Zum Hause Unterer Platz 22

Februar 23, 2018 um 15:04 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das Haus an der Ecke zum Herzog Bernhard Platz beherbergt seit bald vierhundert Jahren eine Apotheke, heute Bären-Apotheke genannt. Die Ursprünge dieses Gewerbes gehen allerdings auf eine Adresse oben am Hauptplatz zurück, zum Schneeberger-, heute Besold-Haus. Das genaue Übersiedlungsjahr geht zwar nicht expressis verbis aus der 1985 erschienen Arbeit von Dr. Wilhelm Wadl hervor, erschließt sich aber möglicherweise aus einem dort auf Seite 10 zu findenden Passus. Dieser besagt, dass von Vinzenz Steidler, „landschaftlicher Apotheker in St. Veit“, 1637 (Druckfehler: 1737!) eine Revision seines Betriebes erbeten wurde. Warum „landschaftliche Apotheke“? Aus welchen Gründen eine Revision? Landschaft nannte sich damals die von Adel, Klerus und Stadtbürgern beschickte Art „Landesregierung“. Aus diesen Kreisen mag sich wohl auch der Großteil der an Arzneien interessierten und genügend finanzkräftigen leidenden Landesbewohner rekrutiert haben. Das Interesse auf Käuferseite ging dahin, gut ausgebildete, saubere und mit geeigneten Mitteln ausgestattete, preisgünstige (taxgerechte) Apotheker zu haben, wohingegen der Pharmazeut sich wirksam und werbend bemerkbar machen wollte. Das schon gar, wenn man damit vielleicht zugleich auf eine neue Adresse, auch auf verbesserte Arbeitsweisen aufmerksam machen wollte. Denn auch Klagenfurt hatte damals und heute noch seine Landschaftsapotheke. Das war eine Konkurrenz für St. Veit und nicht erst die City-Arkaden von heute! Alte Nachlass-Akte beweisen, dass selbst ein Verwalter der Herrschaft Kraig Medikamente noch von Klagenfurt bezogen hat.
Schon Rudolf Niederl vermerkte bei Anlegung seiner Häuserkartei, das Apotheker-Haus sei durch Zusammenbau zweier Häuser entstanden. Die hier gezeigte, von Richard Knaus 1938 geschaffene Kopie einer dilettantischen, undatierten Zeichnung eines namenlosen „Künstlers“ macht anschaulich, dass es in der Tat einmal zwei, inklusive Geschäftseingang sogar drei Hauseingänge gegeben hat. Auch die Nische mit Marienstatue befand sich noch auf Erdgeschoß Höhe und war noch nicht wie heute nach oben versetzt. Auch die mit handgeschlagenen Eisen bewehrten Tür- und Fenster-Flügel – sie tragen z.T. die Apotheker-Heiligen Kosmas und Damian aufgemalt – sind noch in loco zu sehen. Zusammen mit den inzwischen entfernten eisernen Fenstergittern, war das Gebäude vor ungebetenen Gästen recht gut geschützt. Das Schild über dem Eingang erzählt noch nichts von einem Bären, wohl aber von einem Adler! Gibt es nicht auch in Klagenfurt eine Adler-Apotheke? Die „Medizinal-Drogerie“ des Anton Reichel, Oberer Platz 5, nannte sich in der Werbung von 1912 „…zum roten Adler“. Noch einige Bemerkungen zum heutigen Verkaufsraum: die sehr wuchtige und antik anmutende Mittelsäule ist erst von Herrn Ing. Hans Bulfon zur Stützung der zwei vorhanden gewesenen Gewölbe eingebaut worden, was bis dahin eine Zwischenmauer besorgte. Heute hat die Hausnummer 22 zwei Obergeschoße. Seit wann wohl? Die Vedute stammt ganz sicher aus vorfotografischer Zeit, wenn nicht gar aus Tagen v o r dem letzten Stadtbrand von 1829? Nach diesem Unglück geschah es nämlich nicht selten, dass man den Dachstuhl um ein Geschoß gehoben hat, um Platz zu schaffen für einen späteren, finanziell leichter zu schaffenden Ausbau. Tatsächlich wird berichtet, dass erst Mag. Dr. Karl Schnürch den Endausbau des dritten Geschoßes veranlasste. Das wunderschöne Andenken an ehemalige St. Veiter Glockengießer, sei es Franz Kosmatschin oder Mathias Golner, in der Form eines bronzenen Mörsers mit Stößel, datiert 1708 ist in jüngster Zeit bedauernswerterweise von den zunehmend Verwendung findenden stummen Verkäufern völlig verstellt und nicht mehr zu bewundern. Zwischen 1565 und 1967 werden von Willi Wadl insgesamt 22 Apotheken-Inhaber namentlich nachgewiesen. Die meisten der Genannten im Bürgerbuch, nicht wenige davon sogar als Bürgermeister der Stadt zu finden.

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Signatur in der unteren Ecke rechts stammt von Richard Knaus, 1938

Aus dem Gerichtssaal anno 1924

August 15, 2012 um 19:35 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das plötzliche und unerwartete Hinscheiden des allseits bekannten und angesehenen Bezirks-Schulinspektors Böhm sorgte in der Kleinstadt St. Veit für großes Aufsehen und Unruhe. Die Gerichtssaal-Berichte,  ab 13. Juni 1924 in den „Freien Stimmen“ Klagenfurt, sie sind hier nahezu ungekürzt wiedergegeben, werfen ein höchst bezeichnendes Licht auf die Zeitverhältnisse im Lande.  Der Wunsch nach einer radikalen Änderung altgewohnter Zustände  in Familie, Gesellschaft, auch in der Justiz , geht daraus klar hervor.

Vorsitz OLGR Dr. Otto Domenig – Staatsanwalt Dr.Feichtinger – Angeklagte Berta Singhuber geboren am 12.11.1888 in Gutenstein. In der Gendarmerieanzeige ist die Rede von Barium-Karbonat und  davon, dass durch einen Mittelsmann anstatt dem unschädlichen Barium-Antomyon aus der Kriegszeit ein gleichnamiges, aber hochgiftiges Mittel der Nachkriegszeit in der Apotheke besorgt worden sei. Die Packung hat man angeblich in den Stadtgraben geworfen, bei der ersten Nachsuche nicht,  später aber doch noch gefunden.

Das Verhör

Die Angeklagte, eine schwarzhaarige, mittelgroße Erscheinung, mit nicht unsympathischen Gesichtszügen, die infolge der schweren Aufregungen und der langen Untersuchungshaft, einen leidenden Zug aufweisen, ist einfach dunkel gekleidet. Sie gesteht zu, ihrem Vater das Rattengift in das Zuckerwasser gerührt zu haben, jedoch ohne die mindeste Absicht, ihren Vater an seiner Gesundheit zu schädigen. Sie wollte nur ein vorübergehendes Unwohlsein herbeiführen um ihn an der geplanten Wien-Reise zu verhindern, von der sie die Aufdeckung ihres ganzen Schwindelgebäudes mit der Melanie Schröder befürchten musste. Die Angeklagte erzählt dann ihre Lebensgeschichte. Sie ist heute 36 Jahre alt, hat ihre Jugend bei den Eltern in Gutenstein verbracht – wo ihr Vater ursprünglich Lehrer war – dann in Wolfsberg und in St. Veit zugebracht, unter ihrem Vater die Volks- und Bürgerschule dann durch zwei Jahre die Lehrerinnenbildungsanstalt der Ursulinen in Klagenfurt besucht, wo sie aber wegen eines Ohrenleidens austreten musste und hat dann später die Staatliche Lehrerinnenbildungsanstalt im Jahre 1910 absolviert. Im November 1910 erhielt sie ihren ersten Aushilfslehrerinnenposten in Villach, wo sie drei bis vier Monate blieb, dann in Kappel am Krapfeld und in St. Veit, wo sie immer nur aushilfsweise auf etliche Monate wirkte, bis sie bei Kriegsausbruch nach Friesach kam wo sie ihren nachmaligen Gatten, den dortigen Bahnbeamten Singhuber kennenlernte, der vorübergehend als Offizier ins Feld einrückte, aber bald zur Bahndienstleistung rück beurlaubt wurde. Sie habe sich im Frühjahr1915 verlobt und im folgenden Jahr geheiratet, das eheliche Zusammenleben, zuerst in Steyr bei den Eltern des Singhuber dann in Hieflau und zuletzt in Rosenbach, dauerte aber nur 13 Monate worauf die Ehe im beiderseitigen Einvernehmen geschieden wurde und die Angeklagte zu ihrem Vater nach St. Veit zurückkehrte. Sie behauptet, dass an der Ehescheidung viel die Schwester ihres Mannes die Schuld gewesen sei, die sie von allem Anfang an nicht mochte und darum bei ihrem Bruder anschwärzte, so dass sie (die Angeklagte) ihr sogar einmal eine Ohrfeige gab. (Wie aus der später verlesenen Aussage ihres Mannes hervorgeht waren die Ursachen der Ehescheidung, eheliche Untreue, häusliche Schlamperei und Schuldenmachen der Gattin und sollte die Ehe ursprünglich aus dem alleinigen Verschulden der Ehefrau geschieden werden. Nur über Bitten und aus Rücksicht auf die Stellung seines Schwiegervaters ließ er sich zu einer Scheidung im beiderseitigen Einverständnis herbei). Von St. Veit kam die Angeklagte dann zur Mutter nach Gutenstein, die dort mit der jüngeren Tochter einen gemeinschaftlichen Besitz bewirtschaftete um ihn dem Zugriff und der Sequestration durch die Jugoslawen zu entziehen. Dort lernte sie den Werksdirektor  Ing.  B e g u s c h , einen Witwer mit Kindern kennen, der sie nach ihrer Angabe heiraten wollte und bei dem sie als Haushälterin eintrat, worauf das Verhältnis bald intim wurde. Es ging aber nach etwa einem Jahr wieder in die Brüche, angeblich, weil er keinen Verdienst hatte, in Wirklichkeit aber infolge von Zerwürfnissen in Geldangelegenheiten, da sie auf seinen Namen Schulden gemacht und ihm auch Wertgegenstände entwendet hatte. Da sie ihm im Zuge der Zerwürfnisse mit der Anzeige wegen angeblichen Verrat von Fabrikgeheimnissen an die Jugoslawen drohte, erstattete Begusch gegen sie die Erpressungs- und Diebstahlanzeige, sie wurde jedoch freigesprochen, da der Gerichtshof annahm, dass das Verhältnis ein so intimes war, dass füglich kein Unterschied zwischen Mein und Dein gemacht wurde. Berta Singhuber zog dann zu ihrem Halb- und Stiefbruder Augustin – ihre Mutter war in erster Ehe mit Dr. Augustin in Gutenstein vermählt – in der Villa Deschmann in St. Martin bei Klagenfurt, wo sie sich einen Diebstahl zuschulden kommen ließ, dessentwegen sie bedingt verurteilt wurde. Darauf kehrte sie zum Vater zurück, der ihr alles verzieh und sie gut aufnahm (Hier bricht die Angeklagte in Schluchzen aus) Dagegen sei sie von ihrer Schwester schlecht aufgenommen worden und diese habe vor ihr Türen und Kästen abgesperrt. Der Vater habe aber für sie (die Angeklagte) Partei ergriffen und so sei die Schwester zur Mutter in Gutenstein gezogen, während sie beim Vater die Wirtschaft führte. Da aber der Vater sehr „klug“ (d.h. karg) gewesen sei, habe sie vieles auf Kredit einkaufen müssen. Im August 1922 habe sie dann den Bundeswehrhauptmann N. kennengelernt und sei im Dezember mit ihm in intime Beziehungen getreten. Dieser habe sie direkt ausgewurzt, sie habe ihm Lebensmittel, Wäsche, Kleider, Schuhe usw. gekauft und beiläufig fünf Millionen für ihn ausgegeben. Dadurch sei sie in die Hände eines Wucherers geraten, der dann seine Schuldforderung von sieben Millionen an Dr. Huber als dem Vertreter des Vaters richtete, der diesen davon verständigte, worauf der Vater die Schuld zahlte, aber von nun an seine Tochter wie einen Dienstboten hielt. Sie musste in der Küche essen und er sprach mit ihr nur das Nötigste über die häuslichen Angelegenheiten.  In diese Zeit fällt auch der Verkehr mit dem Geschäftshause Kainz in Klagenfurt. Kainz, der ein Schüler Böhms war erhielt eines Tages einen Brief mit einer ausgiebigen Bestellung an Kleidern und Wäsche für seine Tochter anlässlich einer Reise und bald darauf ein zweites Schreiben in welchem Böhm seinen ehemaligen Schüler um ein Darlehen von vier Millionen bat. Diese Briefe hatte Berta Singhuber geschrieben, sie behauptet aber im Einverständnis und Auftrage des Vaters und beharrt dabei auch gegenüber dem Vorhalte des Vorsitzenden, wie unwahrscheinlich es sei, dass Böhm der selbst 20 Millionen in der St. Veiter Sparkasse liegen hatte einen ehemaligen Schüler um 4 Millionen anpumpen werde. Nachdem ihre Situation dem Vater gegenüber immer unhaltbarer wurde, erfand sie das Märchen von der Institutsfreundin Melanie Schröder, deren afrikanischen Reichtum und von dem Negermabob Tabu Sarietta, dessen Namen sie einer Erzählung entnommen haben will und eröffnete den schon erwähnten Briefwechsel. Der Vater nahm alles für bare Münze, selbst das angebliche Bild der Melanie Schröder, das er auf seinem Schreibtisch stehen hatte und das auf den ersten Blick als ein gewöhnliches Lichtdruckerzeugnis zu erkennen war, wie sie im Ansichtskartenhandel vorkommen.

Das Verhör der Berta Singhuber dauerte bis halb zwölf Uhr mittags und gestaltete sich namentlich am Schlusse dramatisch bewegt als ihr die Wiedersprüche und Unwahrscheinlichkeiten ihrer Verantwortung und ihr Verhalten gegenüber dem schwer erkrankten Vater vorgehalten wurden. Dass sie zunächst von dem ihr bekannten Eisenbahner Jäger  S t r y c h n i n  also ein absolut tödliches Gift verlangte will sie damit erklären, dass sie, die geprüfte Lehrerin die Gefährlichkeit und die Wirkungen dieses Giftes nicht gekannt habe. Als ihr Vater in der Nacht nach dem Genusses des Rattengiftes, das sie nach der Etikette als für Menschen und Haustiere ungefährlich ansah, während sie in der Voruntersuchung angegeben hatte, die Etikette nur flüchtig gelesen zu haben, wiederholt erbrach und Stuhlgang gehabt hatte, habe sie sich gedacht, nun sei das Rattengift aus dem Körper entfernt und es müsse daher etwas anderes an seiner Erkrankung und seinem Tod schuld sein. Als ihr vorgehalten wird, dass sie nach dem Tode ihres Vaters sich der vom Arzt angeordneten Überführung und Obduktion der Leiche widersetzen wollte, redete sie sich darauf aus, es sei ihr der Gedanke schrecklich gewesen, dass die Mutter die Leiche nicht mehr im Hause antreffen und dass diese zerstückelt werden sollte. Ihre übergroße Kindesliebe sucht sie durch reichliche Tränenergüsse glaubhaft zu machen. Der Vorsitzende hält ihr in diesem Zusammenhange eine Äußerung vor, die sie in Klagenfurt ihrem Stiefbruder Augustin gegenüber gemacht haben soll. Zwischen den beiden war das Gespräch auf den tödlichen Unglücksfall des Ehepaares Baudisch, das in der Nacht von einem von der nördlichen Rathausecke abstürzenden Gesims-Teil erschlagen worden war. Die Berta Böhm soll damals gesagt haben: „Wenn das meinem Vater passiert wäre, hätte ich eine Regimentsmusik zum Begräbnis bestellt.“ Die Angeklagte erklärt diese Äußerung als eine blanke Erfindung ihres ihr seit jeher feindlich gesinnten Stiefbruders.

Die Zeugen

Um halb zwölf Uhr wird die Verhandlung über Wunsch des Verteidigers, welcher auf die Erschöpfung der Angeklagten durch das 2 ½ stündige Verhör hinweist, auf zehn Minuten unterbrochen und sodann mit der Zeugeneinvernahme fortgesetzt.  Als erster Zeuge gibt der pensionierte Schuldirektor   K r e b i t z , der intimste Freund des verstorbenen Schulinspektors, an, dass Böhm mit ihm wiederholt über seine Tochter gesprochen, sich dabei aber sehr widerspruchsvoll geäußert habe. Während er sich einerseits beklagte, dass sie ihn belüge, Schulden mache und Dinge aufführe, die ans Unglaubliche grenzen, namentlich in Geldsachen, habe er anderseits seiner Tochter in der Angelegenheit der Wiener Bekanntschaft vollen Glauben geschenkt und alle von Zeugen gegen die unglaubwürdigen und romanhaften Schilderungen vorgebrachten Bedenken zurückgewiesen. Den letzten Brief der angeblichen Melanie Schröder mit der dringenden Aufforderung nach Wien zu kommen, habe Böhm ungefähr acht Tage vor der geplanten Reise bekommen und mit ihm darüber gesprochen. Der Zeuge hat den Brief selbst nicht gesehen, behauptet aber bestimmt dass Böhm ihn in seiner Brusttasche getragen habe. Dieser Brief wurde unter den von Böhm gesammelten und aufbewahrten Briefen der Melanie Schröder nicht gefunden und die Angeklagte beharrt dabei, so spät einen Einladungsbrief, der ja ganz ihren Plänen zuwiderlief, nicht geschrieben zu haben. Über die Angeklagte äußerte sich Direktor K r e b i t z dass deren Ruf in St. Veit der denkbar schlechteste gewesen sei, einerseits wegen ihrer unsauberen Geldmachenschaften, anderseits wegen ihres stadtbekannten Liebesverhältnisses mit dem verheirateten Bundeswehrhauptmannes St. Der Zeuge kennt die Angeklagte seit 16 Jahren. Den Eindruck, dass sie geistig nicht normal sei hat er von ihr nicht bekommen. Vom Verteidiger auf den Widerspruch in seiner Aussage bezüglich des Verhältnisses zwischen Vater und Tochter aufmerksam gemacht, erklärt der Zeuge, dass dieser Widerspruch tatsächlich vorhanden war. Böhm, ein Kanzleimensch, der von 7 Uhr früh bis spät abends in seiner Kanzlei arbeitete, war über seine Tochter, so oft sie einen ihrer üblen Streiche ausführte, den der Vater dann bezahlen musste, aufgebracht, hat sie aber anderseits unendlich geliebt und kein übles Wort über sie kommen lassen. Der Zeuge habe sich gehütet, ihn auf ihr Treiben aufmerksam zu machen, denn sie übte auf ihn einen geradezu suggestiven Einfluss aus. Geradezu  v e r n i c h t e n d  ist die zur Verlesung gebrachte          A u s s a g e  der 74jährigen Mutter der Angeklagten, die in der Voruntersuchung erklärt hatte aussagen zu wollen, jedoch gebeten hatte, zur Hauptverhandlung nicht geladen zu werden, da sie ihrer Tochter nicht mehr begegnen wolle. Sie bezeichnet in ihrer Aussage die Tochter als eine   a u s g e s p r o c h e n e    H o c h s t a p l e r i n ,    L ü g n e r i n   und   S c h u l d e n m a c h e r i n ,  die ihr (der Mutter) einmal als sie sie züchtigte, eine Ohrfeige geben wollte, ein andermal mit dem Messer auf sie losgehen wollte. Sie hält ihre Tochter zu   a l l e m   f ä h i g  und verlangt eine strenge Bestrafung derselben. Dem gegenüber geht die ebenfalls verlesene Aussage der Schwester Paula Böhm dahin, dass sie ihrer Schwester eine solche Tat nie zugetraut hätte und auch heute noch überzeugt sei, diese sei am Tode des Vaters unschuldig. Dass ihr sittlicher Lebenswandel nicht einwandfrei sei, gebe sie zu, entschuldigt sie aber damit, dass sie geistig nicht vollkommen normal sei.

Der Halbbruder Hubert  A u g u s t i n  bekundet – ebenfalls protokollarisch – die Äußerung der Berta Singhuber beim Unglücksfall Baudisch und bestätigt die Angaben der Mutter, dass die Angeklagte auf diese einmal mit dem Messer losgegangen sei.  Ebenso belastend ist die Aussage des geschiedenen Gatten  Singhuber, welcher erklärt, dass er seinerzeit das Opfer eines raffinierten Betruges der Berta Böhm geworden sei, die in einem Kreise fragwürdiger Existenzen verkehrte, selbst den Drang zum Großtun hatte und auch vor einem Betruge nicht zurück schreckte. So habe sie sich u.a. auch für  eine Nichte des bekannten Armeeführers Böhm-Ermolli ausgegeben.  Nach Verlesung einer Reihe weiterer Zeugenaussagen folgt das Verhör des Bezirks-Gendarmerie-Inspektors  K a i s e r , der die Verhaftung der Angeklagten durchgeführt und die Vorerhebungen gepflogen hat und schließlich des Arztes Dr. Kraßnig, der den Inspektor Böhm in seiner Todeskrankheit behandelte. Er sagt über seine Wahrnehmungen der fortschreitenden Krankheitsymtome, die auf eine Arsenvergiftung hindeuteten – Bariumvergiftungen weisen dasselbe klinische Bild auf – aus und erklärt auf eine Frage, dass zu der Zeit als er zum Kranken gerufen wurde – 29 Stunden nach der Vergiftung – eine Rettung desselben ausgeschlossen gewesen sei, der Verstorbene aber, wenn er etwa 14 Stunden früher gerufen worden und ihm die Ursache der Erkrankung bzw. die Art des Giftes mitgeteilt worden wäre, vielleicht noch hätte gerettet werden können. Mit Rücksicht auf diese Aussagen beantragte der Verteidiger die Einvernahme von Gerichtssachverständigen. Dieser Antrag wird abgelehnt.

Um 2 Uhr wurde die Verhandlung abgebrochen und um 4 Uhr wieder aufgenommen. Der Andrang des Publikums war noch ärger als vormittags und das Gedränge geradezu besorgniserregend und mit Rücksicht auf die Tragfähigkeit des Schwurgerichtssaales lebensgefährlich. Die weiteren Zeugenaussagen brachten nur noch einzelne charakteristische Einzelheiten. Die Hausparteien Frau Sandner und Frau Gigler, die von der Angeklagten in der kritischen Nacht zu Hilfe gerufen wurden und bis zum Ableben Böhms am Sterbebett weilten, bekunden dass Böhm sich seine Tochter nicht nahe kommen ließ als sie ihm im Bette stützen wollte, sondern diesen Dienst von den beiden Frauen leisten ließ, andernfalls aber vor den beiden Frauen sein Testament dahin machte, dass das vorhandene Bargeld und Sparkassengeld der Tochter Berta Singhuber gehören und der Mutter nur der Pflichtteil gehören sollte.                                                                                    Um ¼ 7 Uhr wurde das Beweisverfahren geschlossen und den Geschworenen eine Hauptfrage, auf das Verbrechen des Totschlages, vorgelegt. Der Verteidiger fordert eine Zusatzfrage im Sinne § 2, Z 11 St.G., wonach eine Tat nicht zugerechnet werden kann, wenn das Übel aus einem Zufall erfolgt, weiters eine Eventualfrage im Sinne § 325 (fahrlässige Tötung). Beide Anträge wurden abgelehnt.

Ende des Verfahrens um 10 Uhr abends – Urteil lautete „angesichts der außerordentlichen Milderungsgründe“ !! auf 2 1/2 Jahre schweren Kerker unter Einrechnung der Untersuchungshaft. Im Zuschauerraum gab es Bewegung über das zu milde Urteil….

Ein redaktioneller Nachtrag in der Ausgabe vom 18.6.1924 lautet:  Anwalt war Dr. Georg Sedlmayr-Seefeld,  der sich seiner Klientin mit Wärme und Nachdruck angenommen hat ! ! ! ! ! ! ! !

Solche Urteile, wenige Jahre nach dem Ende einer alten, festgefügten Ordnung schienen wie ein Schlag ins Gesicht, all jener, die an überkommenen Werten hingen. Justiz, vorallem aber die freie, ungebundene Presse nahmen sich Dinge heraus, die vielen Angst machen konnten. Die Sympathien für die Angeklagte auf Seite der maßgeblichen Kräfte waren ihrem freien Lebensstil zum Trotz, unverkennbar groß. War es nicht auch gerade das, was die Menschen einer Kleinstadt  neuen Propheten nachlaufen liess, in der Hoffnung, diese würden wieder für Ordnung und Anstand sorgen? Der schlechte Ausgang und dass alle Hoffnungen bitter enttäuscht wurden, ist bekannt.

Kurioses zum Schluss

Interessante Details, welche von Klagenfurt über Graz wieder zurück nach St. Veit, einmal sogar bis Prag  spielen, seien noch kurz erwähnt. In Kärnten wusste man mit den Magen-Proben des Opfers nichts recht anzufangen. Ein Experte in Graz musste zu Rate gezogen werden. Es war dies kein geringerer als der spätere Nobelpreisträger für Chemie Fritz Pregl. Bei diesem weilte zufällig zeitgleich ein St. Veiter Student, der auch sogleich zur Bestimmung des Rattengiftes hinzu gezogen wurde. Diesmal handelte es sich um Werner Knaus, Bruder des Gynäkologen und Geburtshelfers Hermann Knaus, Mitbegründer der Knaus-Onygo Methode, die Bestimmung des Eisprunges der Frau betreffend. Was eigentlich ursprünglich als Geburtenförderung gedacht war, machte man danach und mit dem Segen des Vatikans zur natürlichen Geburtenregelung, bis durch die Antibabypille aus Amerika  dann doch wieder alles überholt erschien!

Dr. Hermann Knaus, inzwischen  an der Universität in Prag  schon selbst lehrend, wurde eines schönen Tages von einem Boten mit Zettel in der Hand im Lehrsaal überrascht.  Knaus las die Botschaft, dann richtete er sich mit diesen Worten kurz an seine Studenten, „Meine Herren, ich muss die Vorlesung abbrechen, Fürstin Schwarzenberg ruft um mich.“  Es war der 10.12.1937, der Geburtstag des heutigen tschechischen Außenministers Karl Schwarzenberg.

Walter Wohlfahrt        Feber 2013

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