Reformation und Gegenreformation in St. Veit

Juni 23, 2016 um 14:48 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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In Kürze jährt sich zum 500sten mal ein Ereignis, welches geeignet war, große Erwartungen, aber auch tragische Auseinandersetzungen ins Römische Reich Deutscher Nation zu tragen. Römische Kaiser taten sich dabei um vieles schwerer als so mancher kleine König. Frankreich z.B. wurde vom Papst zugestanden, seine Bischöfe selbst zu ernennen (1516). Schweden löste Klöster, Abteien und Bistümer kurzerhand durch Enteignung auf (1531). Mit den Erlösen daraus schuf man sogar eine neue große Flotte! England hob aus bekannten Gründen eine eigene Staatskirche aus der Taufe (1534). Kathedralen, Landkirchen, Klöster und Abteien in Ruinen sind Anziehungspunkte für Romantiker.

Durch einen kleinen deutschen Mönch, namens Martin Luther mit seinen 95 Thesen (1517) und Streitschriften wider die alte Lehre einerseits, seiner  Bibelübersetzung ins Deutsche anderseits, war es zu länderübergreifenden Bewegungen gekommen. Mit diesem Jahre wird gemeinhin der Beginn der Reformationszeit angesetzt. Aber auch andere Reformatoren, inner- und außerhalb Deutschlands haben gegen Übelstände der Kirche angekämpft, wovon es ja wirklich reichlich gegeben hat. So war es gar nicht schwer, dagegen Stimmung zu machen. Die Motive  waren sehr unterschiedlich. Das tief gläubige Volk am Lande  und in den Städten –  solch Volk  fand sich vereinzelt auch auf Burgen und Schlössern – litt tatsächlich unter den gegebenen Zuständen und sehnte Reformen herbei. Dagegen war so manch rein weltlich gesinnter Patrizier oder Adelsvertreter sehr wohl in der Lage, über die Grenzen zu blicken. Da merkte man bald, was anderenorts im Aufstand gegen Rom alles  zu gewinnen war. Man musste nur einmal für allgemeine Entrüstung sorgen, dann könnte sich vielleicht auch im Reich etwas tun? Und es hat sich einiges getan,  zuerst wohl nur für den Adel, nicht so für ländliche und städtische Menschen!

Was hat der Augsburger Religionsfriede (1555) mit seinem Beschluss „Wessen Regierung – dessen Religion“  österreichischen Landen  gebracht? Eigentlich erst einmal nur Hoffnungen, nicht mehr. Handfester waren die späteren Verfügungen eines Erzherzogs Karl (Graz, 1572) mit freier Religionsausübung für Herren und Rittern bzw. bald schon für Bürger der  landesfürstlichen Städte (Bruck 1578). Solches Nachgeben erfolgte nur zum Schein. Gewissensfreiheit und eine ihr  entspringende Religionsausübung waren in  Städten, also auch in St. Veit, schon fast ein Lebensalter lang selbstbestimmter Alltag. Luthers Lehre fand bald nach 1550 zunehmend Anhänger in St. Veit (Martin Wutte). St. Veit galt als Hochburg des Protestantismus (Wilhelm Wadl). Die wahre Einstellung Karls, des Stadtherrn, spiegelte sich darin, dass er nach 20jähriger  Unterbrechung(!) 1572 in Graz (!) erstmals wieder eine pompöse Fronleichnamsprozession halten ließ und obendrein Jesuiten dorthin holte. Solch eindeutig gegenreformatorische Maßnahmen gab es in St. Veit vorläufig noch nicht! Hier waren Einkünfte aus Pfründen der Pfarre, des Klosters und der kirchlichen Stiftungen schon lange Sache des Stadtmagistrates. Unter Karls Nachfolger, Erzherzog Ferdinand, wurden die Schrauben merklich angezogen! Sehr bald kam es zu Vorladungen, Kerker und Geldstrafen gegen Bürger und Ratsherren. Damit stand die Ausweisung der Prädikanten in Verbindung (1582), sowie die Wiedereinsetzung eines katholischen Stadtpfarrers. Nicht vergessen sei die bewaffnete Strafexpedition eines gewissen Brenner, Bischof von Seckau,  (Herbst 1600) mit Einebnung des Evangelischen Friedhofes. Dieser Gottesacker wurde errichtet, als der wieder  installierte katholische Stadtpfarrer die Friedhofsperre für Evangelische verfügte. Noch konnten Adelige und Vermögende auf ihren Ansitzen in der Umgebung allen Bedrängten Hilfe leisten. Sie boten Gelegenheiten zu geheimen Gottesdiensten, auch Schulunterricht durch dort gerade noch gehaltene evangelische Hauslehrer. Wie lange noch und wie massiv sich dieser innere Widerstand auch öffentlich zu manifestieren wusste, belegen Gerichtsakten und protokollierte Zeugenaussagen von 1620. Es geht dabei um einen Stadtpfarrer. Er hieß Mavon (lateinisch Mavonius). Gegen ihn liefen mutige Ratsherren und selbstbewusste Bürger Sturm,  indem sie  ihn beim Salzburger Erzbischof, wenn auch erfolglos, anschwärzten. Sein privater Lebenswandel, Nachlässigkeiten und Versäumnisse im Kirchendienst und dass er für eine Teilnahme an der (wiedereingeführten!) Fronleichnamsprozession 20 Gulden im voraus haben wollte, waren nur einige der vielen  Anklagepunkte. Auch habe er die Ratsherren von der Kanzel herab Kirchendiebe gescholten. Warum wohl? In seiner Rechtfertigung  war Mavon  bemüht, die Unhaltbarkeit der Klagen und die Parteilichkeit der Ratsherren mit dem Bemerken zu untermauern, es seien in der ganzen Stadt kaum noch zwölf (!) gut katholische Familien zu finden. (Man könnte darin eine  Anspielung auf die Trabanten erblicken) Das heißt doch nichts anderes, als dass zwei Jahre nach Beginn des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges der Widerstand in St. Veit noch lange nicht gebrochen war. Dass man sich dabei, ohne es wahr haben zu wollen, längst  im „letzten Gefecht“ befand, beweist das Folgende:  War man einst strikte gegen jede Fronleichnamsprozession, so bildete plötzlich gerade deren  Ausführung Anlass zu scheinheiliger Beanstandung! Natürlich wurde von Mavon genaue Abrechnung und Rückstellung der entzogenen Einkünfte verlangt und durchgesetzt.

Auswanderungen ins Reich waren  jetzt, Vertreter einiger adeliger Familien ausgenommen, schon gar nicht mehr Thema, es sei denn, man wollte in den Krieg ziehen. Doch wer wollte das wirklich, ohne Not? Man hat sich gefügt, wenn auch nur äußerlich. Dem ständig zunehmenden Druck wollte man lieber ausweichen. Paul Dedic untersuchte in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Matrikeln unzähliger evangelischer Gemeinden in Württemberg, Franken, Hessen und darüber hinaus. Sterbe- und Trauungsbücher nennen kaum einen St. Veiter unter hundert Exulanten. Ebenso wenig scheinen St. Veiter in den diversen Exulantenlisten, Almosen-Rechnungen der Städte auf oder kommen in  sogenannten Leichenreden vor.

Als ein schönes Zeichen des einmal selbstbewussten Aufbruches evangelischer  Bürger und Ratsherren kann man das im Jahre 1564 begonnene Bürgerbuch der Stadt St. Veit ansehen. Es wird im Kärntner Landesarchiv verwahrt.Ausgabe1_2006_Rathaus-Justizia-HelgaRader  Das Rathaus von St. Veit (Teilansicht) mit Justicia und Reichsadler

Hauptplatz Nr. 13

August 9, 2011 um 17:39 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Wenn Häuser reden könnten! Ja wenn, dann wüsste auch das Haus Nr. 13 auf unserem Hauptplatz einiges zu berichten. Vielleicht würde es dann damit so oder so ähnlich beginnen:

Ich bin zwar nicht das vornehmste Haus am Platz, auch nicht eines von den großen, doch mein Alter braucht sich vor den anderen nicht zu verstecken. Ich gehöre ganz sicher mit zu den ältesten Platz-Adressen, ursprünglich unter „Innere Stadt 95“, danach „Oberer Platz 96“, kurze Zeit „Adolf Hitler Platz 13“  und letztendlich „Hauptplatz“. Ich habe in der langen Zeit viel mitgemacht, die eine oder andere bauliche Veränderung, zuletzt um 1900 als man mir die Gewölbe über dem Erdgeschoß genommen hat, um moderne Geschäftslokale unterbringen zu können. Seit 1921 beherbergte ich den Tabakhauptverlag, jetzt immer noch als Trafik geführt. Weil aber Frau Anni Schorn an anderer Stelle, im Hause Nr. 17 Verlag und Trafik seit 1899 innehatte, ist ein hundertjähriges Jubiläum zu feiern, glatt vergessen worden.

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Doch muss ich mit meinen ältesten Hausherren, so weit bekannt, beginnen. Sie waren fast durch die Bank angesehene Bürger. So lange man an dieser altehrwürdigen Einrichtung festhielt und das „Bürgerbuch“ geführt wurde, waren dies der Reihe nach (Jahr der Bürgeraufnahme in Klammern) Stefan Herzog, Bäcker (1746) gestorben 1775 und dessen Sohn Johann, Johann Kugi, Portenwirker (1794) gestorben 1828, „Leonhard Liebhard nomine seines Sohnes Josef“ und erst anschließend ab 1831 Anna Kugi, Posamentiererin. Schon 1832 folgten im Besitz Ernst und Anna Feistl (1829). Ernst Feistl, seines Zeichens ein Gürtler war verheiratet, evangelisch und 1797 geboren. Er stammte aus Frankfurt an der Oder. Dieser Erwerb geschah  nur 3 Jahre nach dem letzten großen Stadtbrand. Keine schlechte Chance für einen jungen, tüchtigen Gürtler, wenn man bedenkt, was da alles neu anzuschaffen war. Sohn Hugo firmiert jedoch als „Goldarbeiter“ und seine Witwe Gabriele, wiederverehelichte Mörbinder hält das Haus nur noch kurze Zeit von 1886 bis 1890. Dem Chronisten Josef Weinstabl scheint zu Ohren gekommen zu sein, warum es so bald wieder zum Besitzwechsel kam. Herr Mörbinder betrieb das Goldgeschäft zwar weiter, war aber ein so nobler Herr, dass er lieber in gesellschaftlichen Kreisen als bei seiner Arbeit verweilte, so dass Haus und Geschäft unter den Hammer kamen. 1890 folgte für zwanzig Jahre ein gewisser Johann Susitz. Nach Direktor Rudolf Niederl soll er ein Getreidehändler gewesen sein. Das hier gezeigte Bild lässt noch die  Aufschrift „Josef Susitz“ erkennen, doch nach Getreidehandel sieht das gezeigte Angebot nicht aus! Wenn ich mich nicht irre – auch ein altes Haus leidet hie und da an Gedächtnisschwund – war der Getreidehändler wohl noch Hausherr, hat aber das Geschäft zum Platz hin anderweitig vermietet. Die große Schau von Bauern- und Knechtsgewändern passt am ehesten in die Wiesenmarktzeit und in die Zeit  v o r  den  Fahrrad- Uhren- und Goldwarenhändlern Leitner, die danach mit neuer Aufschrift tätig waren und wovon es ebenfalls noch Fotos gibt.

In rascher Folge lösten Josefine Rappl 1916, der Spengler Josef Zedischnig 1920, Leo Knaus (1924), Otto und Erich Knaus (1937) schließlich Paula Pemberger, geborene Knaus und Friederun Pletersky-Tschebul, geborene Pemberger einander an dieser Stelle ab.

Gar vieles wüsste ich noch zu berichten, doch bitte ich um Nachsicht, denn selbst alte Häuser können ab und zu Ermüdungserscheinungen aufweisen.                                                                 XII/2010

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