Reformation und Gegenreformation im Glantal

August 15, 2017 um 18:15 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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„500 Jahre Reformation“
Und ein 100 Jahre langer Glaubenskrieg

Kann dieser Doppeltitel ein Grund dafür sein, einmal über die Stadtgrenzen hinaus zu grasen? Wenn man dies tut, dann wohl eher mit Blick auf die interessanten, einstigen Wechselbeziehungen die zwischen der Stadt St. Veit und ihren Nachbar-Pfarren, hier insbesondere mit Maria-Pulst bestanden haben. Diese Zeit wurde von einem geistlichen Herrn, der noch dazu seinen Lebensabend auf Schloss Rosenbichl zubrachte, einem Südtiroler, sein Name ist Dr. Dr. Jakob Obersteiner, ausführlich behandelt, um genau zu sein, in der Jubiläumsausgabe der Carinthia Jg. 1960.
So kann man dort beispielsweise lesen, dass im Mai 1524, der Pfarrer, Kommendator und Kreuzritter von Pulst, Georg Schober, gerade einmal in Kroatien weilte, um dem Türken zu wehren, da verfügte der Gurker Bischof eine Visitation seines Vertreters in Pulst, weil sich dort bereits die neue Lehre, etwa mit Schulhaus, Lesen der Luther Bibel, Laienkelch, oder gar mit Priesterehe auszubreiten begann? Bürgerliche Handelsleute, Studenten von Adel, Prädikanten und anderes Fahrendes Volk hatten neue Kunde aus Deutschland gebracht. Gegen das Vorgehen besagten Bischofs protestierten die Johanniter zunächst noch heftig beim Papst in Rom. Sie waren anscheinend selbst den berühmten Thesen Luthers nicht ganz abgeneigt. Dem Protest wurde vorerst stattgegeben, bald darauf aber entschieden, dem Orden käme mit seiner Pulster Kirche die behauptete Exemptheit unter gar keinen Umständen zu. In diesem Streit wird behauptet in Pulst sei unpriesterliches Leben eingezogen, was dem Volke ein großes Ärgernis sei, alles nach dem Motto „wehret den Anfängen“. Die ersten, die danach zu den lutherischen Predigern in St. Veit auswichen, waren die Lebmacher Bauern, gefolgt von ihren Standesgenossen aus Kraindorf und Mailsberg. Größtenteils waren sie Untertanen des Frauenklosters von Göss/Steiermark. Am Schlusse erklärte Papst Sixtus V. sogar alle Privilegien des Johanniterordens für aufgehoben. Noch 1568 hat man die Kommunion in Pulst in zweierlei Gestalt, also mit Laien-Kelch, gefordert und bekommen. 1588 heißt es hingegen, in Pulst wären es nur mehr 130 Kommunikanten unter einer Gestalt gewesen, alle übrigen wären nach Liemberg oder Kraig ausgelaufen. Es zeigt sich, dass auch in Pulst mit der Zeit die katholischen Gegenmaßnahmen zumindest teilweise zu greifen begannen.

Heute ist es ein Glück, mit Digitalisierung der Pfarrmatrikeln einmalige Dokumente verfügbar zu haben. Darunter befindet sich ein Seelenstands-Register von 1610, quasi eine Momentaufnahme des Pulster Pfarrvolkes. Man liest von Ortsnamen – im Fettdruck, von Häusern und Bewohnern, Bauern mit Familie und Gesinde, Grundherrschaft eingeschlossen Kursiv und in Klammern gesetzt. Es gibt wertvolle Einblicke in die adelige, ländliche und gewerbliche Gesellschaft jenes Jahres, auch wenn sich dies hier nur teilweise auswerten lässt. Markante Nachrichten und Hinweise werden zwischen Gänßefüßchen voll zitiert.

Der gewissenhafte Verfasser fängt mit eigenem Namen und dem Pfarrhof an, geht über auf die Noblen der Zeit, zu allen Ortschaften, von Hütte zu Hütte. All dies im Auftrage seines Bischofs und im Bemühen, auch noch den letzten Lutheranern nach zu spüren. Auf ersten Blick erkennbar, der Adel ist noch resistent. Besitzgrößen bzw. Familiengrößen erschließen sich meist aus der in Klammer gesetzten, jeweiligen (Seelenzahl) pro Hof/Haus.
Veit Scheiber Commedator und Marta seine Mutter (?) mit insgesamt 20 Bediensteten im
Pfarrhof (20)
Die Edlmann Sitze und Schlösser „die gleich vor und neben der Commenda liegen, sind für einen Reiter zwei Musketenschüsse weit entfernt“ und zwar:
1. Liebenfels das Schloß und Gerichtshaus des Eger Jörgen von Wildenstein ein Luteran.
Dörfling so zum Schloss gehörig. Daselbst wohnen arme Gästleut. (29)
2. Rosenbichl das Schloß darauf wohnt Christoph Khulmer, Witwer, Luteran (21)
3. Balthasar Khulmer auf Hohenstein „der eltest Luteran pessimo ein grausamer bösherziger Feind und Verfolger der katholischen Priester, ein Räuber der geistlichen Güter“
Margarete sein Gemahl eine geborene Mosheimb – Christof Andre Khulmer der jüngste Sohn, Luteran und drei Fräulein
Zuepott Meyerhof zu Hohenstein (22)
4. Minzenpach Edelmannsitz oben beschriebenen Balthasar Khulmer gehörig (17)
5. Pühl-, oder Seidlhof Edelmannsitz dem Balthasar Khulmer gehörig. Darauf Meyer und Gesinde (15)
„Von diesen oben beschriebenen Mayereien und Huben hat der Khulmer ehemaliger Pfarre Pulst Rechte an sich gezogen – dem Gotteshaus zu Schaden“.
6. Dorf Pulst Mert Schober „des Commendherr Amtmann und Untertan“ (10) – Mathes Lerchinger, Leitgeb in Pulst „Balthasar Khulmer auf Hohenstein gehörig“ (16) – Veit Strohschneider „der Commende Unterthan“ (16) – Jörg Plasegger „dem Gottshaus Pulst gehörig“ (7) – Meister Jörg Prewalder ein Schneider und Zitherschläger „dem Gottshaus gehörig (8) – Lamprecht Pühler Mesner „Keusche gehört der Commende (9) – Jörg Gälle in der Schulkeusche, „Commende gehörig“ (9) – Gregor Preiner, Soldat und Feldpfeifer in Tischler Keusche ob Pulst in der Lading „dem Commendherrn gehörig“ (15) – Nicl Khapaniger an der Sperkh ob Pulst, Bierwirt „auf Liebenfels gehörig“ (11) – Meister Matthes Achatz, Schneider zu Pulst an der Lading „Commenda gehörig“ (8) – Thomas Schober zu Zemig „Commenda gehörig“ (18)
Es folgen nun ein paar weiter ab liegende Adressen, die nur pfarrlich hier her gehören:
Rappe in Liemberg „nach (Schloß) Pach gehörig“ (12) – Jörg Köstnig an der Matschnig Hube „der Commenda gehörig“ – Ruepp am Stein „ein Keuschen B. Khulmers Zuelehen ob Pflausach (8) – Georg Radnauer (Reidenauer?) „auf Kraig gehörig“ (13) – Margret Khobaltin Wittib „Commenda gehörig“ (8) – Eschling (Eslegger?) „Khulmer auf Rosenbichl gehörig“ (11) – Strassnig „Kaplanei auf Kraig gehörig“ (18) – Puechberg „Gotteshaus Pulst gehörig“ (12) – Puepetschach (Puppitsch?) Andre Salach „der Commenda gehörig“ (17) – Christan Marggi zu Peyssendorf Bierwirt mit Tafern „Zulehen der Commenda ansonst Gösserisch und ein Zulehen der Pfarre von St.Veit (23) – Clement Gälling (9) – Blasy Felfernig, Mayr zu Mailsberg „Hohenstein und Commenda gehörig“ (8) – Daniel Wrießnig „Bürgerspital St.Veit gehörig“ (11) – Lucia Alberin Wittib „Göss und Herrn Pfarrer von St.Veit gehörig“ (28) –
Rädlsdorf Lucas Trattnig „zur Kaplanei auf Karlsberg“ (11) – Jacob Guttenig zu Radelsdorf „der Commenda gehörig“ (11)
7. Dorf Feistritz Mert Krapfelder auf Khobolthube, zur Zeit Zechprobst „Commenda gehörig“ (13) – Sebastian Magges an Starkhube „auf Hohenstein gehörig“ (10) – Maister Mathes Mautz, Hufschmied „auf Hohenstein gehörig der alte Schmied Lutheran, sein Weib katholisch“ (13) – Christian Kropf daselbst, „Frauenstein gehörig incl. Gesellen (13) –
Meister Jörg Rab, Weber an der Feistritz „Gotthaus Pulst gehörig, zwei Weberknechte“ (9) – Meister Stacheß Öttl, Schneider „mit Familie und zwei Schneiderknechten“ (10) – Im Frauensteiner Meyerhof an der Feistritz „sind Gästleut (=Einwohner) und Tagwerker“ (7) –
Peter Begel oder Wolfauer „Welzerischer Wasserleiter an der Feistritz“ (5) – Bartl Schintler, Khulmer zu Zemtroßdorf Wasserleiter „mit Frau und drei Kinder, diese waren lutherisch, weswegen ich einen fürstlichen Befehl geworben, sie sollen sich binnen 6 Wochen mit Beicht und Kommunion einfinden, widrigens sie des Landes verwiesen….. haben sich am Hl. Pfingsttag eingestellt“ (5) – Mathes Glawitschnig, Gastgeb an der Feistritz „Zechprobst des Gotteshauses hier, auf Carlsberg gehörig“ (15) – Meister Blasi Raditschnig, Zimmerer, Gastgeb und Weinwirt, den man sonst Stattmeister nennt „auf Hohenstein gehörig, ein Müllner und Dienstboten“ (11) – Meister Andre Winkler, Müller an der Döber zu Feistritz
„der Frau Äbtissin zu St. Georgen gehörig“ (8) – Mayster Walthasar Selacher, Hackenschmied an der Döber zu Feistritz „der Frau Äbtissin zu St. Georgen gehörig mit Familie, Schmiedknecht und Schmiedjungen“ (8) – Meister Rueprecht Gradischnig, Sagmeister an der Döber zu Feistritz „dem Gottshaus Pulst gehörig, mit Weib, Kindern und einem Sagknecht zusammen“ (10)
„Hierauf folgen die Hammerleut an der Döber, so Frau Judith Parhtein geborene Schrittin Pflegerin zu Althofen die Hämmer von dem Gottshaus zu Pulst zu freier Stift inne hat darin sein Nagelschmiedn, Strecker, Zainer, Zerrinner und Drahtzieher in verloren Haufen und schlimm Gesindel die heut da sein morgen bald anderswo. Habs aber gleichwohl beschreiben wollen. Deren Bestandinhaber ist Paull Talletto ein Wellischer, Hans Pusggiasis sein Hammerschreiber, Maria sein Weib, Adam Zurle Zäner Paschka sein Weib haben zwei kleine Kinder Thomas sein Knecht. Gregor Wuschti Nagelschmied Lucia sein Weib Blasele sein Kind is järig Christina die Lockerin“
Auf etlichen 2 Seiten nur „Hammerleut mit Weib und Kindern“ Seelen in Summe (67) im einzelnen Sensen- , Pfannen- Huf- und Wagenschmiede, Zeug- und Hackenschmiede 
Am Wertsch Peter Wertschnig „dem Pfarrer auf St Gandolf gehörig Familie und Dienstleut“ (12) – Masa Hans Neßldorfer an der Masa (Masanig!) „Commend gehörig“ (18) – Moß Peter Pinter zu Moß in der Öden „auf Rosenbichl gehörig“ (5) – In der Strudeniz Keuschen „auf Hohenstein gehörig (5)
8.  L e b m a c h e r  Zuekirchen oder Filiale auf Pulst, „ist Gösserisch“ – Erhard Egger, Gösserischer Unteramtmann zu Lebmach, reichlich Familie, Dienstboten, Inwohner u.a. Tischler und Weber (28) – Adam Leitgeb zu Lebmach „Wirt und Zechmann zur Gösser Filialkirche daselbst“ (19) – Lucas Mättgo, „Zechner an der Burghuben zu Lebmach gösserisch mit Jacob Spitz Müllner und dessen Weib (24) – Caspar Wunder „an der Sörch Hube daselbst, gösserisch“ (10) – Lazarus Pfluegerer „gösserisch“ (14) – Ule Pierpämer „dem Herrn Domprobst auf Gurk gehörig“ (13) – Hans Mesner „der Kirche daselbst gehörig mit Gästleut“ (10) – Meister Mattheß Sträsgietl „der Kirche daselbst gehörig (8) – Meister Wastl Serz, Schuster „der Kirche daselbst gehörig, hat zwei windische Schusterknecht (8) – Ruep Huebmann „die Keusche gehört dem Adam Leitgeb, ist Junggesell, Jörgl sein Bruder, Urbandl ein Halter ist 12 Jahr einfältig, Mariedl ein kleines Dirnl, Eva hat ein Kind mit dem Ruepen, Name Tomerl“ (6) Vinzenz Burger „bei der Strassn, Gösserisch“ (7) – Mälßberg Urban Rapoldi „gösserisch“ (17) – Maister Blasi, Maurer „gösserisch“ (16) – Khreindorf Peter Finster daselbst Zechprobst gösserisch (16) – Hans Pach „gösserisch“ (16)

L a u s D e o Summa aller Pfarrkinder wie da verzeichnet 1004 Seelen

Reformation und Gegenreformation in St. Veit

Juni 23, 2016 um 14:48 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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In Kürze jährt sich zum 500sten mal ein Ereignis, welches geeignet war, große Erwartungen, aber auch tragische Auseinandersetzungen ins Römische Reich Deutscher Nation zu tragen. Römische Kaiser taten sich dabei um vieles schwerer als so mancher kleine König. Frankreich z.B. wurde vom Papst zugestanden, seine Bischöfe selbst zu ernennen (1516). Schweden löste Klöster, Abteien und Bistümer kurzerhand durch Enteignung auf (1531). Mit den Erlösen daraus schuf man sogar eine neue große Flotte! England hob aus bekannten Gründen eine eigene Staatskirche aus der Taufe (1534). Kathedralen, Landkirchen, Klöster und Abteien in Ruinen sind Anziehungspunkte für Romantiker.

Durch einen kleinen deutschen Mönch, namens Martin Luther mit seinen 95 Thesen (1517) und Streitschriften wider die alte Lehre einerseits, seiner  Bibelübersetzung ins Deutsche anderseits, war es zu länderübergreifenden Bewegungen gekommen. Mit diesem Jahre wird gemeinhin der Beginn der Reformationszeit angesetzt. Aber auch andere Reformatoren, inner- und außerhalb Deutschlands haben gegen Übelstände der Kirche angekämpft, wovon es ja wirklich reichlich gegeben hat. So war es gar nicht schwer, dagegen Stimmung zu machen. Die Motive  waren sehr unterschiedlich. Das tief gläubige Volk am Lande  und in den Städten –  solch Volk  fand sich vereinzelt auch auf Burgen und Schlössern – litt tatsächlich unter den gegebenen Zuständen und sehnte Reformen herbei. Dagegen war so manch rein weltlich gesinnter Patrizier oder Adelsvertreter sehr wohl in der Lage, über die Grenzen zu blicken. Da merkte man bald, was anderenorts im Aufstand gegen Rom alles  zu gewinnen war. Man musste nur einmal für allgemeine Entrüstung sorgen, dann könnte sich vielleicht auch im Reich etwas tun? Und es hat sich einiges getan,  zuerst wohl nur für den Adel, nicht so für ländliche und städtische Menschen!

Was hat der Augsburger Religionsfriede (1555) mit seinem Beschluss „Wessen Regierung – dessen Religion“  österreichischen Landen  gebracht? Eigentlich erst einmal nur Hoffnungen, nicht mehr. Handfester waren die späteren Verfügungen eines Erzherzogs Karl (Graz, 1572) mit freier Religionsausübung für Herren und Rittern bzw. bald schon für Bürger der  landesfürstlichen Städte (Bruck 1578). Solches Nachgeben erfolgte nur zum Schein. Gewissensfreiheit und eine ihr  entspringende Religionsausübung waren in  Städten, also auch in St. Veit, schon fast ein Lebensalter lang selbstbestimmter Alltag. Luthers Lehre fand bald nach 1550 zunehmend Anhänger in St. Veit (Martin Wutte). St. Veit galt als Hochburg des Protestantismus (Wilhelm Wadl). Die wahre Einstellung Karls, des Stadtherrn, spiegelte sich darin, dass er nach 20jähriger  Unterbrechung(!) 1572 in Graz (!) erstmals wieder eine pompöse Fronleichnamsprozession halten ließ und obendrein Jesuiten dorthin holte. Solch eindeutig gegenreformatorische Maßnahmen gab es in St. Veit vorläufig noch nicht! Hier waren Einkünfte aus Pfründen der Pfarre, des Klosters und der kirchlichen Stiftungen schon lange Sache des Stadtmagistrates. Unter Karls Nachfolger, Erzherzog Ferdinand, wurden die Schrauben merklich angezogen! Sehr bald kam es zu Vorladungen, Kerker und Geldstrafen gegen Bürger und Ratsherren. Damit stand die Ausweisung der Prädikanten in Verbindung (1582), sowie die Wiedereinsetzung eines katholischen Stadtpfarrers. Nicht vergessen sei die bewaffnete Strafexpedition eines gewissen Brenner, Bischof von Seckau,  (Herbst 1600) mit Einebnung des Evangelischen Friedhofes. Dieser Gottesacker wurde errichtet, als der wieder  installierte katholische Stadtpfarrer die Friedhofsperre für Evangelische verfügte. Noch konnten Adelige und Vermögende auf ihren Ansitzen in der Umgebung allen Bedrängten Hilfe leisten. Sie boten Gelegenheiten zu geheimen Gottesdiensten, auch Schulunterricht durch dort gerade noch gehaltene evangelische Hauslehrer. Wie lange noch und wie massiv sich dieser innere Widerstand auch öffentlich zu manifestieren wusste, belegen Gerichtsakten und protokollierte Zeugenaussagen von 1620. Es geht dabei um einen Stadtpfarrer. Er hieß Mavon (lateinisch Mavonius). Gegen ihn liefen mutige Ratsherren und selbstbewusste Bürger Sturm,  indem sie  ihn beim Salzburger Erzbischof, wenn auch erfolglos, anschwärzten. Sein privater Lebenswandel, Nachlässigkeiten und Versäumnisse im Kirchendienst und dass er für eine Teilnahme an der (wiedereingeführten!) Fronleichnamsprozession 20 Gulden im voraus haben wollte, waren nur einige der vielen  Anklagepunkte. Auch habe er die Ratsherren von der Kanzel herab Kirchendiebe gescholten. Warum wohl? In seiner Rechtfertigung  war Mavon  bemüht, die Unhaltbarkeit der Klagen und die Parteilichkeit der Ratsherren mit dem Bemerken zu untermauern, es seien in der ganzen Stadt kaum noch zwölf (!) gut katholische Familien zu finden. (Man könnte darin eine  Anspielung auf die Trabanten erblicken) Das heißt doch nichts anderes, als dass zwei Jahre nach Beginn des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges der Widerstand in St. Veit noch lange nicht gebrochen war. Dass man sich dabei, ohne es wahr haben zu wollen, längst  im „letzten Gefecht“ befand, beweist das Folgende:  War man einst strikte gegen jede Fronleichnamsprozession, so bildete plötzlich gerade deren  Ausführung Anlass zu scheinheiliger Beanstandung! Natürlich wurde von Mavon genaue Abrechnung und Rückstellung der entzogenen Einkünfte verlangt und durchgesetzt.

Auswanderungen ins Reich waren  jetzt, Vertreter einiger adeliger Familien ausgenommen, schon gar nicht mehr Thema, es sei denn, man wollte in den Krieg ziehen. Doch wer wollte das wirklich, ohne Not? Man hat sich gefügt, wenn auch nur äußerlich. Dem ständig zunehmenden Druck wollte man lieber ausweichen. Paul Dedic untersuchte in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Matrikeln unzähliger evangelischer Gemeinden in Württemberg, Franken, Hessen und darüber hinaus. Sterbe- und Trauungsbücher nennen kaum einen St. Veiter unter hundert Exulanten. Ebenso wenig scheinen St. Veiter in den diversen Exulantenlisten, Almosen-Rechnungen der Städte auf oder kommen in  sogenannten Leichenreden vor.

Als ein schönes Zeichen des einmal selbstbewussten Aufbruches evangelischer  Bürger und Ratsherren kann man das im Jahre 1564 begonnene Bürgerbuch der Stadt St. Veit ansehen. Es wird im Kärntner Landesarchiv verwahrt.Ausgabe1_2006_Rathaus-Justizia-HelgaRader  Das Rathaus von St. Veit (Teilansicht) mit Justicia und Reichsadler

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