Von der Seilerin und ihrem Haus am Unteren Platz 9

Mai 28, 2019 um 16:53 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Ein hochbetagter Zeitgenosse erinnert sich noch heute, dass er,  unterernährt und immer hungrig, am Tag der Unschuldigen Kinder nie versäumte, der Seilerin in ihrem Hause möglichst als erster die üblichen Glückwünsche vor zu sagen. Das hatte einen ganz einfachen Grund. Die Seilerin, mit Namen hieß sie Gertrude Wrann, geborene Kofler, hatte immer einen Bäckerkorb voll frischer Semmel bereit gestellt. Jeder junge Gast durfte sich eine Semmel aus diesen Korb nehmen. Ein sehr willkommener und wertvollerer Lohn als jeder kleine Groschen, den man sonst kriegen konnte. Wer weiß heute noch, wie Hunger weh tut?

Demnach war die Seilerin also eine herzensgute, kinderliebende Frau und verdiente keine Nachrede und schon gar nicht das ungeheure Schicksal das sie erfahren musste!

Zur Person

Gertrude, 1892 unehelich geboren, war fesch und sauber, seit 1920 verheiratet aber schon  1926 von Tisch und Bett geschieden. Die Ehe mit dem zwei Jahre älteren Alfred Wrann blieb kinderlos. Der Staat erlaubte im Hinblick auf das mit dem Heiligen Stuhl geltende Konkordat nur eine solche Scheidung und keinesfalls eine zweite Ehe. Von dieser Zeit an musste sich die 34 Jahre alte Frau ohne jeglichen Schutz durchs Leben schlagen.  Seile wurden von ihr nicht erzeugt, nur gehandelt. Zuerst über Märkte und Kirchtage, später im Laden ihres eigenen Hauses. Bind-Seile, Tier-Stricke, Wäsche-Leinen und andere Sachen wurden in Stadt und Land gebraucht. Vielleicht war die Frau im Umgang mit Lieferanten, Konkurrenten, Ämtern und Behörden, vor allem aber in Gerichtssachen nicht immer gut beraten. Mag sein, dass sie schutzlos wie sie war, leicht übervorteilt oder ungerecht behandelt wurde.  Selbst ein Klagenfurter Rechtsanwalt spielte eine unangenehme Rolle. Als sie eines schönen Tages allen Ernstes mit leuchtender Laterne durch das St. Veiter Bezirksgericht wandelte, fragte man sie, was sie hier suche? Ihre Kurze Antwort „die Gerechtigkeit“. Das hätte sie wohl besser nicht tun sollen, denn jetzt wurde sie erst recht in die Mange genommen. Es genügte nicht, dass man sie ein übergeschnapptes, verschrobenes und verrücktes Weib nannte und solches sich über diverse Stammtische verbreitete. 1936 kam es tatsächlich zur Entmündigung und zur Bestellung eines gewissen Alois Bartl zum Kurator.

Dem „Endsieg“ entgegen

Hitlers Einmarsch in Österreich änderte sofort alles, u.a. auch die Ehegesetze. Die volle Scheidung war jetzt möglich.  Alfred Wrann konnte 1939 eine Zivil-Ehe eingehen und Gertrude  wurde die Gewerbeberechtigung entzogen! Zu dieser Zeit war die Bedauernswerte möglicherweise schon in der geschlossenen Abteilung in Klagenfurt, von wo aus sie gleich vielen anderen einem furchtbaren Schicksal (man sprach offen von „Unwertem Leben“) zugeführt wurde. (Dr Skrinzy läßt grüßen!) Es gab damals kaum ein Dorf, wo nicht plötzlich hier eine alte Dirn oder dort ein Bettler spurlos verschwand. Einfach schrecklich und uns heute unvorstellbar. War es die Angst der NS-Partei, noch vor dem „Endsieg“ Menschen verhungern zu lassen? Argumentiert wurde, die Lage erfordere äußerste Sparsamkeit im Verbrauch von Nahrungsmitteln.  Das Schlagwort lautete „Unnütze Esser“. Diese seien schuld, wenn nicht ausreichenden Nachschub an die Front gehen könne. Solche Parolen anzuzweifeln wäre sehr gefährlich gewesen. Schließlich war die Diktatur eine totale. Solch blinder Gläubigkeit aber noch in demokratischen Zeiten zu begegnen, gibt zu denken. Im Falle der jüngsten Wahlresultate bestimmter Gemeinden etwa des Gurktales /Kärnten muss man fragen, gibt es da bei 55%  Parteitreue wirklich noch die stille Sehnsucht nach „Führer befiehl – wir folgen Dir“?)

Die Kinder liebende Gertrude Wrann,  kostete diese Zeit alles, Geschäft,  Haus und Leben.

 

Haus v o r letztem Umbau

 

Nun zum Hause selbst.

Es handelt sich dabei um einen Bau über drei Geschoße und drei Achsen. Seine Geschäftslage an der Ecke Unterer Platz – Burggasse war auch für reine Wohnzwecke stets begehrt. Seit dem Stadtbrand von 1829 sind bis heute mindestens 12 verschiedene Eigentümer namentlich bekannt, darunter ein Bäcker, ja sogar ein Maurermeister. Ein solcher nannte sich Daniele Della Schiava und zog aus Friaul hier her. Für einen Maurer ist es wohl am leichtesten, aus einer Brandruine wieder etwas Bewohnbares zu machen. Vertreter dieser Familie, diesmal waren es allerdings Steinmetze, begegnen uns als Vorläufer der Firma Bulfon an anderer Stelle der Stadt. Herrn Daniele wurde sogleich behördlich eröffnet, als Zugezogener habe er auf die „Brandsammlung“  keinen Anspruch. Was hat man darunter zu bestehen? Stadtbrände gab es immer wieder in St. Veit und anderswo in Kärnten. Es bildete sich die Gewohnheit heraus, dass in nicht betroffenen Städten Kärntens für Brandgeschädigte gesammelt werden durfte. Immer wieder musste neu aufgebaut werden,  Änderungen und Verbesserungen versucht. Insbesondere die Geschäftsportale verlangten nach Anpassung und Modernisierung. Sehr beliebt war es, den Platz-Fronten die Mitteleinfahrt zu nehmen, den Hauseingang auf die Hofseite zu verlegen um dafür ein zusätzliches, dem Platze zugewandtes Verkaufsgewölbe zu gewinnen. Gertrude Wrann beauftragte 1927 Herrn Stadtbaumeister Tauschitz einen zeitgemäßen Um- und Ausbau am Hause vorzunehmen.

 

1934 wünschte Frau Rosa Gratzer ein neues Portal und 1952 das Wollgeschäft Grasser ein solches neu. Hausbesitzerin war zu dieser Zeit bereits Elfriede Pirkl, VS-Lehrerin, später Direktorin (1955-1999). Sie übernahm von ihrer Mutter Auguste Pirkl, geborene Kofler, welche 1943 Rechtsnachfolgerin von Frau Wrann, ebenfalls geborene Kofler. Ob bei diesem Eigentumswechsel eine Verwandtschaft zum Tragen kam, ist nicht überprüft, aber infolge der Namensgleichheit sehr wohl möglich.  Unter Elfriede Pirkl, sie hatte auch ihre Wohnung im Hause modernisiert, kam es zu Geschäftsvermietungen und zwar 1956 an die Anglo-Elementar Versicherung, 1960 an Franz  Seidl, Büromaschinen und schließlich 1973 an Schuhe Schweiger. Frau Pirkl verkaufte an Hans Brückler, der viele Jahre ein Bodenleger Gewerbe, später Firma Deutsch in der Bräuhausgasse betrieb. In diese Zeit fällt eine sehr bedeutende Neugestaltung. Es kam zu Teilung im Sinne des Wohnungseigentums-Gesetzes: 1995 bis 2015 etablierte im Erdgeschoß rechts sich zum Teil und im ersten Obergeschoß zur Gänze die Bundesländer-Versicherung (heute UNIQA). Das zweite Obergeschoß und das Mietlokal Pronto Moda blieb im Eigentum des Hausherrn. Eine neu geschaffene Stiege innerhalb des Geschäftes verbindet jetzt dieses mit dem Obergeschoß. 2015 erwarb die Pelze-Firma Peter Subosits die Eigentumsrechte von UNIQA.

 

Heutige Ansicht – Foto Rudi Wadl

 

 

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