreten.

1924 hört man von einem Gemeinderatsbeschluß, wonach anläßlich des Wiesenmarktes die Bäcker der Stadt an zwei Sonntagen schon um zwei Uhr früh beginnen dürfen, ein deutlicher Hinweis darauf, daß man ansonsten den großen Bedarf nicht hätte decken können.

1926 kam es erstmals expressis verbis zur Vergabe von „Lizenzen für die Ausübung des Gast- und Schankgewerbes“ auf Marktdauer und zwar genau vom 19. September bis zum

18. Oktober, eine recht lange Zeitspanne. Verbunden damit war eine Neufestsetzung der Standgelder und der Belustigungssteuer.

1928 wurde über Ansuchen des Landesverbandes der Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen, demselben das Aufstellen einer Rasenkegelbahn zur Zeit des Wiesenfestes gestattet. Diese Einrichtung hat sich nicht nur bis vor wenigen Jahren erhalten, nein, sie wurde sogar wesentlich erweitert und ausgebaut. Der Bestandsinhaber  hieß von 1938 an „NS-Kriegsopferversorgung“ und ab 1945 „Kärntner Kriegsopferverband“. Keine Frage, daß auch zuvor schon dem Kugel- und Kegelspiel gefrönt worden ist. Was aber bislang meist das Anhängsel einer Schankbude war, wurde damit zum Monopol der Kriegsopferfürsorge. Allerdings, eine Eintragung im Grundbuch des Pfarrhofes St.Veit (Landesarchiv, Stadt St.Veit, Signatur 213, Folio 35) erwähnt 1818 die „Jahrmarkt-Kegelbahn“ und deutet darauf hin, daß schon damals zumindest die Kegelbahnen eine temporäre Einnahme des Pfarrhofes geboten haben.

Der Zustrom von Radfahrern ist 1928 schon so stark, daß Max Weberitsch in der Villacher Vorstadt 7 um das Gewerbe zur Einstellung von Fahrrädern der Marktbesucher auf seinem Grund und Boden ansucht.

Einer Initiative des damaligen Kustos des Stadtmuseums und Obmannes des Verschönerungsvereines, Volksschuldirektor Rudolf Niederl und der Unterstützung durch die Kärntner Landsmannschaft, ist es zu verdanken, daß der längst abgekommen gewesene Brauch von Aufstellung und festlicher Übertragung der Marktfreyung, verbunden mit der sogenannten Marktberufung, das ist die Verlesung der Rechte und Pflichten der Marktteilnehmer, 1932 wiederbelebt wurde. Mit kriegsbedingten Unterbrechungen ist dies seither und bis auf unsere Tage ein fester Bestandteil der Marktkultur. Es spricht viel dafür, daß Dir. Niederl von seinem Berufskollegen Josef Pucher inspiriert worden ist. Pucher war es, der Mitte der zwanziger Jahre über den „Wiesenmarkt in früherer Zeit“ im Periodikum „Für das Kind, Leseheft für Kärntens Schuljugend“ schrieb, selbst aber sein Wissen von keinem geringeren als aus Franz Franziskis „Kulturstudien… in Kärnten“ bezogen hat. Übrigens, die Marktfreyung wurde 1932 vom Bildhauer Pichler in Klagenfurt neu geschaffen und am 17.9. geliefert. 70 Jahre neue Marktfreyung wären demnach zu feiern gewesen…..

Die Zahl der Radfahrer stieg weiter, so daß 1932 auch ein gewisser Anton Sallinger das Einstellen von Fahrzeugen auf dem Kinderfreunde Spielplatz an der Marktstraße bewilligt haben möchte. Das Geschäft auf diesem Platz hat noch in den fünfziger Jahren gut floriert. Eine unabsehbare Menge von Rädern, Rollern und Motorrädern prägte das Bild.

 1934 war ein politisch all zu sehr bewegtes Jahr, um an eine größere Veranstaltung denken zu können, obwohl die Fertigstellung der großen Markthalle in dieses Jahr fiel.

Als Hinweis auf einen Festzug von 1935 ist ein Schreiben erhalten geblieben, welches sich an Baron Auer von Welsbach, Obmann des Kärntner Jagdschutzvereines, mit der Bitte richtete, eine entsprechende Abordnung möge am Festzug teilnehmen. All zu gerne hätte in diesem Jahr die Kärntner Brauerei AG Villach die große Markthalle gemietet, doch war leider die ortsansässige Gösser-Bierniederlage etwas schneller.

1936 wollte der „Musikverein Bundeskapelle“ unter Obmann Josef Mauko eine teilweise Rückerstattung der Marktabgaben. Die Begründung lautete, es handle sich um einen jungen, in Aufbau befindlichen Verein mit knappen Geldmitteln. Weil sich dahinter offensichtlich die umgetaufte Eisenbahner-Musikkapelle verbarg, die politischen Verhältnisse sich aber bereits in Richtung Austro-Faschismus verändert hatten, wurde das Ansuchen abgelehnt.

Musik in jeder Form, ob Leierkasten, Orchestrion, ob zu Unterhaltung oder Tanz, Musik spielte am Wiesenmarkt eine große Rolle! Im Festzug von 1932 begegnen wir noch der Musikkapelle der Eisenbahner und der Arbeiter-Musik-Kapelle. Beide mußten später aus rein politischen Gründen vorübergehend in Bundeskapelle bzw. in Stadtkapelle umgetauft werden.

Eine lustige Episode gehört gerade in die Zeit 1936 oder 1937: Herr Pukelsheim engagierte eine Zigeunerkapelle aus ungarisch Burgenland. Die Instrumente wurden gegen gutes Trinkgeld vom Bahnhof abgeholt und zunächst in die Erlgasse geschafft. Es war ausgemacht, daß vorher noch einige Tage im dortigen Gastgarten und erst danach in der Weinbude am Wiesenmarkt aufgegeigt werde. So geschah es dann wohl auch und die Sinti oder Roma mit ihrem Prim-Geiger namens Ference machten großen Eindruck auf das zahlreiche Publikum. Dies galt ganz besonders für eine angesehene Dame der St.Veiter Gesellschaft. Kurzum, der Wiesenmarkt war zu Ende und für Ference das nächste Engagement in Nizza angesetzt. Besagte Dame ward danach volle vierzehn Tage nicht mehr gesehen, ehe sie sich eines schönen Tages wieder bei ihrem großmütigen Ehemann einfand!

Um zwischendurch auch das Archiv des Stadtmuseums bzw. eine erhalten gebliebene Niederschrift von Rudolf Niederl aus 1947 heranzuziehen, sei kurz daraus zitiert:

 „In den Jahren 1936 und 1937 flaute jedoch das Interesse an der weiteren Ausgestaltung der festlichen Marktberufung merklich ab, so daß 1937 nur noch zwei Stadträte und der Stadtschreiber in der Person des Amtsleiters bei der Übertragung der Freyung auf die Marktwiese, also sang- und klanglos und ohne Festakt, assistierten.

„Einerseits war es die wirtschaftliche Notlage, die ungeheure Zunahme der Arbeitslosigkeit, welche eine Stagnation auf allen Gebieten erkennen ließ, anderseits schlugen die Wellen der einsetzenden politischen Bewegung immer höher und bewirkten ein Abseitsstehen jener Kreise, die sich einst in den Dienst der Wiederbelebung einer feierlichen Markteröffnung gestellt hatten.

Dir.Niederl kommt abschließend zu seinem Vermächtnis:

„Nach mehrjähriger Unterbrechung konnte das Getriebe des Wiesenmarktes erst allmählich wieder in Schwung gebracht werden. Abgesehen von seiner ehemaligen Bedeutung hat der Wiesenmarkt viel von seiner Anziehungskraft verloren (1947! Anm.d.Verf.), als Klagenfurt durch die Veranstaltung eines Herbstfestes, das inzwischen auf August verlegt und mit einer Gewerbe- und Industrieausstellung (spätere Klagenfurter Messe ) verbunden wurde und damit dem traditionellen Wiesenmarkt den Rang abgelaufen hat.

„Ich widme diese Niederschrift mit den gesammelten Zeitungsabschnitten (darunter merkwürdigerweise auch solche von 1950 und daher später beigegeben –  Anm. d. Verf.) sowie mit dem Bildmaterial, das ausschließlich von Amateuren stammt, dem Museum der Stadt St.Veit, das diese Erinnerungen als Zeichen der Bereitschaft, für die Belange der Stadt in uneigennütziger Art zu wirken, bewahren möge.

 Dir. Niederls Sorgen von 1947 haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. 1950 titeln die Tageszeitungen bereits in großen Lettern und vorausschauend „600 Jahre St.Veiter Wiesenmarkt“ – „St.Veiter Wiesenmarkt im alten Glanz“ – „Tausende beim St.Veiter Wiesenmarkt“ – „Massenauftrieb beim Viehmarkt“ – „St.Veit im Festeszauber“ usw.

Viele, oft sehr gegensätzliche Kräfte vermochte der Wiesenmarkt im Festausschuß von 1932 zu vereinen. Die Namen der acht Protagonisten muß man kennen: Bürgermeister Leopold Polanz, Norbert Rainer, Fritz Knaus, Rudolf Niederl, Dr. Hubert Huber, Leo Knaus, Fridolin Rainer und Josef Glatzl. Es kam in jenem Jahr nicht nur zum bis dahin größten Festzug, sondern obendrein zur österreichweiten Ausstrahlung einer Wiesenmarkt-Rundfunkreportage, mit wissenschaftlichen Beiträgen von Dr. Martin Wutte in der Programm-Zeitschrift von Radio Wien (RAVAG, gegründet 1.10.1924).

Gar viel hat der altehrwürdige Markt in den beschriebenen fünfzig Jahren zu leiden gehabt, etwa unter der Furie des Krieges oder ganz einfach durch die zeitweilige Unverträglichkeit der Menschen. Man bedenke, die letzten 18 Jahre der Monarchie, turbulente 20 Jahre Zwischenkriegszeit, 7 Jahre Diktatur und 5 Jahre englische Besatzung, das alles hat unser guter alter Wiesenmarkt in dem betrachteten Zeitraum durchlebt! Ganz abgesehen vom markantem Wandel, welchen die Ablöse des Pferdes durch den Traktor oder der Weg vom Fahrrad zur Vollmotorisierung mit sich brachten.

Walter Wohlfahrt    in Kärntner Landsmannschaft, Oktober  2004

 

Aus dem Gerichtssaal anno 1924

August 15, 2012 um 19:35 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das plötzliche und unerwartete Hinscheiden des allseits bekannten und angesehenen Bezirks-Schulinspektors Böhm sorgte in der Kleinstadt St. Veit für großes Aufsehen und Unruhe. Die Gerichtssaal-Berichte,  ab 13. Juni 1924 in den „Freien Stimmen“ Klagenfurt, sie sind hier nahezu ungekürzt wiedergegeben, werfen ein höchst bezeichnendes Licht auf die Zeitverhältnisse im Lande.  Der Wunsch nach einer radikalen Änderung altgewohnter Zustände  in Familie, Gesellschaft, auch in der Justiz , geht daraus klar hervor.

Vorsitz OLGR Dr. Otto Domenig – Staatsanwalt Dr.Feichtinger – Angeklagte Berta Singhuber geboren am 12.11.1888 in Gutenstein. In der Gendarmerieanzeige ist die Rede von Barium-Karbonat und  davon, dass durch einen Mittelsmann anstatt dem unschädlichen Barium-Antomyon aus der Kriegszeit ein gleichnamiges, aber hochgiftiges Mittel der Nachkriegszeit in der Apotheke besorgt worden sei. Die Packung hat man angeblich in den Stadtgraben geworfen, bei der ersten Nachsuche nicht,  später aber doch noch gefunden.

Das Verhör

Die Angeklagte, eine schwarzhaarige, mittelgroße Erscheinung, mit nicht unsympathischen Gesichtszügen, die infolge der schweren Aufregungen und der langen Untersuchungshaft, einen leidenden Zug aufweisen, ist einfach dunkel gekleidet. Sie gesteht zu, ihrem Vater das Rattengift in das Zuckerwasser gerührt zu haben, jedoch ohne die mindeste Absicht, ihren Vater an seiner Gesundheit zu schädigen. Sie wollte nur ein vorübergehendes Unwohlsein herbeiführen um ihn an der geplanten Wien-Reise zu verhindern, von der sie die Aufdeckung ihres ganzen Schwindelgebäudes mit der Melanie Schröder befürchten musste. Die Angeklagte erzählt dann ihre Lebensgeschichte. Sie ist heute 36 Jahre alt, hat ihre Jugend bei den Eltern in Gutenstein verbracht – wo ihr Vater ursprünglich Lehrer war – dann in Wolfsberg und in St. Veit zugebracht, unter ihrem Vater die Volks- und Bürgerschule dann durch zwei Jahre die Lehrerinnenbildungsanstalt der Ursulinen in Klagenfurt besucht, wo sie aber wegen eines Ohrenleidens austreten musste und hat dann später die Staatliche Lehrerinnenbildungsanstalt im Jahre 1910 absolviert. Im November 1910 erhielt sie ihren ersten Aushilfslehrerinnenposten in Villach, wo sie drei bis vier Monate blieb, dann in Kappel am Krapfeld und in St. Veit, wo sie immer nur aushilfsweise auf etliche Monate wirkte, bis sie bei Kriegsausbruch nach Friesach kam wo sie ihren nachmaligen Gatten, den dortigen Bahnbeamten Singhuber kennenlernte, der vorübergehend als Offizier ins Feld einrückte, aber bald zur Bahndienstleistung rück beurlaubt wurde. Sie habe sich im Frühjahr1915 verlobt und im folgenden Jahr geheiratet, das eheliche Zusammenleben, zuerst in Steyr bei den Eltern des Singhuber dann in Hieflau und zuletzt in Rosenbach, dauerte aber nur 13 Monate worauf die Ehe im beiderseitigen Einvernehmen geschieden wurde und die Angeklagte zu ihrem Vater nach St. Veit zurückkehrte. Sie behauptet, dass an der Ehescheidung viel die Schwester ihres Mannes die Schuld gewesen sei, die sie von allem Anfang an nicht mochte und darum bei ihrem Bruder anschwärzte, so dass sie (die Angeklagte) ihr sogar einmal eine Ohrfeige gab. (Wie aus der später verlesenen Aussage ihres Mannes hervorgeht waren die Ursachen der Ehescheidung, eheliche Untreue, häusliche Schlamperei und Schuldenmachen der Gattin und sollte die Ehe ursprünglich aus dem alleinigen Verschulden der Ehefrau geschieden werden. Nur über Bitten und aus Rücksicht auf die Stellung seines Schwiegervaters ließ er sich zu einer Scheidung im beiderseitigen Einverständnis herbei). Von St. Veit kam die Angeklagte dann zur Mutter nach Gutenstein, die dort mit der jüngeren Tochter einen gemeinschaftlichen Besitz bewirtschaftete um ihn dem Zugriff und der Sequestration durch die Jugoslawen zu entziehen. Dort lernte sie den Werksdirektor  Ing.  B e g u s c h , einen Witwer mit Kindern kennen, der sie nach ihrer Angabe heiraten wollte und bei dem sie als Haushälterin eintrat, worauf das Verhältnis bald intim wurde. Es ging aber nach etwa einem Jahr wieder in die Brüche, angeblich, weil er keinen Verdienst hatte, in Wirklichkeit aber infolge von Zerwürfnissen in Geldangelegenheiten, da sie auf seinen Namen Schulden gemacht und ihm auch Wertgegenstände entwendet hatte. Da sie ihm im Zuge der Zerwürfnisse mit der Anzeige wegen angeblichen Verrat von Fabrikgeheimnissen an die Jugoslawen drohte, erstattete Begusch gegen sie die Erpressungs- und Diebstahlanzeige, sie wurde jedoch freigesprochen, da der Gerichtshof annahm, dass das Verhältnis ein so intimes war, dass füglich kein Unterschied zwischen Mein und Dein gemacht wurde. Berta Singhuber zog dann zu ihrem Halb- und Stiefbruder Augustin – ihre Mutter war in erster Ehe mit Dr. Augustin in Gutenstein vermählt – in der Villa Deschmann in St. Martin bei Klagenfurt, wo sie sich einen Diebstahl zuschulden kommen ließ, dessentwegen sie bedingt verurteilt wurde. Darauf kehrte sie zum Vater zurück, der ihr alles verzieh und sie gut aufnahm (Hier bricht die Angeklagte in Schluchzen aus) Dagegen sei sie von ihrer Schwester schlecht aufgenommen worden und diese habe vor ihr Türen und Kästen abgesperrt. Der Vater habe aber für sie (die Angeklagte) Partei ergriffen und so sei die Schwester zur Mutter in Gutenstein gezogen, während sie beim Vater die Wirtschaft führte. Da aber der Vater sehr „klug“ (d.h. karg) gewesen sei, habe sie vieles auf Kredit einkaufen müssen. Im August 1922 habe sie dann den Bundeswehrhauptmann N. kennengelernt und sei im Dezember mit ihm in intime Beziehungen getreten. Dieser habe sie direkt ausgewurzt, sie habe ihm Lebensmittel, Wäsche, Kleider, Schuhe usw. gekauft und beiläufig fünf Millionen für ihn ausgegeben. Dadurch sei sie in die Hände eines Wucherers geraten, der dann seine Schuldforderung von sieben Millionen an Dr. Huber als dem Vertreter des Vaters richtete, der diesen davon verständigte, worauf der Vater die Schuld zahlte, aber von nun an seine Tochter wie einen Dienstboten hielt. Sie musste in der Küche essen und er sprach mit ihr nur das Nötigste über die häuslichen Angelegenheiten.  In diese Zeit fällt auch der Verkehr mit dem Geschäftshause Kainz in Klagenfurt. Kainz, der ein Schüler Böhms war erhielt eines Tages einen Brief mit einer ausgiebigen Bestellung an Kleidern und Wäsche für seine Tochter anlässlich einer Reise und bald darauf ein zweites Schreiben in welchem Böhm seinen ehemaligen Schüler um ein Darlehen von vier Millionen bat. Diese Briefe hatte Berta Singhuber geschrieben, sie behauptet aber im Einverständnis und Auftrage des Vaters und beharrt dabei auch gegenüber dem Vorhalte des Vorsitzenden, wie unwahrscheinlich es sei, dass Böhm der selbst 20 Millionen in der St. Veiter Sparkasse liegen hatte einen ehemaligen Schüler um 4 Millionen anpumpen werde. Nachdem ihre Situation dem Vater gegenüber immer unhaltbarer wurde, erfand sie das Märchen von der Institutsfreundin Melanie Schröder, deren afrikanischen Reichtum und von dem Negermabob Tabu Sarietta, dessen Namen sie einer Erzählung entnommen haben will und eröffnete den schon erwähnten Briefwechsel. Der Vater nahm alles für bare Münze, selbst das angebliche Bild der Melanie Schröder, das er auf seinem Schreibtisch stehen hatte und das auf den ersten Blick als ein gewöhnliches Lichtdruckerzeugnis zu erkennen war, wie sie im Ansichtskartenhandel vorkommen.

Das Verhör der Berta Singhuber dauerte bis halb zwölf Uhr mittags und gestaltete sich namentlich am Schlusse dramatisch bewegt als ihr die Wiedersprüche und Unwahrscheinlichkeiten ihrer Verantwortung und ihr Verhalten gegenüber dem schwer erkrankten Vater vorgehalten wurden. Dass sie zunächst von dem ihr bekannten Eisenbahner Jäger  S t r y c h n i n  also ein absolut tödliches Gift verlangte will sie damit erklären, dass sie, die geprüfte Lehrerin die Gefährlichkeit und die Wirkungen dieses Giftes nicht gekannt habe. Als ihr Vater in der Nacht nach dem Genusses des Rattengiftes, das sie nach der Etikette als für Menschen und Haustiere ungefährlich ansah, während sie in der Voruntersuchung angegeben hatte, die Etikette nur flüchtig gelesen zu haben, wiederholt erbrach und Stuhlgang gehabt hatte, habe sie sich gedacht, nun sei das Rattengift aus dem Körper entfernt und es müsse daher etwas anderes an seiner Erkrankung und seinem Tod schuld sein. Als ihr vorgehalten wird, dass sie nach dem Tode ihres Vaters sich der vom Arzt angeordneten Überführung und Obduktion der Leiche widersetzen wollte, redete sie sich darauf aus, es sei ihr der Gedanke schrecklich gewesen, dass die Mutter die Leiche nicht mehr im Hause antreffen und dass diese zerstückelt werden sollte. Ihre übergroße Kindesliebe sucht sie durch reichliche Tränenergüsse glaubhaft zu machen. Der Vorsitzende hält ihr in diesem Zusammenhange eine Äußerung vor, die sie in Klagenfurt ihrem Stiefbruder Augustin gegenüber gemacht haben soll. Zwischen den beiden war das Gespräch auf den tödlichen Unglücksfall des Ehepaares Baudisch, das in der Nacht von einem von der nördlichen Rathausecke abstürzenden Gesims-Teil erschlagen worden war. Die Berta Böhm soll damals gesagt haben: „Wenn das meinem Vater passiert wäre, hätte ich eine Regimentsmusik zum Begräbnis bestellt.“ Die Angeklagte erklärt diese Äußerung als eine blanke Erfindung ihres ihr seit jeher feindlich gesinnten Stiefbruders.

Die Zeugen

Um halb zwölf Uhr wird die Verhandlung über Wunsch des Verteidigers, welcher auf die Erschöpfung der Angeklagten durch das 2 ½ stündige Verhör hinweist, auf zehn Minuten unterbrochen und sodann mit der Zeugeneinvernahme fortgesetzt.  Als erster Zeuge gibt der pensionierte Schuldirektor   K r e b i t z , der intimste Freund des verstorbenen Schulinspektors, an, dass Böhm mit ihm wiederholt über seine Tochter gesprochen, sich dabei aber sehr widerspruchsvoll geäußert habe. Während er sich einerseits beklagte, dass sie ihn belüge, Schulden mache und Dinge aufführe, die ans Unglaubliche grenzen, namentlich in Geldsachen, habe er anderseits seiner Tochter in der Angelegenheit der Wiener Bekanntschaft vollen Glauben geschenkt und alle von Zeugen gegen die unglaubwürdigen und romanhaften Schilderungen vorgebrachten Bedenken zurückgewiesen. Den letzten Brief der angeblichen Melanie Schröder mit der dringenden Aufforderung nach Wien zu kommen, habe Böhm ungefähr acht Tage vor der geplanten Reise bekommen und mit ihm darüber gesprochen. Der Zeuge hat den Brief selbst nicht gesehen, behauptet aber bestimmt dass Böhm ihn in seiner Brusttasche getragen habe. Dieser Brief wurde unter den von Böhm gesammelten und aufbewahrten Briefen der Melanie Schröder nicht gefunden und die Angeklagte beharrt dabei, so spät einen Einladungsbrief, der ja ganz ihren Plänen zuwiderlief, nicht geschrieben zu haben. Über die Angeklagte äußerte sich Direktor K r e b i t z dass deren Ruf in St. Veit der denkbar schlechteste gewesen sei, einerseits wegen ihrer unsauberen Geldmachenschaften, anderseits wegen ihres stadtbekannten Liebesverhältnisses mit dem verheirateten Bundeswehrhauptmannes St. Der Zeuge kennt die Angeklagte seit 16 Jahren. Den Eindruck, dass sie geistig nicht normal sei hat er von ihr nicht bekommen. Vom Verteidiger auf den Widerspruch in seiner Aussage bezüglich des Verhältnisses zwischen Vater und Tochter aufmerksam gemacht, erklärt der Zeuge, dass dieser Widerspruch tatsächlich vorhanden war. Böhm, ein Kanzleimensch, der von 7 Uhr früh bis spät abends in seiner Kanzlei arbeitete, war über seine Tochter, so oft sie einen ihrer üblen Streiche ausführte, den der Vater dann bezahlen musste, aufgebracht, hat sie aber anderseits unendlich geliebt und kein übles Wort über sie kommen lassen. Der Zeuge habe sich gehütet, ihn auf ihr Treiben aufmerksam zu machen, denn sie übte auf ihn einen geradezu suggestiven Einfluss aus. Geradezu  v e r n i c h t e n d  ist die zur Verlesung gebrachte          A u s s a g e  der 74jährigen Mutter der Angeklagten, die in der Voruntersuchung erklärt hatte aussagen zu wollen, jedoch gebeten hatte, zur Hauptverhandlung nicht geladen zu werden, da sie ihrer Tochter nicht mehr begegnen wolle. Sie bezeichnet in ihrer Aussage die Tochter als eine   a u s g e s p r o c h e n e    H o c h s t a p l e r i n ,    L ü g n e r i n   und   S c h u l d e n m a c h e r i n ,  die ihr (der Mutter) einmal als sie sie züchtigte, eine Ohrfeige geben wollte, ein andermal mit dem Messer auf sie losgehen wollte. Sie hält ihre Tochter zu   a l l e m   f ä h i g  und verlangt eine strenge Bestrafung derselben. Dem gegenüber geht die ebenfalls verlesene Aussage der Schwester Paula Böhm dahin, dass sie ihrer Schwester eine solche Tat nie zugetraut hätte und auch heute noch überzeugt sei, diese sei am Tode des Vaters unschuldig. Dass ihr sittlicher Lebenswandel nicht einwandfrei sei, gebe sie zu, entschuldigt sie aber damit, dass sie geistig nicht vollkommen normal sei.

Der Halbbruder Hubert  A u g u s t i n  bekundet – ebenfalls protokollarisch – die Äußerung der Berta Singhuber beim Unglücksfall Baudisch und bestätigt die Angaben der Mutter, dass die Angeklagte auf diese einmal mit dem Messer losgegangen sei.  Ebenso belastend ist die Aussage des geschiedenen Gatten  Singhuber, welcher erklärt, dass er seinerzeit das Opfer eines raffinierten Betruges der Berta Böhm geworden sei, die in einem Kreise fragwürdiger Existenzen verkehrte, selbst den Drang zum Großtun hatte und auch vor einem Betruge nicht zurück schreckte. So habe sie sich u.a. auch für  eine Nichte des bekannten Armeeführers Böhm-Ermolli ausgegeben.  Nach Verlesung einer Reihe weiterer Zeugenaussagen folgt das Verhör des Bezirks-Gendarmerie-Inspektors  K a i s e r , der die Verhaftung der Angeklagten durchgeführt und die Vorerhebungen gepflogen hat und schließlich des Arztes Dr. Kraßnig, der den Inspektor Böhm in seiner Todeskrankheit behandelte. Er sagt über seine Wahrnehmungen der fortschreitenden Krankheitsymtome, die auf eine Arsenvergiftung hindeuteten – Bariumvergiftungen weisen dasselbe klinische Bild auf – aus und erklärt auf eine Frage, dass zu der Zeit als er zum Kranken gerufen wurde – 29 Stunden nach der Vergiftung – eine Rettung desselben ausgeschlossen gewesen sei, der Verstorbene aber, wenn er etwa 14 Stunden früher gerufen worden und ihm die Ursache der Erkrankung bzw. die Art des Giftes mitgeteilt worden wäre, vielleicht noch hätte gerettet werden können. Mit Rücksicht auf diese Aussagen beantragte der Verteidiger die Einvernahme von Gerichtssachverständigen. Dieser Antrag wird abgelehnt.

Um 2 Uhr wurde die Verhandlung abgebrochen und um 4 Uhr wieder aufgenommen. Der Andrang des Publikums war noch ärger als vormittags und das Gedränge geradezu besorgniserregend und mit Rücksicht auf die Tragfähigkeit des Schwurgerichtssaales lebensgefährlich. Die weiteren Zeugenaussagen brachten nur noch einzelne charakteristische Einzelheiten. Die Hausparteien Frau Sandner und Frau Gigler, die von der Angeklagten in der kritischen Nacht zu Hilfe gerufen wurden und bis zum Ableben Böhms am Sterbebett weilten, bekunden dass Böhm sich seine Tochter nicht nahe kommen ließ als sie ihm im Bette stützen wollte, sondern diesen Dienst von den beiden Frauen leisten ließ, andernfalls aber vor den beiden Frauen sein Testament dahin machte, dass das vorhandene Bargeld und Sparkassengeld der Tochter Berta Singhuber gehören und der Mutter nur der Pflichtteil gehören sollte.                                                                                    Um ¼ 7 Uhr wurde das Beweisverfahren geschlossen und den Geschworenen eine Hauptfrage, auf das Verbrechen des Totschlages, vorgelegt. Der Verteidiger fordert eine Zusatzfrage im Sinne § 2, Z 11 St.G., wonach eine Tat nicht zugerechnet werden kann, wenn das Übel aus einem Zufall erfolgt, weiters eine Eventualfrage im Sinne § 325 (fahrlässige Tötung). Beide Anträge wurden abgelehnt.

Ende des Verfahrens um 10 Uhr abends – Urteil lautete „angesichts der außerordentlichen Milderungsgründe“ !! auf 2 1/2 Jahre schweren Kerker unter Einrechnung der Untersuchungshaft. Im Zuschauerraum gab es Bewegung über das zu milde Urteil….

Ein redaktioneller Nachtrag in der Ausgabe vom 18.6.1924 lautet:  Anwalt war Dr. Georg Sedlmayr-Seefeld,  der sich seiner Klientin mit Wärme und Nachdruck angenommen hat ! ! ! ! ! ! ! !

Solche Urteile, wenige Jahre nach dem Ende einer alten, festgefügten Ordnung schienen wie ein Schlag ins Gesicht, all jener, die an überkommenen Werten hingen. Justiz, vorallem aber die freie, ungebundene Presse nahmen sich Dinge heraus, die vielen Angst machen konnten. Die Sympathien für die Angeklagte auf Seite der maßgeblichen Kräfte waren ihrem freien Lebensstil zum Trotz, unverkennbar groß. War es nicht auch gerade das, was die Menschen einer Kleinstadt  neuen Propheten nachlaufen liess, in der Hoffnung, diese würden wieder für Ordnung und Anstand sorgen? Der schlechte Ausgang und dass alle Hoffnungen bitter enttäuscht wurden, ist bekannt.

Kurioses zum Schluss

Interessante Details, welche von Klagenfurt über Graz wieder zurück nach St. Veit, einmal sogar bis Prag  spielen, seien noch kurz erwähnt. In Kärnten wusste man mit den Magen-Proben des Opfers nichts recht anzufangen. Ein Experte in Graz musste zu Rate gezogen werden. Es war dies kein geringerer als der spätere Nobelpreisträger für Chemie Fritz Pregl. Bei diesem weilte zufällig zeitgleich ein St. Veiter Student, der auch sogleich zur Bestimmung des Rattengiftes hinzu gezogen wurde. Diesmal handelte es sich um Werner Knaus, Bruder des Gynäkologen und Geburtshelfers Hermann Knaus, Mitbegründer der Knaus-Onygo Methode, die Bestimmung des Eisprunges der Frau betreffend. Was eigentlich ursprünglich als Geburtenförderung gedacht war, machte man danach und mit dem Segen des Vatikans zur natürlichen Geburtenregelung, bis durch die Antibabypille aus Amerika  dann doch wieder alles überholt erschien!

Dr. Hermann Knaus, inzwischen  an der Universität in Prag  schon selbst lehrend, wurde eines schönen Tages von einem Boten mit Zettel in der Hand im Lehrsaal überrascht.  Knaus las die Botschaft, dann richtete er sich mit diesen Worten kurz an seine Studenten, „Meine Herren, ich muss die Vorlesung abbrechen, Fürstin Schwarzenberg ruft um mich.“  Es war der 10.12.1937, der Geburtstag des heutigen tschechischen Außenministers Karl Schwarzenberg.

Walter Wohlfahrt        Feber 2013

Vom Hause Klagenfurter Straße 26

August 10, 2012 um 10:26 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Nach langewährender, beängstigender Stagnation scheint sich in der Klagenfurter Straße wieder Erfreuliches zu tun. In den schönsten Zeiten,  da man noch an der „Reichsstraße“ lag , wo dann später Eisenbahner aus allen Ländern der Monarchie Wohnungen und Unterkünfte suchten, der Schnellzug-Bahnhof in Glandorf und die Haltestelle St. Veit (Güterbahnhof) viel fahrendes Volk und starken Fuhrwerksbetrieb anzog, ja da waren Geschäfte und Gasthöfe hier Gold wert, die bauliche Entwicklung in der ganzen Vorstadt lebhaft. Erst allmählich wurde es stiller und stiller. Nicht nur die Eisenbahner und Zugfahrer wurden  weniger auch der zunehmende Auto- und Individual-Verkehr schadeten, von der notwendig gewordenen  Umfahrung der Stadt ganz zu schweigen. Handel und Gewerbe zogen aus. In der Gegend ein Haus oder ein Geschäft zu haben, war infolge dessen nicht mehr die wahre Freude.

Inzwischen schöpft man da und dort wieder neue Hoffnung. Das ehemalige Meisterl-Haus ist nett herausgeputzt und neu besetzt. Gleich daran anschließend gibt es seit wenigen Tagen einen „Burger-Meister“, das Prinzhofer-Haus ist eingerüstet und erwartet wohl ebenfalls eine Verschönerung. Belebung ist im Steirerhof angesagt. Wenn dieser Artikel erscheint, rinnt vielleicht schon frisches „Wimitzer“ in durstige Kehlen. Die unschöne, große Lücke von einst füllt ein moderner Wohnblock. An dieser Straßenseite ist zum Unterschied von der gegenüberliegenden fast kein Wunsch mehr offen. Wunderbar!

Über Meisterl und Steirerhof wurde schon berichtet. Heute schauen wir uns das 26er Haus näher an. Dem Biermachen und -ausschenken begegnet man hier 1770 zum ersten Mal. Kurioserweise ist es zuerst ein Simon Hochhatler „hier geboren“  während man 60 Jahre später den Braumeister Peter Hattler „aus Gmünd“ als Hausherrn antrifft, beides laut Bürgerbuch. Noch so mancher Hausherr liebte es, Bier zu brauen, sie heißen der Reihe nach Lebmacher, Regenfelder und Hafner, letztere Familie von 1886 bis 1927 für mindestens drei Generationen. Die alte Berechtigung, Steinbier zu machen, wird 1812 infolge Gubernial-Dekret aus Laibach in eine Kesselbier-Gerechtsame umgestaltet. Das bedeutete erstens, eine wesentliche Qualitätsverbesserung und zweitens, dass nicht länger nur in der Bräuhausgasse gutes Kesselbier geboten wurde. Richard Löschnig kaufte das Haus 1927 von Hermann Hafner, er war wohl Wirt aber sicher nicht länger Bierbrauer. Auf Löschnig folgten Ehefrau Franziska, geborene Eschenauer und Tochter Franziska, verehelichte Lehofer zu gleichen Teilen. Das fünfachsige Haus geht über zwei Geschoße und ist ungefähr zur Hälfte unterkellert. Durch Zumauern des ehemaligen Mitteleinganges mit Hofeinfahrt hat man – unbekannt wann – die Hausfassade unvorteilhaft verändert. Mit dem „Burger-Meister“ ist der Anfang einmal gemacht. Die schönen Gewölbe des hinteren Gastraumes lassen erahnen, wie die anderen, noch nicht in Angriff genommenen Gebäudeteile beschaffen sind. Man will vorsichtig und schrittweise zu Werke gehen und auch die restlichen Gewölbe, einst der beste Feuerschutz, zu voller Wirkung kommen lassen.

 Bei dieser Gelegenheit kann man ein wichtiges Detail der Stadtgeschichte festhalten: Der Stadtbrand vom 13. Juli 1676 wütete in der Klagenfurter Vorstadt besonders arg. Gute eintausend Gulden betrug die Teil-Entschädigung der Opfer, aufgebracht zur Hälfte vom Kaiser in Wien, zur anderen Hälfte von der „Landschaft“ sprich Ständische Landesregierung, in Klagenfurt. Weil dabei aber auch die Schuldfrage angeschnitten worden ist, hört man von einem Zimmermann, der  bei Ausbesserung  der Bedachung der Ringmauer   sträflicherweise seine noch glosende Tabakpfeife auf einem morschen Balken ausgeklopft hat!  Von dort hat nachweislich der Stadtbrand seinen Ausgang genommen. Das ist deshalb interessant, weil man jetzt mit Bestimmtheit sagen kann, dass die Stadtmauern und wohl auch die Wehrgänge noch eine gute Zeit über dieses Jahr hinaus in Schuss gehalten worden sind. Der Bericht darüber wird nur zwei Häuser weiter von einer sehr lieben Dame aufbewahrt…..                                                                           

 Nachtrag von Leser Alois Petautschnig:

Nach 1945 befand sich in diesem Hause links das sog. „Schönbrunner Stöckl“ eines gewissen Karl (Maria) Wittek. Letzterer war Pianist und wohnte am Hauptplatz 20 – Mieter hier wie dort. Hauptplatz 20 gehörte dem Sparkassendirektor Erich Kraschnig, Höhenstraße 19. Auf einer Wand des Lokals war ein Motiv von Schönbrunn zu sehen.

Walter Wohlfahrt in StadtBlattl von Fritz Knapp – Juni 2012

Zur Geschichte des Steyrerhofes

August 10, 2012 um 10:10 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Klagenfurter Straße Nr. 38 ist eine ziemlich alte Adresse. Sie strahlt jetzt im neuen Licht, dank eines Mannes, dessen Passion es eigentlich ist, Menschen und nicht unbedingt alte Häuser schöner zu machen. Wer schon in diesen Tagen seinen Fuß über die gastliche Schwelle gesetzt hat, wird das gelungene Werk loben, die Gaben aus Meister Holzers Küche obendrein.

Parkplatz, Zufahrt von Prinzhofer Straße

Man muss schon sehr tief graben, um den Anfängen und Besonderheiten dieses Ortes auf die Spur zu kommen. Eine Möglichkeit unter vielen, ist der Blick ins Bürgerbuch der Stadt von 1564-1884, welches im Landesarchiv  Klagenfurt aufliegt. Dort begegnet 1702 erstmals ein Bader mit sonderbarem Namen: Balthasar Paufler. Ob er schon an besagter Stelle „ordinierte“ und daneben dem Wirtsgewerbe frönte, wissen wir nicht genau. Einer seiner Nachkommen muss es aber jedenfalls mit dem Gerstensaft probiert haben, denn bei der Bürgeraufnahme eines gewissen Georg Schmidt, lesen wir 1758, er sei ein ehemaliger Bräuknecht und hätte das Pauflerische Steinbier Wirtshaus in der Klagenfurter Vorstadt erkauft. Dass ein radiziertes Recht, Steinbier zu brauen, seit Maria Theresias Zeiten auf dem Hause ruht, wissen wir aus dem alten und neuen Grundbuch. Das Vorkommen eines Hausnamens in Verbindung mit Familiennamen könnte wohl auf zwei drei Generationen Paufler als Besitzer  hinweisen. Als dann 1763 dem Johann Schlaniz Bürgerrecht verliehen und ausgesagt wird, dass er aus Bleiburg stammt, Schmidischer Wirt sei (von Vorbesitzer Schmidt abgeleitet) und bei der sogenannten „Pauflischen Stein Bier Bräu und Haus eingeheiratet hat, ist es an diesem Ort bereits der vierte Wirt mit Bürgerrecht und es sollten noch drei weitere echte „Bürger“ folgen, was dem Wirtshaus durchaus eine besondere Note und eine gewisses Bedeutung verleiht. Natürlich sind die Jahre der Verleihungsakte nicht ident mit den genauen Jahren des Liegenschaftserwerbs. Zum Zeitpunkt der Bürgerrechts-Verleihung saßen die Geehrten besitzmäßig schon fest im Sattel. So auch 1808 der aus Goggerwenig gebürtige, 41jährige Steinbierbräuer Anton Haß, auch Hass geschrieben (jetzt nochmals: „am Paufler-Haus“!) und schließlich 1841 ein Josef Wutte, Brauer und Hausbesitzer aus Meiselding. Mit Franz Regenfelder, Eigentümer durch Kauf seit 1862, wird der letzte Wirt Bürger (1883), weil kurz danach ausdrückliche Bürgeraufnahmen im alten Sinne nicht mehr zulässig sind. Von nun an gibt es einige, sehr kurzfristige Besitzwechsel, ehe mit der Familie Schober von 1873 bis 1915 wieder etwas Stetigkeit einzieht. Ob die Schober noch  Bier gemacht haben, ist fraglich, aber im Gastgewerbe wurde zur Zeit des Minderjährigen Josef Schober, geb. 6.11.1858, sogleich nach Erreichung der Volljährigkeit sogar investiert. 1884 nahm er von Frau Franziska Lemisch, geborene Rainer Darlehen in Höhe von 815 und nochmals 7000 Gulden auf. Dazu passt eine Notiz des städtischen Bauamtes. Demnach begehrte der Besitzer im Herbst 1891 die Genehmigung zum Umbau seines Wohnhauses sowie für Errichtung einer Holzhütte. 1911 folgte auf den jungen Schober eine Marzella Schober. Sie ist nicht in der Lage, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und verfällt in Zwangsversteigerung. Drei lange Kriegs-Jahre bleibt die Sparkasse der Stadt St.Veit, die zur Rettung ihrer Forderungen bieten musste, im Grundbuch angeschrieben.

Der fürchterliche Krieg war zwar offiziell zu Ende, Kärnten aber noch lange nicht im Frieden angekommen, da liest man, Anna Tamegger dürfe am 21.12.1918 ihr“ Gasthaus Zur Wartburg“ offen halten. Tanz sei allerdings verboten und vom Reinertrag hat sie 10 Kronen zu Gunsten der Krieger-Witwen und –Waisen bei der Bezirkshauptmannschaft abzuführen. Es ist nicht anzunehmen, dass dieser Gasthausname tatsächlich erst 1918 geboren worden wäre, steht er doch für die in Österreich seit 1871 sehr verbreitete Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Deutschen Reich eines Kaiser Wilhelms und Bismarks. Das Wartburgfest bei Eisenach in Thüringen hatte für all-deutsche Studenten und ebensolche  Sänger, die es auch in St. Veit gegeben hat (z.B. MGV von 1863 – Turnverein) eine unbändige Anziehungskraft und Bedeutung. Dass man diesen Leuten nicht nur in Klagenfurt, sondern auch in St. Veit schon früh eine gastliche Stätte, also eine Möglichkeit des Zusammenkommens bieten wollte, liegt auf der Hand. Dieser Name ist älteren Mitbürgern noch durchaus geläufig, war aber spätestens ab 1945 nicht mehr so zugkräftig wie einst.

Anna Tamegger war zwar die Wirtin, am Hause gab es aber eine Mitbesitzerin namens Juliane Polomsky. Letztere war ab 1921 Alleinbesitzerin. Sie trug ab 1950 infolge Verehelichung den Namen Liebetegger. Jetzt gab es neben dem Gastgewerbe auch eine Mietwagen- sprich eine Taxi- Konzession. Ab 1954 kam es mit Maria Tschudnig zu einem kurzen Zwischenspiel. Diese Wirtin, mit Jahrgang 1893 nicht mehr die Allerjüngste,  verschuldete sich sogleich bei der Sparkasse mit 114.000 Schilling, höchstwahrscheinlich um den Kaufpreis aufzubringen, und verkaufte 1956 an Emmerich Rohrer. Rohrers Gattin Theresia, Jahrgang 1926, war von nun an die Seele des Hauses, eine Wirtin aus echtem Schrot und Korn, eine Wirtin wie sie sein soll, tüchtig, leutselig und vor allem unendlich fleißig. Der Mann war wohl auch da, befasste sich aber mit Holzhandel. Alle Mühen des Gastgewerbes nahm die Frau auf ihre Schultern. Ihr ist auch der neue Name „Steyrerhof“ zu verdanken. Aus guten Gründen und nach reiflicher Überlegung wählte man diesen Gasthausnamen! Es war die Zeit, wo erstens, alle Steirer die nach Kärnten wollten oder wieder heimwärts strebten, hier vorbeikommen mussten – es gab noch keine Umfahrung –  und zweitens, wo um den Wiesenmarkt mit seinem enormen Viehauftrieb herum viele Steirer tagelang in St. Veit zu tun hatten und gerne bei Frau Rohrer Quartier bezogen. Weil noch dazu das abendliche Wiesengeschäft sich noch in der Stadt und nicht auf der Rennbahn abspielte, war im Steyrerhof immer viel los und das Geschäft ging blendend.

Letzteres sei abschließend auch den neuen Wirtsleuten und ihrem Wimitzer Bier gewünscht.

 Walter Wohlfahrt  in StadtBlattl von Fritz Knapp, August 2012

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