Das einstige Lazarett

April 7, 2012 um 16:10 | Veröffentlicht in St.Veit | Hinterlasse einen Kommentar
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Das sog. Lazarett am Eingang des Vitusgrabens, vom Parkplatz aus gesehen.

Ansicht von der Hangseite. Brücke später hinzugefügt, als aus dem Lazarett längst eine Armen-Wohnung gemacht worden ist. Heute Eigentum des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder.

Noch einmal sei über das Lazarett am Eingang zum Vituspark berichtet, das manchmal auch Militärspital genannt wurde. Die Baubeschreibung ist letztens zu kurz gekommen, auch über die Insassen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts läßt sich noch  Interessantes anmerken und vielleicht all das mit einem grundsätzlichen Bekenntnis abschließen.

Der Erste und Zweite Schlesische Krieg waren schon verlustreich zu Ende, als man um 1750 herum daran dachte, für kranke Soldaten der St.Veiter Garnison eine eigene Bleibe zu schaffen. Der Bauplatz am Stadtrand in gesunder Luft und sonniger Lage war gut gewählt. Es gab ja noch nichts in der näheren Umgebung, was den freien Blick nach Süden verstellt hätte. Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder etwa  – bis 1918 „Kronprinz Rudolf Spital“ genannt  –  sollte noch lange auf sich warten lassen. Die Konzeption des in den Hang gestellten Komplexes war klar und zweckmäßig. Von den drei Geschoßen diente das unterste für Vorratshaltung und bot Platz für Arbeitsräume, das mittlere mit eigener Küche der Leitung und dem Personal, das dritte, das trockenste und sonnigste endlich der Unterbringung der Kranken. Die Zugänglichkeit der drei Stockwerke ist auch heute noch nur von außen möglich, der Keller von unten, zweites und drittes Geschoß von der Hangseite her (siehe Foto!)

 Der Siebenjährigen Krieg (= Dritter Schlesischer Krieg 1756 bis 1763) zwischen Maria Theresia, ihren europäischen Verbündeten einerseits, und dem Preußenkönig Friedrich mit England anderseits, hatte Auswirkungen selbst auf unser Städtchen und sein Militärspital. Österreich wollte nämlich das ihm in den Jahren 1742 und 1745 durch aufgezwungene Friedensschlüsse abgejagte Schlesien zurück holen und machte dazu alle erdenklichen militärischen und diplomatischen Anstrengungen. Viele Jahre wogte das Schlachtenglück im verlustreichen Bruderkrieg hin und her und erst das Jahr 1763 brachte im Frieden von Hubertusburg die Entscheidung zu Gunsten Österreichs. Eine Delegation der Stadt unter Anführung von Stadtpfarrer Tschernigoi begab sich daraufhin sogar nach Wien, um der Kaiserin die Glückwünsche der Stadt zu überbringen. Es wurde nicht nur die Pfarrkirche mit erbeuteten preußischen Feldzeichen beschenkt, sondern zuvor schon St.Veit mit  preußischen „Prisoniers“ d.h. mit Kriegsgefangenen „gesegnet“! Es muß sich dabei um eine beträchtliche Zahl gehandelt haben, wenn allein im Krankenrevier am Obermühlbach zwischen 1761 bis 1763 sage und schreibe 28 „gefangene Preußen“ gestorben sind! In Wirklichkeit waren die meisten davon gebürtige Schlesier, junge Kerle und alte Veteranen aller Dienstgrade, gerade einmal 21 Jahre alt die Jüngsten und 53 die Ältesten, fein säuberlich mit Namen und Herkunft verzeichnet, meist sogar mit Angabe ihrer militärischen Einheit. Nicht vermerkt ist, ob sie an erlittenen Plesuren, an Seuchen, mangelnder medizinischer Versorgung oder einfach aus Heimweh zu Tode kamen. Was die Sache zusätzlich beleuchtet: Es gibt auch Einträge von Todesfällen wie folgt: „Preußisches Kind 2 Tage alt“ – „Preußisches Kind 10 Tage alt“ – „Kind eines preußischen Gefangenen 10 Tage alt“ – „Kind eines preußischen Husaren

5 Wochen alt“ – „Weib eines katholischen preußischen Soldaten, 22 Jahre alt“ Das wird wohl heißen, daß wenigstens die gesund gebliebenen  preußischen Prisoniere in der Stadt einige Freiheiten und Sympathien genossen. Anders wäre es nicht möglich gewesen, hier zu heiraten und Kleinkinder zu haben. Ein beredtes Zeugnis wäre dies allenfalls dafür, daß die einfachen  Leute sehr wohl ein Herz für einander hatten oder vielleicht in den Schlesiern sogar eigene Landsleute sahen, die zuvor nur all zu rasch vom neuen Landesherrn in den Militärdienst gepreßt wurden. Ganz im Gegensatz zu den Staatenlenkern, die aus Großmannssucht und Habgier unzählige Menschenschicksale mit Tod, Körperschäden, Gefangenschaft und Zwangsarbeit  leichtfertig aufs Spiel setzten.

 In der Welt ist dergleichen immer noch gang und gäbe. Europa hat sich dieses sinnlose Gegeneinander jedenfalls  – sieht man von wenigen und kurzen Episoden ab – 60 Jahre lang gottlob ersparen können. Wäre das nicht ein Grund, die Europa-Idee zu begrüßen, zu unterstützen und zu fördern?                                                                                                      V/2006

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