Am Unteren Platz Nr. 10

März 31, 2012 um 19:49 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Diese Realität, bestehend aus einem zum Platz hin ausgerichteten Trakt (Sport Moser) und einem dahinter liegenden Zubau längs der Stadtmauer, welcher in letzter Zeit ein bisschen herabgekommen ist, hat  jüngst den Besitzer gewechselt. Wenn man die Platzfront genau betrachtet, zeigt es sich, dass der älteste Teil (17. Jhdt.) um zwei Fensterachsen gegenüber dem heutigen Gesamtkomplex kürzer war. Das hat seinen Grund darin, dass die Stadtmauer ursprünglich innen einen umlaufenden Wehrgang aufwies, worüber sich die Verteidiger rasch dorthin bewegen konnten, wo es brenzlig war. Kara Mustafa mit seinen Sengern und Brennern bildete bekanntlich lange genug eine große Gefahr. Mit dem Abriss dieser alten Holzkonstruktion – eigentlich schade drum, weil so manche deutsche Stadt ihren Wehrgang behalten hat und man sich daran noch heute erfreuen kann  – nun, dieser Freiraum wurde bald für Zubauten im vorderen und hinteren Bereich genutzt. Schöne Kellergewölbe mit Mittelsäule und kleinen Nischen befinden sich an der Gebäudeecke zur Burggasse, was sich im Erdgeschoß genau darüber fortsetzt.  Jeder Besuch bei Sport Moser erlaubt, einen Blick darauf zu machen. Der Hauptdachboden ist riesengroß und weist gegen den Platz hin eine langgezogene Öffnung auf, warum wohl?

Es handelt sich bei diesem Haus um die ehemalige Heimstatt eines Fleischhauers. Der brauchte einen luftigen Platz für seine Viehhäute. Zwei Brüder namens Johann und Franz Wahrheit kamen laut Familien-Chronik im Jahre 1618 nach St.Veit, der eine ein Fleischhauer, der andere ein Bäcker. Während die Linie des Franz zu Beginn des 19. Jhdt. ausstarb, floriert die Johann-Linie bis heute. Das Haus am Unteren Platz gehörte über Generationen der letztgenannten Linie. Mindestens neun Wahrheite erhielten in  St. Veiter Bürgerrecht,  davon war Andreas (1633) erster und Franz (1844) letzter. Ein früherer Franz, Bürgeraufnahme 1823, wird dabei Besitzer von Haus Nr. 73 (heute Herzog Bernhard Platz 4) genannt. Von einer besonderen Beobachtung darf noch berichtet werden. Als man parallel zur Stadtmauer den Zubau aufführte konnte oder wollte man, die Gewölbe nicht auf die Stadtmauer abstützen. Mann zog eine eigene Wand hoch, mit dem Ergebnis, dass zur Stadtmauer hin ein Hohlraum entstand, der sich Richtung Burg hinzieht. War das vielleicht Anlass für das Ammen-Märchen, wonach es in diesem Bereich eine unterirdische Verbindung nach außen gegeben habe? Egal ob dieser Gang unter oder durch den Stadtgraben geführt haben mag,  es war keines von beiden denkmöglich.

Übrigens, heuer ist ein Gedenkjahr! Vor 60 Jahren lautete die Adresse hier für sieben Jahre  „13. März Platz, Haus Nr.10“!  Wie doch die Zeit vergeht! Heute erlaube ich mir, den neuen Hausherrn willkommen zu heißen. Es ist dies Herr Mustafa Kemal Yilmaz. Der sympathische Mann kommt mit Frau und zwei Kindern über England, wo er einige Zeit gelebt hat, zu uns. Er ist wie sein Bruder Mehmed (Hauptplatz) Cypern Türke und wird nach dessen guten Beispiel seinerseits  ein bis dato wenig gepflegtes Anwesen in der Stadt modernisieren und verschönern. Glückliche Stadt, die Du keinen Wehrgang mehr nötig hast, denn friedliche, freundliche und  fleißige Türken sind bereits innerhalb Deiner Mauern und tun nur Gutes!                                                                                                                                 V/2008

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