F. Schneeberger – Buchbinder, Sänger und Hopfenbauer

Juli 1, 2012 um 14:34 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das Haus Hauptplatz 14 mit seiner alten Lederer-Gerechtsame hatte zuvor schon einen Hof- und Gerichtsadvokaten, einen geschickten Arzt und eine kleine Greislerin beherbergt gehabt, als schließlich Ferdinand Schneeberger dort seine Buchbinderei einrichtete.

1814 in Graz geboren, kam der junge Mann,  ob direkt oder auf Umwegen weiß man nicht, nach St.Veit und heiratete hier – wie es uns das Trauungsbuch der Stadtpfarre auf Folio 61 zeigt – am 31.5.1841 Anna Mayer, Tochter des Caspar Mayer, vermutlich wohl ein Kind der Stadt. Als Trauzeugen fungierten nämlich der bürgerliche Glasermeister Georg Grundner nebst dem bürgerlichen Schuhmachermeister Jakob Premitzer. Die Wohnadresse lautete „Stadt 43“. Ob es wirklich das später diese Nummer tragende Carinthia-Haus oder vielleicht doch ein Haus in der Spitalgasse war, wo Mayer eher vorkommen, ist nicht mit Gewißheit zu sagen. Schon drei Jahre später wird Ferdinand Schneeberger Bürgerrecht verliehen, mit Bürgereid, 12 Gulden Bürgertax und allem Drum und Dran.

Trotz des in der Familie reichlich vorhandenen Urkundenbestandes ist auch nicht auszumachen, wo in der Stadt der neue Buchbinder erstmals seinen Leim anrührte. Fest steht aber soviel, daß spätestens mit der Heirat – und von da an zählt auch das 160 Jahr Jubiläum – eine entsprechende Tätigkeit in der Stadt entfaltet wurde. Buchbinder, lateinisch Bibliopegus, selbst solche mit Bürgerrecht hat es wohl schon davor immer wieder einen oder zwei in der Stadt gegeben, doch jetzt sind die Zeiten dafür so günstig wie nie zuvor. Die Verwaltung von Stadt und Land erfordert zunehmend Schriftlichkeit und in immer mehr Amtsstuben, Geschäftskontoren und Fabrikskanzleien werden Folianten, Tagebücher etc.etc. benötigt. Ein Buchbinder aus Graz hat bestimmt sein Gewerbe gut gelernt und man darf annehmen, daß er mit seinen Kenntnissen auf dem neuesten Stande der Technik war. Das Geschäft geht tatsächlich sehr gut. Die ersten Erfolge treten deutlich zutage:

 Schon 1861 und zwar mit Kaufvertrag vom 2.6. erwirbt Schneeberger von Frau Karoline Spiehs, einer ehemaligen Krämerin, um dreitausend Gulden das heutige Stammhaus. Es bestand zunächst auf Seiten der Verkäuferin die Absicht, den offen gebliebenen Kaufpreisrest pfandrechtlich sicherzustellen, als sie aber davon Kenntnis bekommt, daß die Kirchenvorstehung von St.Peter bei Taggenbrunn – das waren damals neben anderen die Geldverleiher – dem Käufer 1200 Gulden vorstrecken wird, verzichtet sie auf Sicherstellung.

 Mit großem Elan möchte der neue Hausherr, die räumliche Situation für seinen Bedarf verändern, dort einen Durchbruch machen, da eine Tür vermauern, doch gemach, gemach! Da gibt es ja noch einen Mieter namens Alois Archer im Hause. Sein Mietvertrag läuft  bis 1865 und er fühlt sich durch die geplanten Maßnahmen in seinen Rechten beeinträchtigt. Er geht zu Gericht. Sachverständige, man nannte sie damals Kunstbefugte, treten auf den Plan. Archer wird Recht gegeben. Mit dem Geschäftsumbau geht vorerst nichts.

 Im Hause des Ernst Feistl, heute befindet sich dort der Tabakhauptverlag oder das, was man einmal so genannt hat, ist glücklicherweise Platz frei geworden. Unser junger Meister mietet sich dort laut Vertrag vom 16.6. mit Wirksamkeit ab 1.10.1861 ein. Für ein Gassengewölb rechts vom Haupteingang, für zwei im zweiten Stock gelegene Zimmer, für die Mitbenützung des Unterdaches, der Vorsäle, Vorlaube und des Kellers werden für die nächsten vier Jahre insgesamt 368 Gulden gezahlt werden.

Vergessen wir getrost einmal den Buchbinder und wenden wir uns Ferdinand Schneeberger, dem Sänger zu. Neben beruflichen Fähigkeiten hat er nämlich von Graz auch noch andere Gaben, so zum Beispiel eine prächtige Tenorstimme nach St.Veit mitgebracht. Also ein Gesangsverein fehlt da noch und man wird Schneeberger recht bald unter den Gründern des MGV 1863 finden. In der 50-Jahr-Festschrift dieses Vereines, also 1913 scheinen nicht weniger als vier Schneeberger in der Liste der einstigen bzw. damals noch ausübenden Mitglieder auf und zwar Ferdinand Schneeberger I  „Hausbesitzer 2.Tenor 1863-1897“, sein Sohn gleichen Namens „Buchbinder (der Vater lebte ja nicht mehr) 2.Baß 1864-1905“ das war der legendäre und Langzeit-Chormeister, ein Ferdinand III  „Kaufmann 2.Tenor 1900“ und schließlich Franz Schneeberger „Kaufmann 2.Baß 1898-1900 und 1903“. Damit erscheint Ferdinand Schneeberger I schon früh in Gesellschaft und Wirtschaft St.Veits voll integriert. Die kulturellen Großtaten von MGV St.Veit, von dessen Mitgliedern und Funktionären sind zwar mittlerweile Geschichte aber unvergessen und wären eine eigene Betrachtung wert. Kritisch müßte dabei allerdings die politische Ausrichtung des Sängerwesens im allgemeinen und die auffälligen Aktivitäten der St.Veiter Sänger im besonderen gesehen werden. Der MGV war die Wiege wachsender alldeutsch-liberaler Geisteshaltung in Stadt und Umland.

Schon im Jahre 1867 gelang Ferd.Schneeberger I ein weiterer Zukauf. Simon Aßl, Besitzer des Hauses 147 samt Garten in der Villacher Vorstadt – heute befinden sich an dieser Stelle die Häuser Sonnwendgasse 5 und 7 und die Gärten der Firma Sattler – verhandelte dieses sein Besitztum „samt Fenster und Balken,  H o p f e n s t a n g e n, Dünger und Mistbetter“ um 1473 Gulden dem Herrn Ferdinand Schneeberger gemäß Kaufvertrag vom 19. Oktober des genannten Jahres. Auch die zur Kaufliegenschaft gehörigen Ansprüche auf sogenanntes Bürger-Terrain wurden miterworben. Darunter hat man die im Weichbild der Stadt gelegenen landwirtschaftlichen Flächen zu verstehen, welche durch die sogenannte Bürger-Gilt, eine Art Selbstverwaltungsinstitution der St.Veiter Hausbesitzer von Zeit zu Zeit neu vergeben werden konnten. Alle Bürger-Terraine wurden übrigens um die Jahrhundertwende fix ins Eigentum der jeweils Berechtigten übertragen und die Bürger-Gilt aufgelöst. Der Vorbesitzer Simon Aßl dürfte offensichtlich in finanzielle Schwierigkeiten geraten sein, denn vom Käufer mußte wenig Bargeld aufgewendet, dafür aber so manche Hypothek übernommen werden.

Dreiundzwanzig Jahre lang erfreute sich der Buchbinder und Sänger nebenher eines erfüllten Lebens als Kleinbauer, Gärtner und Hopfenpflanzer ehe er sich mit Kaufvertrag vom 7.8.1890 von diesem Anwesen in der Villacher Vorstadt wieder trennte. Käufer war ein gewisser Franz Sawitzer, Gartenpächter in Zischenwässern. Im Vertrag heißt es ausdrücklich, daß sich der Verkäufer die Gartenfrüchte sowie den Platz zum Trocknen des Hopfens bis Ende des Jahres vorbehält. Ein schöner Hopfengarten muß dort also 1890 noch bestanden haben. Der Erlös von 2.300 Gulden ist um 800 Gulden höher als die seinerzeitige Kaufsumme. Schneeberger wird an der Liegenschaft also einiges verbessert haben.  Wir begegnen weiteren Flächen, wenn sie im Verlaßverfahren nach dem am 15.2.1897 das Zeitliche segnenden Stammvater als „Wiese und Acker am Glabitsch“ aufscheinen. Diese zwei Grundparzellen wurden von Schneeberger im Jahre 1879 im Zuge einer Zwangsversteigerung erworben und lagen östlich des heutigen Verwaltungsgebäudes der Firma Funder an der unteren Glan. Die slawische Bezeichnung Glabitsch (Tiefental), heute weder gebräuchlich noch bekannt, ist aber durchaus passend und vielsagend. – Die Buchbinderei ist allerdings schon zuvor und zwar im Jahre 1875 dem gleichnamigen Sohne übergeben worden.

 Gesunder Geschäftssinn, gepaart mit einer ausgeprägten musischen und kulturellen Begabung waren kennzeichnend für viele Generationen bis auf den heutigen Tag. Ein Jubiläum, unter solchen Prämissen gefeiert, berechtigt zu großen Hoffnungen für die weitere Zukunft. Glückauf also dem altehrwürdigen Hause der einstigen Buchbinder und heutigen Buchhändler!

Walter Wohlfahrt in „Sankt Veit Kommunal“ 2001

 

 

 

 

 

 

 

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