Zum Hause Unterer Platz 22

Februar 23, 2018 um 15:04 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das Haus an der Ecke zum Herzog Bernhard Platz beherbergt seit bald vierhundert Jahren eine Apotheke, heute Bären-Apotheke genannt. Die Ursprünge dieses Gewerbes gehen allerdings auf eine Adresse oben am Hauptplatz zurück, zum Schneeberger-, heute Besold-Haus. Das genaue Übersiedlungsjahr geht zwar nicht expressis verbis aus der 1985 erschienen Arbeit von Dr. Wilhelm Wadl hervor, erschließt sich aber möglicherweise aus einem dort auf Seite 10 zu findenden Passus. Dieser besagt, dass von Vinzenz Steidler, „landschaftlicher Apotheker in St. Veit“, 1637 (Druckfehler: 1737!) eine Revision seines Betriebes erbeten wurde. Warum „landschaftliche Apotheke“? Aus welchen Gründen eine Revision? Landschaft nannte sich damals die von Adel, Klerus und Stadtbürgern beschickte Art „Landesregierung“. Aus diesen Kreisen mag sich wohl auch der Großteil der an Arzneien interessierten und genügend finanzkräftigen leidenden Landesbewohner rekrutiert haben. Das Interesse auf Käuferseite ging dahin, gut ausgebildete, saubere und mit geeigneten Mitteln ausgestattete, preisgünstige (taxgerechte) Apotheker zu haben, wohingegen der Pharmazeut sich wirksam und werbend bemerkbar machen wollte. Das schon gar, wenn man damit vielleicht zugleich auf eine neue Adresse, auch auf verbesserte Arbeitsweisen aufmerksam machen wollte. Denn auch Klagenfurt hatte damals und heute noch seine Landschaftsapotheke. Das war eine Konkurrenz für St. Veit und nicht erst die City-Arkaden von heute! Alte Nachlass-Akte beweisen, dass selbst ein Verwalter der Herrschaft Kraig Medikamente noch von Klagenfurt bezogen hat.
Schon Rudolf Niederl vermerkte bei Anlegung seiner Häuserkartei, das Apotheker-Haus sei durch Zusammenbau zweier Häuser entstanden. Die hier gezeigte, von Richard Knaus 1938 geschaffene Kopie einer dilettantischen, undatierten Zeichnung eines namenlosen „Künstlers“ macht anschaulich, dass es in der Tat einmal zwei, inklusive Geschäftseingang sogar drei Hauseingänge gegeben hat. Auch die Nische mit Marienstatue befand sich noch auf Erdgeschoß Höhe und war noch nicht wie heute nach oben versetzt. Auch die mit handgeschlagenen Eisen bewehrten Tür- und Fenster-Flügel – sie tragen z.T. die Apotheker-Heiligen Kosmas und Damian aufgemalt – sind noch in loco zu sehen. Zusammen mit den inzwischen entfernten eisernen Fenstergittern, war das Gebäude vor ungebetenen Gästen recht gut geschützt. Das Schild über dem Eingang erzählt noch nichts von einem Bären, wohl aber von einem Adler! Gibt es nicht auch in Klagenfurt eine Adler-Apotheke? Die „Medizinal-Drogerie“ des Anton Reichel, Oberer Platz 5, nannte sich in der Werbung von 1912 „…zum roten Adler“. Noch einige Bemerkungen zum heutigen Verkaufsraum: die sehr wuchtige und antik anmutende Mittelsäule ist erst von Herrn Ing. Hans Bulfon zur Stützung der zwei vorhanden gewesenen Gewölbe eingebaut worden, was bis dahin eine Zwischenmauer besorgte. Heute hat die Hausnummer 22 zwei Obergeschoße. Seit wann wohl? Die Vedute stammt ganz sicher aus vorfotografischer Zeit, wenn nicht gar aus Tagen v o r dem letzten Stadtbrand von 1829? Nach diesem Unglück geschah es nämlich nicht selten, dass man den Dachstuhl um ein Geschoß gehoben hat, um Platz zu schaffen für einen späteren, finanziell leichter zu schaffenden Ausbau. Tatsächlich wird berichtet, dass erst Mag. Dr. Karl Schnürch den Endausbau des dritten Geschoßes veranlasste. Das wunderschöne Andenken an ehemalige St. Veiter Glockengießer, sei es Franz Kosmatschin oder Mathias Golner, in der Form eines bronzenen Mörsers mit Stößel, datiert 1708 ist in jüngster Zeit bedauernswerterweise von den zunehmend Verwendung findenden stummen Verkäufern völlig verstellt und nicht mehr zu bewundern. Zwischen 1565 und 1967 werden von Willi Wadl insgesamt 22 Apotheken-Inhaber namentlich nachgewiesen. Die meisten der Genannten im Bürgerbuch, nicht wenige davon sogar als Bürgermeister der Stadt zu finden.

Jänner_Knapp.jpg

Signatur in der unteren Ecke rechts stammt von Richard Knaus, 1938

Reformation und Gegenreformation im Glantal

August 15, 2017 um 18:15 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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„500 Jahre Reformation“
Und ein 100 Jahre langer Glaubenskrieg

Kann dieser Doppeltitel ein Grund dafür sein, einmal über die Stadtgrenzen hinaus zu grasen? Wenn man dies tut, dann wohl eher mit Blick auf die interessanten, einstigen Wechselbeziehungen die zwischen der Stadt St. Veit und ihren Nachbar-Pfarren, hier insbesondere mit Maria-Pulst bestanden haben. Diese Zeit wurde von einem geistlichen Herrn, der noch dazu seinen Lebensabend auf Schloss Rosenbichl zubrachte, einem Südtiroler, sein Name ist Dr. Dr. Jakob Obersteiner, ausführlich behandelt, um genau zu sein, in der Jubiläumsausgabe der Carinthia Jg. 1960.
So kann man dort beispielsweise lesen, dass im Mai 1524, der Pfarrer, Kommendator und Kreuzritter von Pulst, Georg Schober, gerade einmal in Kroatien weilte, um dem Türken zu wehren, da verfügte der Gurker Bischof eine Visitation seines Vertreters in Pulst, weil sich dort bereits die neue Lehre, etwa mit Schulhaus, Lesen der Luther Bibel, Laienkelch, oder gar mit Priesterehe auszubreiten begann? Bürgerliche Handelsleute, Studenten von Adel, Prädikanten und anderes Fahrendes Volk hatten neue Kunde aus Deutschland gebracht. Gegen das Vorgehen besagten Bischofs protestierten die Johanniter zunächst noch heftig beim Papst in Rom. Sie waren anscheinend selbst den berühmten Thesen Luthers nicht ganz abgeneigt. Dem Protest wurde vorerst stattgegeben, bald darauf aber entschieden, dem Orden käme mit seiner Pulster Kirche die behauptete Exemptheit unter gar keinen Umständen zu. In diesem Streit wird behauptet in Pulst sei unpriesterliches Leben eingezogen, was dem Volke ein großes Ärgernis sei, alles nach dem Motto „wehret den Anfängen“. Die ersten, die danach zu den lutherischen Predigern in St. Veit auswichen, waren die Lebmacher Bauern, gefolgt von ihren Standesgenossen aus Kraindorf und Mailsberg. Größtenteils waren sie Untertanen des Frauenklosters von Göss/Steiermark. Am Schlusse erklärte Papst Sixtus V. sogar alle Privilegien des Johanniterordens für aufgehoben. Noch 1568 hat man die Kommunion in Pulst in zweierlei Gestalt, also mit Laien-Kelch, gefordert und bekommen. 1588 heißt es hingegen, in Pulst wären es nur mehr 130 Kommunikanten unter einer Gestalt gewesen, alle übrigen wären nach Liemberg oder Kraig ausgelaufen. Es zeigt sich, dass auch in Pulst mit der Zeit die katholischen Gegenmaßnahmen zumindest teilweise zu greifen begannen.

Heute ist es ein Glück, mit Digitalisierung der Pfarrmatrikeln einmalige Dokumente verfügbar zu haben. Darunter befindet sich ein Seelenstands-Register von 1610, quasi eine Momentaufnahme des Pulster Pfarrvolkes. Man liest von Ortsnamen – im Fettdruck, von Häusern und Bewohnern, Bauern mit Familie und Gesinde, Grundherrschaft eingeschlossen Kursiv und in Klammern gesetzt. Es gibt wertvolle Einblicke in die adelige, ländliche und gewerbliche Gesellschaft jenes Jahres, auch wenn sich dies hier nur teilweise auswerten lässt. Markante Nachrichten und Hinweise werden zwischen Gänßefüßchen voll zitiert.

Der gewissenhafte Verfasser fängt mit eigenem Namen und dem Pfarrhof an, geht über auf die Noblen der Zeit, zu allen Ortschaften, von Hütte zu Hütte. All dies im Auftrage seines Bischofs und im Bemühen, auch noch den letzten Lutheranern nach zu spüren. Auf ersten Blick erkennbar, der Adel ist noch resistent. Besitzgrößen bzw. Familiengrößen erschließen sich meist aus der in Klammer gesetzten, jeweiligen (Seelenzahl) pro Hof/Haus.
Veit Scheiber Commedator und Marta seine Mutter (?) mit insgesamt 20 Bediensteten im
Pfarrhof (20)
Die Edlmann Sitze und Schlösser „die gleich vor und neben der Commenda liegen, sind für einen Reiter zwei Musketenschüsse weit entfernt“ und zwar:
1. Liebenfels das Schloß und Gerichtshaus des Eger Jörgen von Wildenstein ein Luteran.
Dörfling so zum Schloss gehörig. Daselbst wohnen arme Gästleut. (29)
2. Rosenbichl das Schloß darauf wohnt Christoph Khulmer, Witwer, Luteran (21)
3. Balthasar Khulmer auf Hohenstein „der eltest Luteran pessimo ein grausamer bösherziger Feind und Verfolger der katholischen Priester, ein Räuber der geistlichen Güter“
Margarete sein Gemahl eine geborene Mosheimb – Christof Andre Khulmer der jüngste Sohn, Luteran und drei Fräulein
Zuepott Meyerhof zu Hohenstein (22)
4. Minzenpach Edelmannsitz oben beschriebenen Balthasar Khulmer gehörig (17)
5. Pühl-, oder Seidlhof Edelmannsitz dem Balthasar Khulmer gehörig. Darauf Meyer und Gesinde (15)
„Von diesen oben beschriebenen Mayereien und Huben hat der Khulmer ehemaliger Pfarre Pulst Rechte an sich gezogen – dem Gotteshaus zu Schaden“.
6. Dorf Pulst Mert Schober „des Commendherr Amtmann und Untertan“ (10) – Mathes Lerchinger, Leitgeb in Pulst „Balthasar Khulmer auf Hohenstein gehörig“ (16) – Veit Strohschneider „der Commende Unterthan“ (16) – Jörg Plasegger „dem Gottshaus Pulst gehörig“ (7) – Meister Jörg Prewalder ein Schneider und Zitherschläger „dem Gottshaus gehörig (8) – Lamprecht Pühler Mesner „Keusche gehört der Commende (9) – Jörg Gälle in der Schulkeusche, „Commende gehörig“ (9) – Gregor Preiner, Soldat und Feldpfeifer in Tischler Keusche ob Pulst in der Lading „dem Commendherrn gehörig“ (15) – Nicl Khapaniger an der Sperkh ob Pulst, Bierwirt „auf Liebenfels gehörig“ (11) – Meister Matthes Achatz, Schneider zu Pulst an der Lading „Commenda gehörig“ (8) – Thomas Schober zu Zemig „Commenda gehörig“ (18)
Es folgen nun ein paar weiter ab liegende Adressen, die nur pfarrlich hier her gehören:
Rappe in Liemberg „nach (Schloß) Pach gehörig“ (12) – Jörg Köstnig an der Matschnig Hube „der Commenda gehörig“ – Ruepp am Stein „ein Keuschen B. Khulmers Zuelehen ob Pflausach (8) – Georg Radnauer (Reidenauer?) „auf Kraig gehörig“ (13) – Margret Khobaltin Wittib „Commenda gehörig“ (8) – Eschling (Eslegger?) „Khulmer auf Rosenbichl gehörig“ (11) – Strassnig „Kaplanei auf Kraig gehörig“ (18) – Puechberg „Gotteshaus Pulst gehörig“ (12) – Puepetschach (Puppitsch?) Andre Salach „der Commenda gehörig“ (17) – Christan Marggi zu Peyssendorf Bierwirt mit Tafern „Zulehen der Commenda ansonst Gösserisch und ein Zulehen der Pfarre von St.Veit (23) – Clement Gälling (9) – Blasy Felfernig, Mayr zu Mailsberg „Hohenstein und Commenda gehörig“ (8) – Daniel Wrießnig „Bürgerspital St.Veit gehörig“ (11) – Lucia Alberin Wittib „Göss und Herrn Pfarrer von St.Veit gehörig“ (28) –
Rädlsdorf Lucas Trattnig „zur Kaplanei auf Karlsberg“ (11) – Jacob Guttenig zu Radelsdorf „der Commenda gehörig“ (11)
7. Dorf Feistritz Mert Krapfelder auf Khobolthube, zur Zeit Zechprobst „Commenda gehörig“ (13) – Sebastian Magges an Starkhube „auf Hohenstein gehörig“ (10) – Maister Mathes Mautz, Hufschmied „auf Hohenstein gehörig der alte Schmied Lutheran, sein Weib katholisch“ (13) – Christian Kropf daselbst, „Frauenstein gehörig incl. Gesellen (13) –
Meister Jörg Rab, Weber an der Feistritz „Gotthaus Pulst gehörig, zwei Weberknechte“ (9) – Meister Stacheß Öttl, Schneider „mit Familie und zwei Schneiderknechten“ (10) – Im Frauensteiner Meyerhof an der Feistritz „sind Gästleut (=Einwohner) und Tagwerker“ (7) –
Peter Begel oder Wolfauer „Welzerischer Wasserleiter an der Feistritz“ (5) – Bartl Schintler, Khulmer zu Zemtroßdorf Wasserleiter „mit Frau und drei Kinder, diese waren lutherisch, weswegen ich einen fürstlichen Befehl geworben, sie sollen sich binnen 6 Wochen mit Beicht und Kommunion einfinden, widrigens sie des Landes verwiesen….. haben sich am Hl. Pfingsttag eingestellt“ (5) – Mathes Glawitschnig, Gastgeb an der Feistritz „Zechprobst des Gotteshauses hier, auf Carlsberg gehörig“ (15) – Meister Blasi Raditschnig, Zimmerer, Gastgeb und Weinwirt, den man sonst Stattmeister nennt „auf Hohenstein gehörig, ein Müllner und Dienstboten“ (11) – Meister Andre Winkler, Müller an der Döber zu Feistritz
„der Frau Äbtissin zu St. Georgen gehörig“ (8) – Mayster Walthasar Selacher, Hackenschmied an der Döber zu Feistritz „der Frau Äbtissin zu St. Georgen gehörig mit Familie, Schmiedknecht und Schmiedjungen“ (8) – Meister Rueprecht Gradischnig, Sagmeister an der Döber zu Feistritz „dem Gottshaus Pulst gehörig, mit Weib, Kindern und einem Sagknecht zusammen“ (10)
„Hierauf folgen die Hammerleut an der Döber, so Frau Judith Parhtein geborene Schrittin Pflegerin zu Althofen die Hämmer von dem Gottshaus zu Pulst zu freier Stift inne hat darin sein Nagelschmiedn, Strecker, Zainer, Zerrinner und Drahtzieher in verloren Haufen und schlimm Gesindel die heut da sein morgen bald anderswo. Habs aber gleichwohl beschreiben wollen. Deren Bestandinhaber ist Paull Talletto ein Wellischer, Hans Pusggiasis sein Hammerschreiber, Maria sein Weib, Adam Zurle Zäner Paschka sein Weib haben zwei kleine Kinder Thomas sein Knecht. Gregor Wuschti Nagelschmied Lucia sein Weib Blasele sein Kind is järig Christina die Lockerin“
Auf etlichen 2 Seiten nur „Hammerleut mit Weib und Kindern“ Seelen in Summe (67) im einzelnen Sensen- , Pfannen- Huf- und Wagenschmiede, Zeug- und Hackenschmiede 
Am Wertsch Peter Wertschnig „dem Pfarrer auf St Gandolf gehörig Familie und Dienstleut“ (12) – Masa Hans Neßldorfer an der Masa (Masanig!) „Commend gehörig“ (18) – Moß Peter Pinter zu Moß in der Öden „auf Rosenbichl gehörig“ (5) – In der Strudeniz Keuschen „auf Hohenstein gehörig (5)
8.  L e b m a c h e r  Zuekirchen oder Filiale auf Pulst, „ist Gösserisch“ – Erhard Egger, Gösserischer Unteramtmann zu Lebmach, reichlich Familie, Dienstboten, Inwohner u.a. Tischler und Weber (28) – Adam Leitgeb zu Lebmach „Wirt und Zechmann zur Gösser Filialkirche daselbst“ (19) – Lucas Mättgo, „Zechner an der Burghuben zu Lebmach gösserisch mit Jacob Spitz Müllner und dessen Weib (24) – Caspar Wunder „an der Sörch Hube daselbst, gösserisch“ (10) – Lazarus Pfluegerer „gösserisch“ (14) – Ule Pierpämer „dem Herrn Domprobst auf Gurk gehörig“ (13) – Hans Mesner „der Kirche daselbst gehörig mit Gästleut“ (10) – Meister Mattheß Sträsgietl „der Kirche daselbst gehörig (8) – Meister Wastl Serz, Schuster „der Kirche daselbst gehörig, hat zwei windische Schusterknecht (8) – Ruep Huebmann „die Keusche gehört dem Adam Leitgeb, ist Junggesell, Jörgl sein Bruder, Urbandl ein Halter ist 12 Jahr einfältig, Mariedl ein kleines Dirnl, Eva hat ein Kind mit dem Ruepen, Name Tomerl“ (6) Vinzenz Burger „bei der Strassn, Gösserisch“ (7) – Mälßberg Urban Rapoldi „gösserisch“ (17) – Maister Blasi, Maurer „gösserisch“ (16) – Khreindorf Peter Finster daselbst Zechprobst gösserisch (16) – Hans Pach „gösserisch“ (16)

L a u s D e o Summa aller Pfarrkinder wie da verzeichnet 1004 Seelen

Reformation und Gegenreformation in St. Veit

Juni 23, 2016 um 14:48 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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In Kürze jährt sich zum 500sten mal ein Ereignis, welches geeignet war, große Erwartungen, aber auch tragische Auseinandersetzungen ins Römische Reich Deutscher Nation zu tragen. Römische Kaiser taten sich dabei um vieles schwerer als so mancher kleine König. Frankreich z.B. wurde vom Papst zugestanden, seine Bischöfe selbst zu ernennen (1516). Schweden löste Klöster, Abteien und Bistümer kurzerhand durch Enteignung auf (1531). Mit den Erlösen daraus schuf man sogar eine neue große Flotte! England hob aus bekannten Gründen eine eigene Staatskirche aus der Taufe (1534). Kathedralen, Landkirchen, Klöster und Abteien in Ruinen sind Anziehungspunkte für Romantiker.

Durch einen kleinen deutschen Mönch, namens Martin Luther mit seinen 95 Thesen (1517) und Streitschriften wider die alte Lehre einerseits, seiner  Bibelübersetzung ins Deutsche anderseits, war es zu länderübergreifenden Bewegungen gekommen. Mit diesem Jahre wird gemeinhin der Beginn der Reformationszeit angesetzt. Aber auch andere Reformatoren, inner- und außerhalb Deutschlands haben gegen Übelstände der Kirche angekämpft, wovon es ja wirklich reichlich gegeben hat. So war es gar nicht schwer, dagegen Stimmung zu machen. Die Motive  waren sehr unterschiedlich. Das tief gläubige Volk am Lande  und in den Städten –  solch Volk  fand sich vereinzelt auch auf Burgen und Schlössern – litt tatsächlich unter den gegebenen Zuständen und sehnte Reformen herbei. Dagegen war so manch rein weltlich gesinnter Patrizier oder Adelsvertreter sehr wohl in der Lage, über die Grenzen zu blicken. Da merkte man bald, was anderenorts im Aufstand gegen Rom alles  zu gewinnen war. Man musste nur einmal für allgemeine Entrüstung sorgen, dann könnte sich vielleicht auch im Reich etwas tun? Und es hat sich einiges getan,  zuerst wohl nur für den Adel, nicht so für ländliche und städtische Menschen!

Was hat der Augsburger Religionsfriede (1555) mit seinem Beschluss „Wessen Regierung – dessen Religion“  österreichischen Landen  gebracht? Eigentlich erst einmal nur Hoffnungen, nicht mehr. Handfester waren die späteren Verfügungen eines Erzherzogs Karl (Graz, 1572) mit freier Religionsausübung für Herren und Rittern bzw. bald schon für Bürger der  landesfürstlichen Städte (Bruck 1578). Solches Nachgeben erfolgte nur zum Schein. Gewissensfreiheit und eine ihr  entspringende Religionsausübung waren in  Städten, also auch in St. Veit, schon fast ein Lebensalter lang selbstbestimmter Alltag. Luthers Lehre fand bald nach 1550 zunehmend Anhänger in St. Veit (Martin Wutte). St. Veit galt als Hochburg des Protestantismus (Wilhelm Wadl). Die wahre Einstellung Karls, des Stadtherrn, spiegelte sich darin, dass er nach 20jähriger  Unterbrechung(!) 1572 in Graz (!) erstmals wieder eine pompöse Fronleichnamsprozession halten ließ und obendrein Jesuiten dorthin holte. Solch eindeutig gegenreformatorische Maßnahmen gab es in St. Veit vorläufig noch nicht! Hier waren Einkünfte aus Pfründen der Pfarre, des Klosters und der kirchlichen Stiftungen schon lange Sache des Stadtmagistrates. Unter Karls Nachfolger, Erzherzog Ferdinand, wurden die Schrauben merklich angezogen! Sehr bald kam es zu Vorladungen, Kerker und Geldstrafen gegen Bürger und Ratsherren. Damit stand die Ausweisung der Prädikanten in Verbindung (1582), sowie die Wiedereinsetzung eines katholischen Stadtpfarrers. Nicht vergessen sei die bewaffnete Strafexpedition eines gewissen Brenner, Bischof von Seckau,  (Herbst 1600) mit Einebnung des Evangelischen Friedhofes. Dieser Gottesacker wurde errichtet, als der wieder  installierte katholische Stadtpfarrer die Friedhofsperre für Evangelische verfügte. Noch konnten Adelige und Vermögende auf ihren Ansitzen in der Umgebung allen Bedrängten Hilfe leisten. Sie boten Gelegenheiten zu geheimen Gottesdiensten, auch Schulunterricht durch dort gerade noch gehaltene evangelische Hauslehrer. Wie lange noch und wie massiv sich dieser innere Widerstand auch öffentlich zu manifestieren wusste, belegen Gerichtsakten und protokollierte Zeugenaussagen von 1620. Es geht dabei um einen Stadtpfarrer. Er hieß Mavon (lateinisch Mavonius). Gegen ihn liefen mutige Ratsherren und selbstbewusste Bürger Sturm,  indem sie  ihn beim Salzburger Erzbischof, wenn auch erfolglos, anschwärzten. Sein privater Lebenswandel, Nachlässigkeiten und Versäumnisse im Kirchendienst und dass er für eine Teilnahme an der (wiedereingeführten!) Fronleichnamsprozession 20 Gulden im voraus haben wollte, waren nur einige der vielen  Anklagepunkte. Auch habe er die Ratsherren von der Kanzel herab Kirchendiebe gescholten. Warum wohl? In seiner Rechtfertigung  war Mavon  bemüht, die Unhaltbarkeit der Klagen und die Parteilichkeit der Ratsherren mit dem Bemerken zu untermauern, es seien in der ganzen Stadt kaum noch zwölf (!) gut katholische Familien zu finden. (Man könnte darin eine  Anspielung auf die Trabanten erblicken) Das heißt doch nichts anderes, als dass zwei Jahre nach Beginn des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges der Widerstand in St. Veit noch lange nicht gebrochen war. Dass man sich dabei, ohne es wahr haben zu wollen, längst  im „letzten Gefecht“ befand, beweist das Folgende:  War man einst strikte gegen jede Fronleichnamsprozession, so bildete plötzlich gerade deren  Ausführung Anlass zu scheinheiliger Beanstandung! Natürlich wurde von Mavon genaue Abrechnung und Rückstellung der entzogenen Einkünfte verlangt und durchgesetzt.

Auswanderungen ins Reich waren  jetzt, Vertreter einiger adeliger Familien ausgenommen, schon gar nicht mehr Thema, es sei denn, man wollte in den Krieg ziehen. Doch wer wollte das wirklich, ohne Not? Man hat sich gefügt, wenn auch nur äußerlich. Dem ständig zunehmenden Druck wollte man lieber ausweichen. Paul Dedic untersuchte in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Matrikeln unzähliger evangelischer Gemeinden in Württemberg, Franken, Hessen und darüber hinaus. Sterbe- und Trauungsbücher nennen kaum einen St. Veiter unter hundert Exulanten. Ebenso wenig scheinen St. Veiter in den diversen Exulantenlisten, Almosen-Rechnungen der Städte auf oder kommen in  sogenannten Leichenreden vor.

Als ein schönes Zeichen des einmal selbstbewussten Aufbruches evangelischer  Bürger und Ratsherren kann man das im Jahre 1564 begonnene Bürgerbuch der Stadt St. Veit ansehen. Es wird im Kärntner Landesarchiv verwahrt.Ausgabe1_2006_Rathaus-Justizia-HelgaRader  Das Rathaus von St. Veit (Teilansicht) mit Justicia und Reichsadler

St. Veiter Goldhauben – und Nachtrag von 2012

April 12, 2012 um 09:32 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Hier vorne rechts befand sich einst der Rößlwirt mit Saal. Lange Zeit war es der  beliebte Stand- und Festplatz  der Goldhauben und Trabanten.

 

E i n l e i t u n g

 Das bisherige Fehlen einer eigenen Vereins-Chronik ist ebenso zu bedauern, wie der weitgehendste Mangel an authentischen geschichtlichen Dokumenten aus früherer Zeit.

Eine zeitgenössische Chronistin hätte mit Sicherheit mehr an Wissen, Lokalkolorit, und Atmosphäre eingebracht, umgekehrt aber vielleicht den Nachteil gehabt, in ihrer Zeit verhaftet geblieben zu sein und die großen Linien eines so altehrwürdigen Vereines nicht annähernd zur Geltung zu bringen. Auch hätten es in dieser langen Zeit mehrere Schriftführerinnen sein müssen, was möglicherweise doch Lücken und Stilbrüche zur Folge gehabt hätte. So bleiben in der Hauptsache vier „Kassabücher“ des Vereines, die anfangs, d.h. ab 1885 spärlich, später zunehmend, wenn auch nie erschöpfend Nachricht über das Vereinsgeschehen geben. Auch vereinzelte Korrespondenzen und allerlei Schriftstücke, meist jüngeren Datums, konnten herangezogen werden. Eine Bearbeitung des reichen Fotomaterials, dieses aber ebenfalls nur selten beschriftet und datiert und nur vereinzelt in mehr oder weniger repräsentativen Alben (Nuhsbaumer, Wernitznig, P.Zechner) geordnet, war nicht vorgesehen, sollte aber unbedingt ins Auge gefaßt werden. Die oberflächliche Durchsicht führte zur Erkenntnis, daß eine systematische Zusammenschau von neuem, hier vorliegenden Text und vorhandenen Fotos durchaus geeignet sein könnte, Lücken hier wie dort noch zu schließen. Die vom Autor herangezogene und für etwaige Vertiefung empfohlene Literatur wurde fast durchwegs bei den entsprechenden Textstellen zitiert.

Zu den ungedruckten Quellen gehören: ein Manuskript von Herfried Verdino 1987 zur Stadtgeschichte, verschiedenste schriftliche Archivauskünfte und eigene Forschungen im Landesarchiv, Diözesanarchiv, Archiv der Stadt St.Veit, in diversen Pfarrmatriken sowie in den reichen Beständen des Bezirksgerichtes St.Veit (Grundbuch, Verlaßakten). Eine ganz wesentliche Hilfe bedeuteten Gespräche und Interviews mit Vereinsmitgliedern.

 Der Wunsch von Obfrau Christa Maria Ebner, einen möglichst tiefen  Blick in die Vereinsgeschichte zu wagen, getreu ihrem Wahlspruch

            „Das Gestern ehren, im Heute stehen, ins Morgen blicken“

verursacht zwar einige Mühe bei der Faktensuche, erlaubt aber zugleich, ein Jahrzehnte währendes Geschehen und Bemühen des, stets dem Wohle der Stadt und dem des Landes verpflichteten Goldhauben-Frauenvereines in einem Guß überschaubar darzustellen, zu gliedern und zu analysieren. All dies hätte kaum die Aufgabe einer permanenten Mitschrift sein können. Der statistische Teil soll verläßliche Rückschlüsse dort zulassen, wo die Quellenlage ansonsten versagen würde.

Ist es auch nicht leicht, die Tätigkeit der Goldhauben nachträglich und Schritt für Schritt in die Stadtgeschichte einzubetten, einen Versuch ist es allemal wert. Die Geschichte der Goldhauben ist und bleibt ein Spiegelbild der Geschichte der Stadt und umgekehrt. Allein die ewige Verjüngung St.Veits – hier ist nicht die rein biologische, sondern vor allem die durch Neuzuzüge von unternehmerischen Persönlichkeiten, bzw. von deren körperlich und/oder  vermögensmäßig attraktiven, wirtschaftstüchtigen jungen Bräuten gemeint – diese Verjüngung am Beispiel der Goldhauben und ihrer Ehemänner anschaulich zu machen, sollte sich lohnen.

1.  Die Zeit davor – Legende und Wahrheit

Vom einstigen, allseits anerkannten Experten der St. Veiter Stadtgeschichte, Dr. Fidelius Widmann (1899-1982) existiert eine handschriftliche Notiz aus ca. 1947/48. Demnach sei die Vereinigung der Bürgerfrauen von St. Veit aus der Liebe zum Nächsten geboren worden. Als die Pest im Lande und auch in unserer Stadt wütete, hätten tapfer Bürgerfrauen in der Krankenpflege Heroisches geleistet und Opfer an Gesundheit und Leben erbracht. Sie schlossen sich damals zu einer Vereinigung zusammen, deren Tadition von den Goldhauben-Frauen hochgehalten wird. Maria Theresia soll die Pestkranken ihrerseits besucht und den Bürgersfrauen als Dank das Recht verliehen haben, beim sonntägigen Kirchgang ein schwarzes Seidenkleid und die Goldhaube zu tragen. So weit die bisher, leider unbelegte Legende, die damit aber nicht einfach abgetan sein soll.

 Bewiesen, und nachzulesen in der „Geschichte zur Kleiderordnung“ von Gertrud Hampl-Kallbrunner, Wien 1962 ist hingegen, daß ausgehend von der 1530 erlassenen Polizeiordnung des Augsburger Reichstages, bzw. der Forderung an Kaiser Maximilian von 1518 eine Österreichische Landeskleiderordnung zu erlassen, dieses leidige Thema der Luxus-Bekämpfung für lange Zeit nicht von der Tagesordnung verschwand. 1527 erließ  Ferdinand I endlich das Gesetz über die „Neue Polizei und Ordnung der Handwerker und des Dienstvolkes der Innerösterreichischen Lande“ und 1542 erging eine Polizeiordnung u.a. gegen Fluchen, Zutrinken, Spiel und   s ü n d i g e    P r a c h t “. Die Verlautbarungen der Magistrate, das Verlesen von der Kanzel, die Androhung von Strafen, Belohnungen für Anzeiger und in Aussicht gestellte Konfiskation von teuren, vor allem von italienischen und französischen Stoffen hatten nur wenig Wirkung. Standesbewußtsein und Wohlhabenheit auch nach außen hin zu zeigen, erwies sich allemal stärker als Gebote und Verbote. Waren anfänglich dem niederen Adel golddurchwirkte Hauben samt Ketten im Werte von höchstens 200 Gulden erlaubt, so werden bald auch die städtischen Magistrate in die Pflicht genommen, darauf zu achten, daß „sowohl den Geboten Gottes, als auch den gegenwärtigen Normen der Kirche entsprochen …..jeder nach seinem Stande sich kleide! Indem einer den anderen übertrumpfen wolle, komme es zu Neid, Haß, Unwillen und Abbruch der christlichen Liebe“

 Obzwar langsam die Denkweise des Merkantilismus platzgriff, welche der Wirtschaftsbelebung das Wort redete, führte lange davor die andauernde Türkennot zur Angst, durch übertriebenen persönlichen Aufwand Gottes Strafgericht herauszufordern. 1671erging  das Leopoldinische Luxuspatent, welches die Stände in fünf Klassen einteilte und jeweils strengste Verbote aussprach.  A u s l ä n d i s c h e  gold- und silberbestickte Stoffe, Borten, Fransen etc waren dem niederen Adel und demselben gleichgestellten Personen  v e r b o t e n Der dritten Klasse, d.h. den höheren Staatsbeamten etc. blieben Samt und Seide untersagt. Die vierte Klasse bildeten die bürgerlichen Handwerker und die fünfte die Bauern. Als man 1697 noch immer auf den gewünschten Erfolg wartete, kam es zur Einführung der Luxussteuer und hier scheint in der Niederösterreichischen Steuertabelle u.a. erstmals eine „Schopfhaube“ auf. Was dies im Einzelnen gewesen sein mag, kann man nur mutmaßen, aber nach einer „Drahtlhaube“ und somit nach einer Vorläuferin unserer späteren „Goldhaube“ klingt es durchaus. Karl VI, Maria Theresias Vater, verbot 1717 alle Leichtfertigkeit in der Bekleidung, während seine Tochter 1743 in Sorge um das Seelenheil ihrer Untertanen „ehrbare Kleidung“ verlangte und die Einfuhr von gold- und silberverzierten Gewändern verbot. Inländische Ware wurde 1749 für jedermann zugelassen, 1754 das Zugeständnis aber insofern zurückgenommen, als diese Freiheit nur den oberen Ständen zukommen sollte. Erst einem Berater, namens Justi gelang es, die Kaiserin allmählich umzustimmen, indem er darlegte,   i n l ä n d i s c h e r   Luxus sei nützlich,  er fördere den Verbrauch (d.h. die Wirtschaft und damit die Steuereinnahmen), verschönere und bereichere das Vaterland – Pracht vermehre Beschäftigung – die Entwicklung der österreichischen Industrie mache es möglich, alle Arten kostbarer Stoffe etc. im Inlande selbst herzustellen. 1766 schließlich sah die Kaiserin von der Erlassung weiterer Kleiderordnungen endgültig ab. „Jeder konnte nun tragen, was er sich kaufen wollte und leisten konnte!“ Von Privilegien ist im vorzitierten Druckwerk allerdings nicht die geringste Rede.

 Grundsätzliches über den ursprünglichen Zweck der Frauenhaube, deren Weiterentwicklung von der einfachen Leinen- zur Bodenhaube bis hin zur Goldhaube findet man im österreichischen Standardwerk von Franz Carl Lipp „Goldhaube und Kopftuch“ OLV-Buchverlag, Linz 1980. Dieses Werk gipfelt insbesondere in der Beschreibung der sogenannten „Linzer Haube“ und in der Erwähnung der modernen oberösterreichischen Organisationsformen  n a c h  1945. Auch hier fehlt jeder Hinweis auf irgendwelche  Privilegien der Kaiserin. Sehr wohl weiß Lipp bereits von den frühmittelalterlichen Grabfunden bei Villach-Judendorf, in deren Folge goldbestickte Textilreste von Bändern und Borten zu Tage gefördert worden sind. Gleichzeitig ergrabene Friesacher Pfennige erlauben es, die Bestattungen in die zweite Hälfte des 13. Jh. zu datieren. Nicht zuletzt wird auf die einschlägige Steinskulptur im Stadtmuseum Villach von ca. 1300 und auf  dort abgebildete Gemälde (Abb.4 und 5) St.Wolfgang,  F.Pacher 1481, sowie Museum Gotha 1490-1500 hingewiesen. Dies alles macht klar, daß es eine Art von bürgerlich-städtischen Goldhauben in unserem Raum schon sehr früh gegeben haben könnte. Übrigens, im Fotoalbum von Frau Nuhsbaumer sind auch lose Blätter mit interessanten Farbbildern von Goldhauben um 1800 aus dem Salzburger Museum Carolino-Augusteum eingelegt.

Ganz in geographische Nähe führt uns aber Friedrich Münichsdorfer in seiner „Geschichte des Hüttenberger Erzberges“, erschienen im Jahre 1870. Dort heißt es auf Seite 89 von den Hüttenberger Gewerken, daß sie schon 1666 die St.Veiter Handelsherren vor der Innerösterreichischen Regierung wie folgt anklagten: „Allein sie (die St.Veiter!) lassen sich wie Kinder der Landschaft (=Kinder des Adels) mit den edelsten und besten Speisen, auch kostbaren wäll´schen Weinen versehen, und sowohl Männer als Weiber ziehen in köstlichen Kleidern wie adelige Standespersonen daher..“ Das kann nichts anderes heißen, als „St.Veiter Eisenhandel und St.Veiter Goldhaube“ gehören irgendwie zusammen. Es ist doch eigenartig, daß die ältesten auf uns gekommenen Bildnisse und Gemälde von Goldhaubenträgerinnen fast durchwegs Bezug zum Eisenbergbau, Eisenhandel und zu Hammergewerken oder höheren Bergbeamten haben. Seien es die entsprechenden Abbildungen bei Carl Lipp, Bilder aus dem Fundus des Villacher Stadtmuseums oder gar ein Fund im Museum der kroatischen Stadt Rovinj. Die letzte Erwähnung ist doppelt interessant: Die Abgebildete ist eine geborene Obersteiner, 1804 in Hirt geboren und nach zweimaliger Verehelichung 1850 in Rosenbichel bei Pulst an Lungenschwindsucht gestorben. Obersteiner saßen in der 1. Hälfte des 19. Jhdts. auch auf Schloß Kölnhof oder am Pfannhof an der Wimitz und siehe da, „Anna Obersteiner aus Rovinj“ trägt die Haube mit w e i ß e m   Seidenband, wie sonst nur die St.Veiter Goldhauben! St.Veit als privilegierte Eisenhandelsstadt, hat in ihrer Blütezeit vermutlich mehr Goldhaubenträgerinnen gesehen, als jede andere Kärntner Stadt. Barock und kirchliche Prachtentfaltung auf der einen Seite, das ewig Weibliche anderseits mit dem gewissen Hang für das Schöne und Edle haben sich hier in gemeinsamem Interesse gefunden, wenn auch vorerst und für lange ausschließlich „zur höheren Ehre Gottes“ bei kirchlichen Festen und Umzügen. Das ist auch bis in den Vormärz hinein so geblieben, obwohl die Vorrechte des Eisenhandels schon nicht mehr bestanden und die Verarmung der Stadt inzwischen deutlich zugenommen hatte. Das Abwandern wohlhabender Familien wurde leider traurige Gewißheit. Die Goldhauben zu jener Zeit rein bürgerlich zu nennen, geht wahrscheinlich nicht an. Man wird wohl davon sprechen müssen, daß zumindest bis 1848 noch Patrizierinnen und die letzten Vertreterinnen des ehemaligen Eisengeschäftes das Sagen hatten. Wenn etwa Nachlaß-Inventare aus  1768/1784 von Klagenfurter Posamentiererinnen (=Posamentenstickerinnen), wie solche im Kärntner Landesarchiv, Klagenfurter Stadtarchiv I, Inventare, Testamente, Fasz. MCXXI, Nr.17 erhalten geblieben und dankenswerterweise von Herrn Joachim Eichert zur Verfügung gestellt worden sind, unter Rubrik „Leibskleider“ im ersten Fall  u.a.

4 Korsettl, 4 Mieder, 18 Tüchel, 19 Fürtücher, 3 Goldhauben mit Spitz(en), 4 geheftete detto und im zweiten Falle u.a. gar  z w ö l f   Goldhauben anführen, dann handelte es sich dabei nicht um persönliche Kleidungsstücke, sondern um Handelsware, was eine entsprechende Abnehmerschaft zur Voraussetzung hat. Ein kleiner Extrakt ist vielleicht sehr aufschlußreich. Es heißt da etwa:

1 zimmetfarben seidenes Doppeltüchel                                45 Kreuzer

1 ganz goldreiche Haube                               15 Gulden

1 alte silberreiche detto mit Goldspitz(en)      4 Gulden

1 alte goldreiche detto mit Blüml (bestickt?)  3 Gulden

1 blaustoffene detto mit Gold u. weiß.Spitz   2 Gulden       45 Kreuzer

1 alte goldreiche detto mit Silberstern            5 Gulden       24 Kreuzer

1 goldreiche detto mit Silbersträußl                5 Gulden       30 Kreuzer

1 grünseidene mit Gold und schwarz.Spitz    1 Gulden       45 Kreuzer

1 granatfarben wie oben                                  1 Gulden       12 Kreuzer

1 veiglblau wie oben                                                              45 Kreuzer

1 dunklgranatfarben wie oben                         1 Gulden       30 Kreuzer

usw. alles zwischen Fertig- Halb- und Rohprodukt, was die Preisdifferenzen erklärt.

Das waren nicht die einzigen Posamentierer und Bortenwirker, wie sich das Gewerbe nannte und auch die alte Herzogstadt St.Veit kannte solche Handwerker und Künstler. Ein Blick in das Bürgerbuch genügt, um ihr zahlreiches Vorkommen im Laufe der Zeit zu erfassen. Zwischen 1707 und 1794 gab es in St.Veit  v i e r  bürgerliche Bortenwirker und wer sagt, daß es nicht auch Vertreter dieses Berufsstandes gab, die ohne Bürgerrecht tätig waren? Alle lebten sie nicht von kirchlichen und militärischen Auftraggebern für Posamente, Litzen etc allein, nein, auch die Goldhaubenträgerinnen wollten schon zu dieser frühen Zeit mit solcherlei Ware bedient werden!

 Nähern wir uns aber getrost wieder der Vorgeschichte des Goldhauben-Frauenvereines!

Erst Vereinsfahne und Fahnen-Spitze von 1849, beides deutlich marianisch geprägt, lassen die feudal/bürgerliche Ausrichtung einer lange vorhandenen, inzwischen schwächer gewordenen alten Institution, in neu erwachter Kaisertreue und Gläubigkeit deutlich erkennen. Gesellschaftliche Durchlässigkeit überall dort, wo vermögensmäßige Ebenbürtigkeit vorlag, war immer schon möglich und selten ein Problem.

 Von den wenigen echten Fakten, die den Bestand einer geschlossenen Gruppe, in welcher Organisationsform auch immer,  v o r  1885 bezeugen, wären hier anzuführen: die schon genannte Fahnenspitze aus Messing mit Marien-Monogram und Jahrzahl 1849, die Fahne selbst, beidseitig geschmückt und auf einer Seite heute Hl. Maria mit Jesuskind und Hl. Anna (?), bis zur Erneuerung durch Felix Fiebinger nur Maria und Jesus zeigend. Des Weitern wäre zu erwähnen, ein Fahnenband mit Schleife bestickt „Der Rosenkönigin – gewidmet von den Frauen im Mai 1884“ sowie eine Silber-Schale im Hause Wernitznig mit der Inschrift „1881-1931 St.Veiter Bürger-Goldhauben-Frauen-Verein“ was sich persönlich auf  50jährige Mitgliedschaft von Frau Käthe Kobalter, wiederverehelichte Wernitznig bezieht. Die Broschüre zur 700 Jahr Feier der Bürgerlichen Trabantengarde zitiert auf Seite 22 eine Zeitungsmeldung vom 21.Jänner 1882. Demnach hätten die Frauen des Goldhauben-Vereines ein Trabanten- Kränzchen im Rößl-Saal „malerisch verschönt“. Auch weiß Norbert Rainer, damals noch einfacher Hauptschullehrer, später Schulrat, in seiner „Geschichte der Stadt St.Veit“ von 1903 zu berichten, daß Kaiser Franz Josef am 8. September 1882 am Bahnhof Glandorf Station machte und dort neben den Behördenvertretern, vom Veteranen- und Kriegerverein, von den Trabanten  u n d  von den Goldhaubenfrauen begrüßt wurde. Schlußendlich muß hier angeführt werden, daß im Vereinsregister der alten Landesregierung, heute verwahrt in der Sicherheitsdirektion für Kärnten, Abteilung Vereinswesen unter Nr.577 nicht nur der Vereinseintrag von 1885 aufscheint, sondern auch die damalige Befürwortung seitens der Bezirkshauptmannschaft St.Veit, wörtliches Zitat: „ es werden die angeschlossenen Statuten mit dem ergebensten Bemerken unterbreitet, daß  

d i e     C o r p o r a t i o n     i n   S t.  V e i t    s c h o n    a u s    a l t e n    Z e i t e n    h e r    u n t e r     d e r    B e z e i c h n u n g   “G o l d h a u b e n – V e r e i n”     b e s t e h t   u n d    d u r c h    d i e     A u f s t e l l u n g    d i e s e r     S t a t u t e n    d i e s e    C o r p o r a t i o n     n u r     e i n e    g e s e t z l i c h e ,   d a s     F o r t b e s t e h e n     s i c h e r n d e     F o r m     e r h a l t e n    s o l l”. 

Leider sind die Aktenbestände in der Bezirkshauptmannschaft, so ferne diese Vereinsangelegenheiten betreffen – wie eine genaue Nachschau erwies – schon längst ausgeschieden worden und daher nicht mehr greifbar.

So lange nicht neue, stichhaltige Argumente auftauchen, die eine andere Betrachtung erzwingen, sollte man nach heutigem Wissensstande davon ausgehen, daß es sich bei den ersten Goldhaubenträgerinnen in St.Veit um Vertreterinnen des Patrizierstandes, der Stadthonoratioren und Eisenhändler gehandelt hat. Patrizier, Richter und Räte bildeten für lange Zeit die anerkannte Oberschicht und standen an sich höher als gewöhnliche Bürger. Händler, Eisen- und Hammerherren auf der einen, Handwerksmeister und Gewerbetreibende auf der anderen Seite. Diese tonangebenden und vermögenden Persönlichkeiten mußten sich auch weniger um behördliche Vorschriften kümmern als der einfache Bürger. Innerhalb der Kirche und des Gottesdienstes gab es eine eindeutige Rangordnung. Der Sonntag wurde übrigens noch nicht abgesessen, sondern abgestanden, das heißt, die Bestuhlung unserer heutigen Bethäuser ist noch nicht so alt. Hier und bei den festlichen Prozessionen war für eine Patrizierdame vielleicht die einzige Gelegenheit von sich Staat zu machen. Ab der Barockzeit gab es – wie schon gesagt – deckungsgleiche Interessen der Amtskirche einerseits und von vermögenden Kirchgängern andererseits. Zu Prunk und Pracht der Kirchenräume und der kirchlichen Umzüge gesellte sich mühelos die bekannte menschliche, nicht allein weibliche Neigung, zu zeigen wer man ist und was man hat.

Es liegt auf der Hand, daß sich spätestens mit dem Ende der formellen Bürgeraufnahmen (1884) ein Riß auftat, der mitten durch die St.Veiter Bürgerschaft ging. Hier die einen, die sich noch auf Bürgerrecht im alten Sinne, auf Bürgereid, Bürgerbrief und Bürgertaxe berufen konnten, dort die anderen, welche infolge zehnjähriger Anwesenheit automatisch Bürger geworden sind. War man auf einer Seite zu Recht frustriert, so trachtete die andere, zu retten, was zu retten war bzw. das vermeintliche Manko durch besondere Tüchtigkeit auszugleichen. Motive für Vereinsgründungen, vor oder nach der gesetzlichen Regelung von 1867 konnten sein: einmal und vor allem eine  n e u e   gemeinschaftsfördernde Idee, fürs andere aber sehr wohl auch die Sicherung des Fortbestandes einer  a l t e n   eventuell vom Untergang bedrohten Gemeinschaft, wenn auch in abgeänderter, zeitgemäßer Form. Gerade dies scheint auf Grund des Vereinsregisterauszuges in unserem Falle nunmehr bestätigt. Ob im Vereinsnamen schon ab 1849 oder doch erst ab 1885 das Prädikat „Bürgerlich“ Verwendung fand, bleibt vorläufig offen.

 Um die einschlägige Literatur – welche, von Geramp und Koschier einmal ganz abgesehen – keineswegs überreich sprudelt, hinsichtlich organisierter Bürgerfrauengruppen im 19. Jhdt  sich aber total ausschweigt, mit einem vielsagenden Zitat abzuschließen, nur noch das folgende:  „Von der heimlichen Weiber wegen ist beschlossen, daß dieselben alle weder Pelzwerk, noch Seidenzeug, auch kein Sturzhütl, noch Hauben tragen, damit man sie vor anderen frommen (ehrlichen) Frauen erkennen möge; welche aber anders ginge, der soll man den Mantel nehmen zu Gerichtshanden. Sie sollen auch in der Kirche nicht stehen, wo die Burgerfrauen, und andere fromme Frauen stehen.“ (Deutsches Leben im 14.u.15. Jh., Wien 1892).

Jüngste Forschungsergebnisse wurden hier  im März 2012 aus aktuellem Anlass  nachgetragen und gleich ins Netz gestellt wie folgt:

Am Unteren Platz, heute Hausnummer 16, wohnte der bürgerliche Fleischhauermeister Johann Pippenbach. Ihm folgte 1828 seine Witwe Anna und bald danach Tochter Katharina, verehelichte Debellak.  Mit ihrem Gatten Thomas richtet sie 1830 eine Eingabe an den Magistrat, ihre eigene Mutter betreffend. Was sich im Landesarchiv unter Stadt St. Veit Faszikel 50 an wörtlicher Aussage findet ist ein echter Neufund, der geeignet erscheint, dem Anfangskapitel meiner „Chronik des St. Veiter Bürger-Goldhauben Frauen-Vereines“ (erschienen 2002 auf Anregung von Frau Christa Ebner) eine frühe, bislang nicht bekannte bürgerliche Hauben-Trägerin hinzu zu fügen. Der verkürzte Originaltext lautet, „der hohe Magistrat möge das täglich gefährlicher werdende Betragen unserer Mutter, welches auf einen ziemlichen Grad von Tollheit schließen lässt, untersagen. Außerdem habe sie allerlei Wertgegenstände zum Schwiegersohn Traunsteiner verschleppt, u. a. – und jetzt kommt es – 1 Goldspitz(en)haube, 1 Schwarzsamtenen Kittel mit Goldspitz(en) und 1 grünen zizenen Kittel.  Der weitere Verlauf der Familienfehde ist zwar nicht bekannt, dass es sich aber bei der Fleischhauermeisters-Gattin Anna Pippenbach, Lebenszeit ca. 1755-1830, um eine St. Veiter Goldhauben-Frau gehandelt hat, darf hier ohne Zweifel festgehalten werden. Die komplette Chronik von Walter Wohlfahrt siehe unter http://www.goldhaube.at

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