Beim Schlick am Unteren Platz
September 16, 2018 um 01:19 | Veröffentlicht in St.Veit | 1 KommentarSchlagwörter: Antiqua, Botengasse, Breschan, Drucker, Fraktur, Fremdenverkehr, Hitler-Jugend, Michael Kanatschnig, NSDAP, Parteien, Paulitsch, Rauchegger, Schlick, Setzer, Silly, The British Military Governement Austria, Tischler, Verschönerungsverein, Zabl, Zeneggenhof
Hier, wo die Botengasse in den Platz mündet waren in alten Zeiten immer wieder Tischler ansässig. Ein Maria-Theresia-Gewerbe war mit dem Hause fix verbunden und jeder Eigentümer war berechtigt – entsprechende Fähigkeiten vorausgesetzt – hier das Tischler Handwerk auszuüben oder betreiben zu lassen. Tischler mit Namen wie Schmidl, Zabl, Rauchegger oder Silly waren hier tätig und so lange wohnhaft bis ein Wimitzer Realitäten-Besitzer, namens Regenfelder das in Versteigerung gelangte Haus billig und spekulativ an sich brachte. Er mag wohl damit gerechnet haben es bald wieder mit Gewinn abstoßen zu können. Mit Heinrich Schlick kam 1898 tatsächlich ein Interessent. Seine Firma H. Schlick & Söhne war seit 1882 Konzessionsinhaber für ein Buchdrucker Gewerbe und Mieter im Hause des Josef Breschan, Hauptplatz 28 (heute BH). Es gibt noch ein altes Foto, wo rechts vom Portal ein großes Firmenschild zu sehen ist. Gekommen ist die Familie aus Graz. Wann genau war nicht auffindbar. Der Kauf-Entschluss war für Schlick nicht einfach. Siebentausend Gulden betrug der Kaufpreis und nur 100 Gulden waren bar aufzubringen. Dafür mussten 2.100 fl an aushaftenden Darlehen der Vorbesitzer ins Zahlungsversprechen übernommen werden, 1.900 fl mittelfristige und 2.900 fl langfristige Verbindlichkeiten waren einzugehen. Das erworbene Gebäude wollte man sogleich zum Garten hin vergrößern um neben vorhandenen Mietern im Hause eigenen Wohnplatz zu gewinnen. Dafür, wie für Übersiedelungs-Kosten der Betriebseinrichtung und eventuelle maschinelle Neuanschaffungen waren die Eigenmittel bald erschöpft, ein schwieriger Neustart!
Der Betrieb lief wohl gut an, doch die Rückzahlungen waren nur schleppend zu leisten, weil ja auch immer wieder in den Betrieb investiert, der Warenvorrat gehoben und etwaige Modernisierungen geschafft werden sollten. 1911 z.B. machte ein „Verschönerungsverein und Auskunftsstelle für Fremdenverkehr“ von sich reden indem von dort an die Gemeinde ein Ansuchen gestellt worden ist, man wolle zeitgleich mit der Bahneröffnung (Hauptbahnhof 1912) einen Stadt- und Umgebungs-Führer auflegen und all das möglichst subventioniert bekommen. Ein Kostenvoranschlag der Druckerei Schlick belief sich auf 1.500 Kronen. Doch der Auftrag kam nicht zu Stande. Die Gemeinde lehnte erst einmal ab, mit der Begründung, schon der Führer von 1908 (Chronist Lorenz, gedruckt bei Schlick?) sei auf zu wenig Interesse gestoßen und der Bürgermeister (Dr. Joh. Spöck) würde ohnedies einen Rechenschaftsbericht demnächst kostenlos herausbringen.
Es ist schon erstaunlich, mit welchem Geschick es der Firma trotz Kriegs- und Inflationszeit gelang jedes Geschäftsjahr positiv abzuschließen. Das Geheimnis bestand darin, dass man 1920 die Grundbuch-Lasten mit Inflations-Kronen leicht los wurde und dass Druckaufträge jener Tage nur gegen bare Kasse ausgeliefert wurden, die von Inflation gefährdeten Barmittel aber sofort wieder für Ankäufe von Sachwerten wie Papiere, Farben usw. Verwendung fanden. Das wohl sortierte Lager war in jenen Zeiten Gold wert. Selbst der galoppierenden Inflation war solcherart entgegenzuwirken. Plakate für Kinos und Veranstalter, Werbemittel und Vordrucke für Firmen, wie Briefpapiere und Kuverts, Rechnungsformulare, Partezettel, Hochzeitseinladungen und dergleichen wurden immer gebraucht. Sie gingen jahrelang in großer Zahl über die Pudel. Berechnet wurde zum Tagespreis! Nur keine Ware auf Kredit hinaus geben, dann konnte wenig schief gehen. Die vielen Mitarbeiter, wie Setzer, Drucker usw. auf ihre Löhne warten zu lassen war zu deren Glück selten nötig. Geld zu horten oder gar zu sparen wäre völlig sinnlos gewesen. Die Großkunden im Laufe der Zeiten waren z.B.: Bezirkshauptmannschaft, Kino Jäger, Bezirkskrankenkasse (Vorläufer der Gebietskrankenkasse), „Das Schulblatt“, Elektrizitätswerk St. Veit, Invalidenkino, Arbeitsamt, Trabrennverein, A. Lemisch vom Kölnhof, Kino Eberstein, selbst die politischen Parteien der Zwischenkriegszeit, die NSDAP mit Ortsgruppenleiter Paulitsch, die Hitler-Jugend, und danach The Britisch Military Governement Austria, sowie die Kammer der Gewerblichen Wirtschaft nahmen die Dienste der Druckerei in Anspruch.
Heinrichs Sohn Viktor, 1876 in Graz geboren, übernahm mit 31. 10. 1929 das Gewerbe für den Papierhandel und war nach Ableben des Vaters ab 1930 auch Konzession-Inhaber der Druckerei. Viktors Sohn Günther (1919-1941) ist leider jung gefallen und so musste wohl oder übel Herbert Schlick (1907-1985), ein Krankenkassen-Angestellter, im Jahre 1958 die Firma übernehmen. Von 1959 bis 1976 zeigte sich im Grundbuch die örtliche Raiffeisenkasse als Hauptfinanzier von beachtlichen betrieblichen Investitionen. Die technische Entwicklung und zunehmende Konkurrenz im Druckerei-Wesen in Verbindung mit anderen unglücklichen Umständen führten aber schließlich 1980 zum bitteren Ende. Der altehrwürdige Betrieb musste sogar mit einem Konkursverfahren geschlossen werden, als sich die exekutiven Eintragungen mehrten. Die Erhaltung des Hauses im Familienbesitz war sicherlich nur mit großen Opfern verbunden, denn dieses musste vom Konkurs heraus gekauft werden.
Hier eine Firmen Rechnung Schlick vom 11. April 1902 gerichtet an Herrn Michael Kanatschnig, später Besitzer des Zeneggenhofes. Sie veranschaulicht so recht, die handwerkliche Kunst der Setzer und Drucker. Die Auswahlmöglichkeit der vielen Schriftarten von Fraktur bis Antiqua, die entsprechenden Lettern in allen Größen führte(n) zu Druckplatten und in der Folge zu wohlfeiler Handelsware. Das Formular hat vier Seiten und so konnte man dem Kunden gleichzeitig eine Werbung für weitere Angebote sowie für alle lagernden Handelsartikel des Betriebes (geordnet von A bis Z !) mit schicken.
Dr. Johann Spöck, Notar in St. Veit/Glan
September 9, 2013 um 16:42 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Bahneröffnung, Bürgermeister, deutsch national, Fremdenführer, Fremdenverkehr 1911, Fritz Knaus, Geschichte der Stadt, Gewerbeausstellung, Johann Spöck, liberal, Notar, Schulden, Sparkasse, Subvention, Tyrannen, Verschönerungsverein
Dr. Spöck war einer der großen in der langen Reihe von Bürgermeistern der alten Herzogstadt St. Veit. 1904 trat er sein Amt an und 1908 wurde er auf überzeugende Art wiedergewählt. Weil er ein für die damalige Zeit recht modernes Amtsverständnis hatte, geriet er innerhalb seiner politischen Heimat, man kann diese als liberal und deutsch national bezeichnen, immer öfter in Querelen. Letztlich war er vielleicht doch zu wenig antiklerikal und zu arbeiterfreundlich. Er konnte mit beschränkten Mitteln große Erfolge erzielen, verzichtete dann aber 1912 auf eine Wiederwahl.
Für seine Schwierigkeiten mit den eigenen Leuten ist ein Brief so richtig bezeichnend, der in einem handschriftlich aufgesetztes Konzept vom 9.8.1911 erhalten geblieben ist. Gerichtet war dieser Brief an keinen geringeren als an den hoch angesehenen Fabrikanten und Kaufmann Fritz Knaus:
Lieber Knaus
Du hast am 9. d M mit einer Eingabe die Ämter eines Ausschusses und eines Direktors zurückgelegt; ich kann dieselbe natürlich erst bei den nächsten Sitzungen vorbringen. Aber ich muss Dir doch sogleich etwas erwidern.
Du hast mich gestern einen Tyrannen geheißen, ich bin darüber gar nicht erzürnt, denn Du hast offenbar eine falsche Auffassung bezüglich dieser Bezeichnung. Tyrann ist ein unbeschränkter, gewalttätiger Herrscher, der sich eigenmächtig an die Spitze empor geschwungen hat. Es ist aber doch bekannt, dass ich frei gewählt wurde und dass ich ferner nichts selbständig tue, sondern die geringsten Angelegenheiten vor den Ausschuss bringe.
Dass ich mehr Einfluss habe als irgend ein anderes Mitglied ist doch ganz natürlich und ich würde mich auch schön bedanken, wenn meine Anträge unbeachtet bleiben würden, man hat doch keinen Waschlappen oder dummen Menschen an die Spitze gestellt und bisher sind auch keine Dummheiten unter meiner Führung vorgekommen.
Ich anerkenne Deinen Verdruss vollkommen, Du hast Dinge durchgeführt, die Dir niemand nachmachen wird, aber Du hast einen Fehler, wenn nämlich nicht alles ganz genau nach Deinem Kopf geht, dann ist es aus. Nicht einmal eine Besprechung, eine Debatte über Deine Anträge ist Dir angenehm. So oder so!
Jetzt hast Du Dich in die Idee eines Fremdenführers verrannt und wir haben 1896 und 1904 solche mit Kosten herausgegeben. Die Geschichte der Stadt ist belanglos und kann auch in neuer Bearbeitung nichts Interessantes bieten und ein Führer, der 1.600 Kronen kostet, für die Stadt und Umgebung ist etwas naiv. Nicht 50 Exemplare werden verkauft, denn die Reisenden kaufen solch dicke Bücher über die interessantesten Städte der Welt nicht. Du siehst natürlich Deine Vaterstadt mit anderen Augen an, als ein Unparteiischer der viel herum gekommen ist. Sonst würdest Du nicht darauf dringen, den Esel beim Schweif aufzuzäumen. Wir müssen zuerst den Aufenthalt in St. Veit angenehm machen, für Unterkünfte sorgen und die Wirte für die Sache interessieren. Weit werden wir es mit dem Fremdenverkehr allerdings nie bringen, weil uns ein See und Berge fehlen.
Ich bin kein Hasser des Fremdenverkehrs, allerdings auch kein großer Freund, weil er uns alles verteuert und auch die …… sozialen Verhältnisse schlechter werden, und weil er … nie so viel eintragen wird, dass die Verhältnisse auffallend verbessert werden könnten.
Trotz der Nachteile für Beamte und überhaupt für Angestellte sind es gerade diese Kreise, welche den Fremdenverkehr durch Geldleistungen am meisten unterstützen und nicht die Geschäftsleute, die den Profit haben; dies ist die Klage im ganzen Land. Ich bin der Ansicht, dass ein ganz kleiner Führer mit einer kleinen Orientierungskarte, den man bei jeder Gelegenheit verschenkt, vollkommen genügend sein dürfte, denn solche Führer, wie projektiert, passen höchstens für Venedig, Neapel, Paris usw.
Gemeinde, Sparkasse, Verschönerungsverein, alles geht aus einem Sacke und man sagt, dass der letztgenannte Verein Schulden hat. Für die Gemeinde bin i c h verantwortlich und ich werde nicht zulassen, dass bei jeder Sitzung Ausgaben beschlossen werden, für die es keine Deckung gibt. Ich bin keine Puppe und wenn ich nicht wüsste, dass die Gemeinde in große Verlegenheit käme, würde ich den Ehrenposten in die Hände meiner verehrten Wähler zurücklegen, weil einer der hervorragendsten Bürger in seiner Aufgeregtheit, ein solches Urteil über das Oberhaupt abgibt. Im Inneren bist Du allerdings anderer Ansicht.
Sag mir einmal, wie kommt denn der Verschönerungsverein dazu, schon derzeit bezüglich eventueller Feierlichkeiten bei der Bahneröffnung Beschlüsse zu fassen? Und glaubst Du, dass diese hohen Beamten etc. das Buch lesen werden? 300 Exemplare musste ich an die Schulen verschenken, weil sie sonst im Archiv verfault wären und man will 3.000 machen! Man will Fremde herbeiziehen und kann dann nicht einmal ein Quartier bieten. Mich wundert Dein Vorgehen um so mehr, als Du ja in der Welt herumgekommen bist und gesehen hast, was man Fremden bietet.
Zur Sitzung kann ich natürlich nicht kommen, denn da gäbe es wieder einen Zusammenstoß und bekehrt werden wir beide nicht. (Unleserlicher Einschub) Ich kann Dir nur sagen, dass ich große Subventionen nie zulassen werde. Ich fürchte, dass wir bei der Handwerks-Ausstellung noch sehr stark in Mitleidenschaft gezogen werden, denn auch diese ist zu großartig angelegt worden. Ich trage nichts nach und ich hoffe, dass Du mir auch in dieser Beziehung gleichst nicht nur in Bezug auf Heißblütigkeit.
Mit deutschem Gruß Dr. Spöck
So weit der vielsagende Brief eines ehrlichen Mannes, der sich zu aller Zeit – welch seltenes Beispiel bis auf den heutigen Tag – mehr seinem Amt als seiner Partei verpflichtet fühlte. Wer daran nur den geringsten Zweifel hegt, dem sei der „Bericht über die Zeit des Gemeindeausschusses der Stadt St. Veit in Kärnten für die Zeit von 1890 bis Ende 1912“ erstattet von Dr. Johann Spöck, k.k. Notar – (vom Scheitel bis zur Sohle) – im Druck erschienen bei Heinrich Schlick zur Lektüre wärmstens empfohlen.
St. Veiter Wiesenmarkt 1900-1950
August 29, 2012 um 18:35 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: "Jahrmarkt-Kegelbahn" 1818, "Musikverein Bundeskapelle", Anton Sallinger, Arbeitslosigkeit, Auer von Welsbach, Austro-Faschismus, Besatzungszeit, Bettina Steiner-Köferle, Diktatur, Dr. Hubert Huber, Eisenbahner Musikkapelle, Epidemie, Erlgasse, Fürsorge, Festzug, Franz Franziski, Fridolin Rainer, Fritz Knaus, Gösser Bierniederlage, Gemeinde-Archiv, Gemeindewache, Gerhard Mock, Glockenkomitee, Hubert Zankl, Jagdschutzverein, Johann Plöb, Josef Mauko, Josef Pucher, Karl Dinklage, Kegelbahn, Kinderfreunde, Kirchenglocken, Klagenfurter Messe, Kriegsopfer, Landsmannschaft, Leo Knaus, Leopold Polanz, Leseheft, Luftgefahr, Marktberufung, Marktfreyung, Marktrichter, Martin Wutte, Maul- u. Klauenseuche, Max Weberitsch, Micheli-Markt, Monarchie, Norbert Rainer, Notlage, Pfarrhof, Polizei, Prim-Geiger, Pukelsheim, Radfahrer, RAVAG, Roma, Rudolf Niederl, Ruhr, Sinti, Stagnation, Tichatschek, Verschönerungsverein, Viehmarkt, Wiesenmarkt, Wirte, Witwen und Waisen, Zigeunerkapelle
Ein Glück und ein Segen für jede Gemeinde, für jede Stadt, wenn ihr erster Bürger neben Eifer für Gegenwart und Zukunft auch noch tätiges Verständnis der Geschichte gegenüber an den Tag legt. So hat Bürgermeister Gerhard Mock veranlaßt, daß der reiche historische Schatz des Gemeinde-Archives digital verfügbar gemacht worden ist. Frau Mag. Bettina Steiner-Köferle hat sich in bewundernswerter Akribie dieser monatelangen, wertvollen Aufgabe unterzogen. So ist es erstmals möglich, themenspezifisch relevante Sachverhalte aus einem großen Datenbestand mit wenig Mühe auszufiltern und diese, wie beispielsweise hier den Wiesenmarkt betreffend, darzubieten.
Vieles ist über den historischen St.Veiter Micheli-Markt bisher schon von berufenen und weniger berufenen Leuten geschrieben, manches davon auch gedruckt worden, Stichhaltiges und Legendäres. Als Standardwerk gilt wohl die von Bürgermeister Hubert Zankl zum 600 Jahr Jubiläum in Auftrag gegebene, von Dr. Karl Dinklage verfaßte und 1962 gedruckte „Geschichte des St. Veiter Wiesenmarktes“. Auch einmal einen nicht so fernen Zeitraum, an den sich der eine oder andere vielleicht noch selbst oder vom Hörensagen erinnern wird, auf Grundlage handfester Daten im Zeitraffer vorüber ziehen zu lassen, ist nicht ohne Reiz, zumal die hier benutzten Quellen dem obgenannten Buchautor sicher nicht zur Verfügung standen.
Was dabei als erstes ins Auge springt, ist der Umstand, daß die jährliche Zählung der Märkte, wie diese immer wieder in den Zeitungsberichten vorkommt, streng genommen unkorrekt ist. Inzwischen ist diese Übung im offiziellen Ankündigungsplakat ganz zu Recht einer Nennung der Zeitspanne gewichen. Allein in der kurzen Betrachtungszeit von fünfzig Jahren wurde mit der Abhaltung des Ereignisses mehrmals ausgesetzt. Sei es 1910, wo sich die Maul- und Klauenseuche derart ausbreitete, daß ein Marktverbot ausgesprochen werden mußte – und man vielleicht deshalb auch noch bis ins 12er Jahr etwa von Ausschankbewilligungen nichts vernimmt – sei es die Ruhrepidemie des Jahres 1917, die es geboten erscheinen ließ, keinen Wiesenmarkt anzusetzen; oder man werfe den Blick auf einige Kriegsjahre sowohl 1914-1918 als auch 1939-1945. Zunächst sollte 1944 noch J. Hopfgartner die Marktaufsicht übernehmen, doch kam dann am 12.9. das endgültige Verbot. Der Reichsstatthalter für Kärnten begründete diese Verfügung mit dem Schutz der Bevölkerung vor der bestehenden Luftgefahr. Die älteren Leser werden sich erinnern, wie damals die englischen Jagdflugzeuge, ob Spitfire oder Lightnings, bereits unangefochten den Kärntner Himmel beherrschten. Auch gab es in jener Zeit schon lange keinen rechten Anlaß mehr für jegliche Volksbelustigung. Die einen waren an der Front, die anderen sorgten sich um sie. Bestenfalls kam es noch zu Absatzveranstaltung für Pferde und Rinder. Im Herbst des Jahres 1945 war der Krieg gottlob vorüber und der Wiesenmarkt konnte ohne weitere Unterbrechung langsam wieder in Schwung kommen!
Die Ausschankbewilligungen spielten immer eine besondere Rolle. Sie versprachen gutes Geschäft und waren dementsprechend begehrt. 1905 ersuchten die Schankwirte gar darum, vorzeitig, also v o r der offiziellen Eröffnung, mit dem Ausschank beginnen zu dürfen. Dagegen werden aber wohl die ortsfest gebliebenen Wirte Einspruch erhoben haben.
1913 wurde ein gewisser Johann Plöb genannt. Er gehörte der Gemeindewache an – damals eine Art gemeindeeigene Polizei – und er hatte als ernannter Marktrichter auf Einhaltung der Marktordnung zu schauen. Ebenso oblag ihm das Einnehmen der Standgelder.
1920 mußte der Wiesenmarkt mit Rücksicht auf die Kärntner Volksabstimmung verschoben werden und als man 1922 daran dachte, die im Kriege abgenommen Kirchenglocken nachzuschaffen, kam es zu einem recht krausen Gedanken. Der Festausschuß des Glockenkomitees unter Obmann Tichatschek trat allen Ernstes an die Stadtgemeinde heran, den ganzen Wiesenmarkt dem Komitee zu verpachten. So wären, nach Meinung der Bittsteller, die Standgelder einem guten Zweck zugeführt. Aus „prinzipiellen Gründen“ ist man diesem Ansinnen nicht nahegetreten.
1924 hört man von einem Gemeinderatsbeschluß, wonach anläßlich des Wiesenmarktes die Bäcker der Stadt an zwei Sonntagen schon um zwei Uhr früh beginnen dürfen, ein deutlicher Hinweis darauf, daß man ansonsten den großen Bedarf nicht hätte decken können.
1926 kam es erstmals expressis verbis zur Vergabe von „Lizenzen für die Ausübung des Gast- und Schankgewerbes“ auf Marktdauer und zwar genau vom 19. September bis zum
18. Oktober, eine recht lange Zeitspanne. Verbunden damit war eine Neufestsetzung der Standgelder und der Belustigungssteuer.
1928 wurde über Ansuchen des Landesverbandes der Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen, demselben das Aufstellen einer Rasenkegelbahn zur Zeit des Wiesenfestes gestattet. Diese Einrichtung hat sich nicht nur bis vor wenigen Jahren erhalten, nein, sie wurde sogar wesentlich erweitert und ausgebaut. Der Bestandsinhaber hieß von 1938 an „NS-Kriegsopferversorgung“ und ab 1945 „Kärntner Kriegsopferverband“. Keine Frage, daß auch zuvor schon dem Kugel- und Kegelspiel gefrönt worden ist. Was aber bislang meist das Anhängsel einer Schankbude war, wurde damit zum Monopol der Kriegsopferfürsorge. Allerdings, eine Eintragung im Grundbuch des Pfarrhofes St.Veit (Landesarchiv, Stadt St.Veit, Signatur 213, Folio 35) erwähnt 1818 die „Jahrmarkt-Kegelbahn“ und deutet darauf hin, daß schon damals zumindest die Kegelbahnen eine temporäre Einnahme des Pfarrhofes geboten haben.
Der Zustrom von Radfahrern ist 1928 schon so stark, daß Max Weberitsch in der Villacher Vorstadt 7 um das Gewerbe zur Einstellung von Fahrrädern der Marktbesucher auf seinem Grund und Boden ansucht.
Einer Initiative des damaligen Kustos des Stadtmuseums und Obmannes des Verschönerungsvereines, Volksschuldirektor Rudolf Niederl und der Unterstützung durch die Kärntner Landsmannschaft, ist es zu verdanken, daß der längst abgekommen gewesene Brauch von Aufstellung und festlicher Übertragung der Marktfreyung, verbunden mit der sogenannten Marktberufung, das ist die Verlesung der Rechte und Pflichten der Marktteilnehmer, 1932 wiederbelebt wurde. Mit kriegsbedingten Unterbrechungen ist dies seither und bis auf unsere Tage ein fester Bestandteil der Marktkultur. Es spricht viel dafür, daß Dir. Niederl von seinem Berufskollegen Josef Pucher inspiriert worden ist. Pucher war es, der Mitte der zwanziger Jahre über den „Wiesenmarkt in früherer Zeit“ im Periodikum „Für das Kind, Leseheft für Kärntens Schuljugend“ schrieb, selbst aber sein Wissen von keinem geringeren als aus Franz Franziskis „Kulturstudien… in Kärnten“ bezogen hat. Übrigens, die Marktfreyung wurde 1932 vom Bildhauer Pichler in Klagenfurt neu geschaffen und am 17.9. geliefert. 70 Jahre neue Marktfreyung wären demnach zu feiern gewesen…..
Die Zahl der Radfahrer stieg weiter, so daß 1932 auch ein gewisser Anton Sallinger das Einstellen von Fahrzeugen auf dem Kinderfreunde Spielplatz an der Marktstraße bewilligt haben möchte. Das Geschäft auf diesem Platz hat noch in den fünfziger Jahren gut floriert. Eine unabsehbare Menge von Rädern, Rollern und Motorrädern prägte das Bild.
1934 war ein politisch all zu sehr bewegtes Jahr, um an eine größere Veranstaltung denken zu können, obwohl die Fertigstellung der großen Markthalle in dieses Jahr fiel.
Als Hinweis auf einen Festzug von 1935 ist ein Schreiben erhalten geblieben, welches sich an Baron Auer von Welsbach, Obmann des Kärntner Jagdschutzvereines, mit der Bitte richtete, eine entsprechende Abordnung möge am Festzug teilnehmen. All zu gerne hätte in diesem Jahr die Kärntner Brauerei AG Villach die große Markthalle gemietet, doch war leider die ortsansässige Gösser-Bierniederlage etwas schneller.
1936 wollte der „Musikverein Bundeskapelle“ unter Obmann Josef Mauko eine teilweise Rückerstattung der Marktabgaben. Die Begründung lautete, es handle sich um einen jungen, in Aufbau befindlichen Verein mit knappen Geldmitteln. Weil sich dahinter offensichtlich die umgetaufte Eisenbahner-Musikkapelle verbarg, die politischen Verhältnisse sich aber bereits in Richtung Austro-Faschismus verändert hatten, wurde das Ansuchen abgelehnt.
Musik in jeder Form, ob Leierkasten, Orchestrion, ob zu Unterhaltung oder Tanz, Musik spielte am Wiesenmarkt eine große Rolle! Im Festzug von 1932 begegnen wir noch der Musikkapelle der Eisenbahner und der Arbeiter-Musik-Kapelle. Beide mußten später aus rein politischen Gründen vorübergehend in Bundeskapelle bzw. in Stadtkapelle umgetauft werden.
Eine lustige Episode gehört gerade in die Zeit 1936 oder 1937: Herr Pukelsheim engagierte eine Zigeunerkapelle aus ungarisch Burgenland. Die Instrumente wurden gegen gutes Trinkgeld vom Bahnhof abgeholt und zunächst in die Erlgasse geschafft. Es war ausgemacht, daß vorher noch einige Tage im dortigen Gastgarten und erst danach in der Weinbude am Wiesenmarkt aufgegeigt werde. So geschah es dann wohl auch und die Sinti oder Roma mit ihrem Prim-Geiger namens Ference machten großen Eindruck auf das zahlreiche Publikum. Dies galt ganz besonders für eine angesehene Dame der St.Veiter Gesellschaft. Kurzum, der Wiesenmarkt war zu Ende und für Ference das nächste Engagement in Nizza angesetzt. Besagte Dame ward danach volle vierzehn Tage nicht mehr gesehen, ehe sie sich eines schönen Tages wieder bei ihrem großmütigen Ehemann einfand!
Um zwischendurch auch das Archiv des Stadtmuseums bzw. eine erhalten gebliebene Niederschrift von Rudolf Niederl aus 1947 heranzuziehen, sei kurz daraus zitiert:
„In den Jahren 1936 und 1937 flaute jedoch das Interesse an der weiteren Ausgestaltung der festlichen Marktberufung merklich ab, so daß 1937 nur noch zwei Stadträte und der Stadtschreiber in der Person des Amtsleiters bei der Übertragung der Freyung auf die Marktwiese, also sang- und klanglos und ohne Festakt, assistierten.
„Einerseits war es die wirtschaftliche Notlage, die ungeheure Zunahme der Arbeitslosigkeit, welche eine Stagnation auf allen Gebieten erkennen ließ, anderseits schlugen die Wellen der einsetzenden politischen Bewegung immer höher und bewirkten ein Abseitsstehen jener Kreise, die sich einst in den Dienst der Wiederbelebung einer feierlichen Markteröffnung gestellt hatten.
Dir.Niederl kommt abschließend zu seinem Vermächtnis:
„Nach mehrjähriger Unterbrechung konnte das Getriebe des Wiesenmarktes erst allmählich wieder in Schwung gebracht werden. Abgesehen von seiner ehemaligen Bedeutung hat der Wiesenmarkt viel von seiner Anziehungskraft verloren (1947! Anm.d.Verf.), als Klagenfurt durch die Veranstaltung eines Herbstfestes, das inzwischen auf August verlegt und mit einer Gewerbe- und Industrieausstellung (spätere Klagenfurter Messe ) verbunden wurde und damit dem traditionellen Wiesenmarkt den Rang abgelaufen hat.
„Ich widme diese Niederschrift mit den gesammelten Zeitungsabschnitten (darunter merkwürdigerweise auch solche von 1950 und daher später beigegeben – Anm. d. Verf.) sowie mit dem Bildmaterial, das ausschließlich von Amateuren stammt, dem Museum der Stadt St.Veit, das diese Erinnerungen als Zeichen der Bereitschaft, für die Belange der Stadt in uneigennütziger Art zu wirken, bewahren möge.
Dir. Niederls Sorgen von 1947 haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. 1950 titeln die Tageszeitungen bereits in großen Lettern und vorausschauend „600 Jahre St.Veiter Wiesenmarkt“ – „St.Veiter Wiesenmarkt im alten Glanz“ – „Tausende beim St.Veiter Wiesenmarkt“ – „Massenauftrieb beim Viehmarkt“ – „St.Veit im Festeszauber“ usw.
Viele, oft sehr gegensätzliche Kräfte vermochte der Wiesenmarkt im Festausschuß von 1932 zu vereinen. Die Namen der acht Protagonisten muß man kennen: Bürgermeister Leopold Polanz, Norbert Rainer, Fritz Knaus, Rudolf Niederl, Dr. Hubert Huber, Leo Knaus, Fridolin Rainer und Josef Glatzl. Es kam in jenem Jahr nicht nur zum bis dahin größten Festzug, sondern obendrein zur österreichweiten Ausstrahlung einer Wiesenmarkt-Rundfunkreportage, mit wissenschaftlichen Beiträgen von Dr. Martin Wutte in der Programm-Zeitschrift von Radio Wien (RAVAG, gegründet 1.10.1924).
Gar viel hat der altehrwürdige Markt in den beschriebenen fünfzig Jahren zu leiden gehabt, etwa unter der Furie des Krieges oder ganz einfach durch die zeitweilige Unverträglichkeit der Menschen. Man bedenke, die letzten 18 Jahre der Monarchie, turbulente 20 Jahre Zwischenkriegszeit, 7 Jahre Diktatur und 5 Jahre englische Besatzung, das alles hat unser guter alter Wiesenmarkt in dem betrachteten Zeitraum durchlebt! Ganz abgesehen vom markantem Wandel, welchen die Ablöse des Pferdes durch den Traktor oder der Weg vom Fahrrad zur Vollmotorisierung mit sich brachten.
Walter Wohlfahrt in Kärntner Landsmannschaft, Oktober 2004
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