Die bürgerliche Privat-Gilt im Jahr 1867

Juli 1, 2012 um 15:12 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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 Eine ernsthafte Befassung mit der Stadtgeschichte trägt immer wieder reiche Früchte! So erlaubt ein Neufund, den dankenswerterweise Frau Paula Zechner zur Verfügung gestellt hat, erstmals eine authentische Aussage über die legendäre Privat-Gilt. Der Name wird meist mit „Privat-Gilt“ und nur selten richtig mit „Privat-Gült“ verwendet. In Wahrheit war unter Gült durch das Spätmittelalter herauf ganz allgemein eine Ertragsliegenschaft oder eine Ansammlung von solchen (überwiegend bäuerlicher Natur) zu verstehen.

Ja, unsere Stadt war schon einmal reich, sehr reich sogar. Es war die Zeit mit eigenem Hochofen in der Urtl bei Guttaring, eine Zeit der stadteigenen Eisenhämmer an der Wimitz, vor allem aber eine Ära mit wohlhabenden „Eisen-Spediteuren“ und „Eisen-Negotianten“ innerhalb ihrer Mauern. So nannten sich die lange Zeit privilegierten Eisenhändler. Was sich damals an Haus- und Realbesitz der Stadt ansammelte, hat man sinnigerweise in etwa gedrittelt. Der erste  Teil, bestehend aus industriellen Anlagen, Stadtgründen, Wäldern und Stadthäusern wurde vom Stadtmagistrat als Ganzes genutzt. Das zweite Drittel, die sogenannte „Bürgermeisteramtsrealität“ – sie bestand vornehmlich aus Gärten in und um die Stadt – war eine Art Deputat des jeweiligen Bürgermeisters. Der Rest, eine große Masse von Wiesen, Weiden und Äckern im Weichbild der Stadt, war schließlich den Bürgern zum Gebrauche überlassen, die ja fast alle auch Acker-Bürger waren.

Eines Tages aber kam große Not über die Stadt. Der Hochofen machte schon längst Verluste, die Eisenhämmer gingen schlecht und die Handelsprivilegien wurden vom Staat kurzerhand aufgehoben. Lange wollte man die Misere nicht wahr haben. Man probierte noch das eine und das andere, doch die Schulden der Kammerstadt wurden nicht geringer, im Gegenteil, sie stiegen in beängstigende Höhen. Es kam schließlich zum Eingreifen der staatlichen Behörden und zur Auflage, alles, was nicht zu kommunaler Notdurft zählt, wie etwa der Wald am Lorenziberg als Brandreserve, zu veräußern und damit die Schulden abzuzahlen. Die Montan-Anlagen waren, wenn auch zu schlechten Preisen, bald verkauft, doch das reichte bei weitem nicht. Stadtverwaltung und Bürgerschaft waren verzweifelt. Was sollte aus der Stadt werden, wenn auch noch die Weiden, Wiesen und Äcker in andere Hände geraten. Da war guter Rat teuer! Aber, man wußte sich zu helfen. Waren die Finten vielleicht rechtlich nicht immer ganz stubenrein, man konnte ja notfalls prozessieren…… Hilf, was helfen mag! Man machte Scheingeschäfte, wehrte sich erfolgreich gegen alle diesbezüglichen Vorhalte und erreichte nach vielen Jahren des Streitens durch Hofkanzlei-Verordnung vom 1. Mai 1823 endlich was man immer wollte, die staatliche Anerkennung der selbstverwalteten „Bürgerlicher Privat-Gilde“

Der Statuten-Entwurf von 1867 ist an sich wohl ein Reformpapier, gibt aber die Erwerbsgeschichte vollkommen wieder. Auch wird man nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß alle Verwaltungs- , Organisations- und Rechtsverhältnisse, wenn auch leicht modifiziert, so doch noch größtenteils die Anfangsgegebenheiten von 1823 wiederspiegeln.

Zum Besitztum und seinem Erwerb wie im Entwurf aufgezählt:

a) die Bürgermeisteramtsrealitäten verkauft von der Kammerstadt St.Veit an Herrn Anton Strobl, von demselben mit Vergleich von 1796 der behausten Bürgerschaft abgetreten.

b) das Obermoos verkauft von der Kammerstadt an Herrn Ignatz Schwarzrok und von demselben mit Abtretungsurkunde 1790 an die Bürgerschaft übergeben.

c) das Fischwasser verkauft von der Kammerstadt an Herrn Franz Edlen von Koller, von diesem mit Urkunde 1791 der Bürgerschaft abgetreten.

d) das Schwein- und Kühmoos verkauft von der Stadt an Herrn Johann Meyerhofer, von selben mit Zession 1798 der Bürgerschaft abgetreten.

e) die Corpus Christi Bruderschaft (mit all ihren Untertanen)

von der Stadt an Herrn Anton Meyländer verkauft, von diesem mit Zession 1800 der Bürgerschaft abgetreten.

f) die Jagdbarkeit, verkauft von der Stadt an Herrn Franz Edlen von Milesi, von selben an Herrn Anton Strobl und von letzterem laut Vergleich 1796 der Bürgerschaft abgetreten.

g) die Turteltaubischen Realitäten, erstanden von der Bürgerschaft St.Veit laut Versteigerungs-Protokoll 1825.

Letztgenannte Realität erinnert an eine einst wohlhabende Familie namens Turteltaub mit reichlich Grundbesitz in der einstigen Klagenfurter Vorstadt, unter- und oberhalb der heutigen Lastenstraße. Durch frühen Tod der Eltern kamen die vielen minderjährigen Kinder unter verschiedene Vormundschaften und bald auch um ihr Erbe. 1825 war die „Bürgerschaft“, also noch keine Rede von „Bürgerlicher Privat-Gilde“, bereits in der Lage, bei Versteigerungen mitzubieten. Dies wiederholte sich später noch, wenn es um die Hubner-Hube in Glandorf, die Glanmühle oder um die Papierfabrik ging.

Wesentlich für die Entstehung dieser bürgerlichen Einrichtung sind allein die Erwerbungen a) bis f). Sie zeigen, daß man sich bewußt hochhonoriger Herrschaften als Mittelsmänner, man könnte auch sagen als Strohmänner bediente um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, man hätte – nach heutigem Ausdruck – Insidergeschäfte betrieben. Zehn Jahre genau, also von 1790 bis 1800 zog sich der volle „Rückerwerb“ hin, um ja keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Welche echten Geldflüsse sich dabei ergaben und ob überhaupt, ist nur mehr schwer auszumachen.

Die berechtigten „Behausten“

Insgesamt führt der Statuten-Entwurf 171 Häuser mit namentlich genannten „gegenwärtigen Besitzern“ an. Davon entfallen 97 auf die Innenstadt, 30 auf die Villacher- , 9 auf die Friesacher- , 13 auf die Weitensfelder- und 22 auf die Klagenfurter Vorstadt. Wer zwei oder mehr Häuser sein eigen nannte, scheint dementsprechend oft auf. An sechzehn Bürger konnte 1867 anstatt der üblichen zwei nur ein „Terrain“ zugeteilt werden. Es wurde ihnen jedoch ein zweites bei erster Gelegenheit fix zugesagt. Unbehauste Bürger wurden berücksichtigt, so ferne sie ein Realgewerbe ausübten. Interessant ist die Erwähnung, daß sogar Besitzer der Umgebung und zwar der Poganzer ebenso wie der Radinger Pachtgründe erhielten, weil das Trinkwasser der Stadt von deren Grundstücken kam.

Separat ausgewiesen werden 53 Hausnummern mit „Keuschen-Terrain“, hauptsächlich in den Vorstädten gelegen und möglicherweise insgesamt auf Gründen der Gilde.

Einige Paragraphen aus dem Entwurf

 § 7 ermöglicht den Tausch von zugeteilten Flächen gegen eine Umschreibungs-Taxe.

§ 9 sagt, sollte ein Haus demoliert werden, dann verfallen die Terrain-Rechte.

§10 regelt Besitzveränderungen (Verkauf, Tausch etc.) bei denen eine Immatrikulierungs-Taxe von 20 Gulden in die Gildenkasse zu erlegen ist.

§13 sieht vor, daß falls die Bestreitung der Gilden-Auslagen es erfordert, eine prozentuelle Erhöhung der Terraingaben vom Gildenausschuß vorgenommen werden kann.

§14 Reklamationen wegen Gabenverringerung (Ernteschäden etc.) sind vom Ausschuß zu untersuchen.

§15 Eventuelle Überschüsse sind zur Hälfte gleichmäßig unter den Teilhabern zu verteilen.

§16 Die Gilde repräsentieren 1 Verwalter, 8 Ausschußmitglieder, 3 Stellvertreter, deren Wahl alle 5 Jahr erfolgt. Der Ausschuß wählt aus seiner Mitte einen Stellvertreter des Verwalters, dem die Kassenkontrolle und Kassen-Mitsperre obliegt.

§17 Dem Verwalter ist das Gildenvermögen, Gilden-Archiv und Gilden-Siegel anvertraut. Er beruft den Ausschuß bei dringenden Geschäften auch außerhalb der gewöhnlichen Sitzungstage ein. Verträge über Käufe und Verkäufe oder sonstige Urkunden sind vom gesamten Ausschuß zu unterfertigen.

§19 Jeden ersten Montag im Quartal versammelt sich der Ausschuß zur Beratung. Dazu ist schriftlich einzuladen. Entschieden wird durch absolute Mehrheit. Über die Vorträge ist Protokoll zu führen. Zur Beschlußfähigkeit ist die Anwesenheit von zwei Drittel der Ausschußmitglieder erforderlich.

§21 Alle Funktionen des Ausschusses sind unentgeltlich zu verrichten, da sie einem Ehrenamte vorstehen. Für den Vorsteher wird eine jährliche Remuneration von 150 Gulden festgesetzt.

§22 Eingezahlte Kapitalien müssen in der Regel sogleich und ohne Unterbrechung der Verzinsung vorzugsweise bei Gildenteilhabern, wenn sie hinlängliche Sicherstellung bieten können, angelegt werden.

§24 Der Verwalter hat jährlich Rechnung zu erstatten und diese binnen 6 Wochen dem Ausschuß zur Prüfung vorzulegen.

§27 Die vorliegenden Statuten sind von allen Teilnehmern zu unterfertigen, wer sich weigert, gibt sein Mietrecht auf und die seinem Hause zugeteilten Terraine werden eingezogen.

 Ohne jeden Zweifel wirkte diese segensreiche, stets bestens verwaltete Einrichtung bis zur freiwilligen Auflösung um 1897 herum, nicht allein zum Wohle ihrer Teilhaber, auch ganz allgemein für die übrige Stadt, ob es dabei um die Glanregulierung, um die neue Heuwage, um den Schlachthof, um den neuen Friedhof oder was immer ging. Stets zeigten die Amtsträger vollstes Verständnis für die allgemeinen Belange. Das Prinzip der Selbstverwaltung trug in diesem Kreise die schönsten Früchte. Über viele Jahrzehnte, in guten und schlechten Tagen, war die Bürgerliche Privat Gilde Voraussetzung zur Eigenversorgung mit Lebensmitteln für Hausleute und Gesinde.

Walter Wohlfahrt in „Sankt Veit Kommunal“

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